Wiedergefundene Traditionen

Ich

Kartoffelsalat mit Würstchen. Oder Würstchen mit Kartoffelsalat? Egal. Als Bub, so mit fünf bis zehn Jahren war es mir an bestimmten Tagen ein Gräuel. Um es einmal genau auszudrücken: genau am 24. Dezember. Nicht, dass er mit nicht schmeckte. Aber, kennen Sie ein Kind, das am Heiligen Abend nicht aufgeregt ist? Ich jedenfalls nicht. An manchen Jahren war es sogar so schlimm, dass der Hals wie zugeschnürt war. Wer kann da schon Kartoffelsalat mit Würstchen essen? Und Kartoffelsalat mit Würstchen gab es bei uns am Heiligen Abend immer. Kein Fisch, kein Braten, keine große Tafel.
In den nächsten Jahren hasste ich Kartoffelsalat mit Würstchen immer mehr. Denn wir waren arm damals. Nicht so arm, dass wir hungern mussten. Aber doch so arm, dass meine Eltern uns Kindern, wir waren zum Schluss drei an der Zahl, so manchen Wunsch verwehren mussten. Das Geld war einfach nicht da. Ich bin nicht böse darum. Es hat mich geprägt. Für ein Leben lang. Ich schmeiße keine Lebensmittel weg und schätze auch die kleinen Dinge des Lebens. Also – die wirklich Wichtigen!

*

Irgendwie verschwand im Herbst auf wundersame Weise die Puppenstube meiner kleinen Schwester. Und der Bauernhof von mir mit seinen Tieren war auch weg. Manchmal fehlte auch eine andere Puppe oder beschädigtes Spielzeug. Wir vermissten diese Dinge anfangs nicht. Es war Herbst. Wir durften Drachen steigen lassen und nutzen die Zeit der Kartoffelferien, um uns so 2 – 5 Mark beim Bauern zu verdienen. Wir waren Könige…

Und dann kam die Zeit des Novembernebels. Trübe Tage voller Kühle, Nässe und Ungemütlichkeit. Da war es schon angenehmer in der Küche bei Muttern zu hocken, das Knistern der Holzscheite im Ofen zu hören und die wohlige Hitze des Herdes zu spüren, während draußen die Regentropfen an die Scheiben platschten. Manchmal war es so schlimm, dass die Fenster von innen beschlugen und das Wasser an den Scheiben herunterlief. Eine kleine Dachwohnung halt.
Zeit zum basteln. Die Tage waren merklich kürzer geworden. Draußen spielten immer weniger Kinder. Und manchmal besuchten wir Nachbarskinder uns gegenseitig, um zu spielen. Ein heißer Kakao und ein Stück Kuchen war da oftmals bei deren Eltern drin. Wir freuten uns immer darauf. Es schmeckte herrlich…

Während wir die Zeit genossen, wurde immer mehr Spielzeug aus den Ecken hervor gekramt. Langsam tat sich Langeweile auf. Und dann vermissten wir auf einmal die Puppenstuben und die Bauernhöfe. Auch intensives Suchen und das Zerwühlen von Schränken und Schubladen half da nichts. Zumal sie ja allein der Größe wegen nicht zu übersehen gewesen wären.
Der Keller war zu nass, als dass sie dort gelegen hätten. Und der Dachboden, den wir ein dutzendmal durchsuchten, gab auch nichts her. Und so fragten wir eines Tages unsere Mutter, ob sie die Sachen gesehen hätte. Sie sah uns nachdenklich, irgendwie fragend, leicht schmunzelnd an, sagte nichts. Auf das wiederholte Nachfragen von uns Kinder, meinte sie dann nur lapidar, das diese Sachen dann wohl nur vom Christkind geholt worden sein können. Es gäbe ja so viele arme Kinder. Und da müssten wir etwas von unseren Spielsachen hergeben. Aber genau, ja, so ganz genau, nein, das würde sie wohl auch nicht wissen. Und schon war das Thema für sie erledigt und sie widmete sich wieder ihrer Hausarbeit.

Aufgeben war nicht drin! Immer wieder suchten wir in allen Ecken. Und bei vielen Nachbarskindern und Freunden im Dorf war es genauso. Auch dort verschwand auf geheimnisvolle Weise Spielzeug. Das schien mich zu beruhigen. Zum einen, weil dann doch wohl etwas dran sein musste an der Geschichte. Zum anderen aber auch aus Schadenfreude. Wenn ich schon den Schaden haben sollte, dann die anderen auch. Das versüßte den Schmerz des Vermissens etwas. Dann brach die Lichterzeit an: der 1. Advent war da.

In der Schule wurde gebastelt und gewerkelt. Die Lehrerin erzählte jeden Tag eine Geschichte. Der Klassenraum war auch geschmückt. Auf dem Lehrerpult stand ein Adventskranz und in der ersten Stunde brannte immer die Kerze. Auch hatten wir alle eine Kerze von daheim den Tischplatz mitgebracht und durften diese, meist umrahmt von einem kleinen Tannenzweig. Den konnte man am Straßenrand oder von den Tannen des Nachbarn problemlos klau.., ich meine mitgehen, nein äh, gerne abpflücken. Gesagt hat damals keiner was. Wir waren ja nicht so blöd, uns erwischen zu lassen. Tannen, die für uns Kinder auf dem Weg zur Schule günstig standen, sahen kurz vor dem Heiligen Abend reichlich gerupft aus. Ich denke heute, dass alle Nachbarn ein herzliches „Hosianna“ gen Himmel schickten, als die Lichterzeit dem Ende entgegen ging und die Tannen eine echte Überlebenschance bekamen. Doch wir hatten immer frische, nicht rieselnde Zweige für unsere Tischkerze. Und das war das Wichtigste!

Schnell war sie herum, die Zeit des Wartens. Zwanzig der vierundzwanzig Türchen des Adventskalender waren auf. Während wir soviel zu tun hatten, einschließlich der Bastelei der Weihnachtsgeschenke, dass die Tage quasi nur so dahin rasten, vergingen sie doch so schmerzhaft langsam, wenn wir an den Heiligen Abend und die erhofften Geschenke dachten.

Jedes Warten hat einmal ein Ende. Und so gingen wir, meist mein Vater und ich in den eigenen Wald und suchten einen Weihnachtsbaum aus, den es abzuhacken galt. Die Gunst der Stunde nutzend, fragte ich dann ganz desinteressiert, so irgendwie nebenbei, jedoch mit klopfenden Herzen, ob er schon etwas von den Weihnachtsgeschenken gehört hätte. Doch auf diesem Ohr hörte er schlecht. Außer einem irgendwie unverständlichen Gemurmel war ihm da nie etwas zu entlocken. Und so wurde ich immer kribbeliger. Nachfragen bei den Freunden half auch nichts. Sie waren genauso ratlos – die Alten mauerten…

*

Dann war es endlich soweit. Der Heilige Abend war da. Schon am frühen Morgen gab es in unserem Haus ein geschäftiges Treiben. Mutter kochte Pellkartoffel, während Vater aus dem Hühnerstall einen Korb voll Eier holte. Wir Kinder störten! Wenn es das Wetter zuließ, mussten, beziehungsweise dürften wir hinaus in den Schnee. Dort traf sich dann alles, was in der Nachbarschaft wohnte und unter 1,50 Meter groß war.
Rätselraten, was es denn wohl zu Weihnachten gäbe. Wir Kleinen waren da ganz zuversichtlich. Hatten doch unsere Briefe sicher das Christkind erreicht. Und dieses würde sicher unsere Wünsche erfüllen. Die „über 1,50 Meter-Großen“ saßen meist leicht grinsend etwas abseits und hörten uns zu. Manchmal lachten sie. Weshalb? Dies sollte mir noch einige Zeit ein Rätsel bleiben. Solange, bis der Tag kam, an dem auch ich eingeweiht wurde und wusste, wie das Geschenke bringende Christkind wirklich aussah.

Am Nachmittag ging es in die Kirche. Wir freuten uns immer ganz besonders auf den Weihnachtsgottesdienst mit dem Krippenspiel. Und die Zeit ging dann auch etwas schneller rum. Langsam wurde es dunkel und wir immer aufgeregter. Manchmal schickte uns unsere genervte Mutter noch eine Stunde ins Bett. Ihre Nerven lagen wohl ziemlich blank. Doch an Schlafen war da nicht zu denken. Gegen ½ 6 Uhr wurde zu Abend gegessen: den berühmten Kartoffelsalat mit Würstchen. Doch an Hunger war da nicht zu denken. Die Aufregung war enorm. Und als das Glöckchen aus der guten Stube seinen Klang verlauten ließ, stürmten wir hinein. Denn das Christkind war da. Doch konnten wir so schnell sein, wie wir wollten – wir sahen es nie. Einmal hatte ich Glück. Ich sah die Türe zum Wohnzimmer, die, die auf den Flur führte, gerade noch zugehen. Doch gleich darauf kam mein Vater aus der Küche ins Zimmer, etwas außer Atem, nur um mir zu sagen, dass ich die Türe nie öffnen darf, da das Christkind sonst böse würde. Und ob es dann im nächsten Jahr wiederkommt, das wäre dann wohl unwahrscheinlich.

Und dann ging es an die Geschenke. Und da war auch die Puppenstube meiner Schwester. Daneben stand ja auch mein Bauernhof. Die Puppenstube war neu tapeziert, hatte auch neue Möbel dazu bekommen, während der Bauernhof einen neuen Anstrich hatte, neues Moos und auch einige neue Tiere. Ja, da hatte das Christkind sich wohl Arbeit gemacht.

Tja, all diese Gedanken gingen mir gestern durch den Kopf, während ich auf dem Weihnachtsmarkt war, vor dem Kinderkarussell stand, die leuchtenden Augen und die vor Aufregung roten Bäckchen sah der „unter 1,50 Meter“ sah.

Ja! Lang, lang ist es her. Kartoffeln muss ich noch kaufen. Und Wiener Würstchen…

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