Auf der Jagd

Ich

Großkopf saß schon eine Stunde an dieser Stelle. Ohne Bewegung, wie erstarrt. Er war auf der Jagd. Alle Sinne geschärft, hochkonzentriert. Keine Bewegung, kein Zittern verriet ihn, machte seine Beute misstrauisch. Seine Deckung war hervorragend. Wer es nicht wusste, konnte 30 cm vor ihm stehen und würde ihn nicht sehen, bis es für ihn zu spät war.

Der Morgen hatte sich, wie immer, durch ein schnelles Hellerwerden des Licht- und Lebenspenders bemerkbar gemacht. Seinen Augen machte es nichts aus. Er konnte sie den Lichtverhältnissen hervorragend anpassen.
Es war seine erste Jagd seit langem. Wie lange, konnte er nicht sagen. Dazu reichte sein Verstand nicht aus. Es waren in erster Linie seine Instinkte, denen er es verdankte, der Beste seiner Gruppe zu sein. Deshalb war er auch der Anführer, trotz der überwundenen Schwäche, die ihn unfähig gemacht hatte, auf die Jagd zu gehen. Es hatte seine letzte Kraft gekostet, seine Stellung zu behaupten. Widerstrebend wurde ihm etwas von der Jagd mitgebracht. Es waren nicht die besten Stücke, die ihm die Gruppe überließ. Aber sie halfen, dass er wieder zu alter Stärke und Stellung zurückfand. Manchmal lag auch einfach nur etwas da, wenn er erwachte.
Sein Magen knurrte, die Därme waren leer. Hunger, eine fast übermächtige Gier schien ihn übermannen zu wollen. Richtige Schmerzen durchbohrten seinen Bauch. Doch er hatte genug Disziplin, sein Versteck nicht zu verlassen, oder eine Regung zu zeigen. Er hatte Zeit. Wenn nötig, alle Zeit der Welt.

Großkopf wartete…

Bald würden sich die übermächtigen Dämonen wieder zeigen. Riesige Augen, undeutliches Gemurmel, das ihn ängstigte. Doch sie kamen ihm nie zu nahe, hielten sich immer auf eine gewisse Distanz. Mal waren es viele, mal nur einer, manchmal kam eine zeitlang gar keiner. Und immer nur dann, wenn der Licht- und Lebensspender aktiv war. Nie in der Dunkelheit. Dann waren er und seine Gruppe in Sicherheit.
Großkopf glaubte, dass seine Vorfahren aus Madagaskar kamen. Ob es stimmte, konnte er nicht sagen. Er wusste es einfach. Er selbst lebte schon immer hier. Ein traumhaftes, wenn auch kleines Territorium, das er beherrschte. Immer ein gutes Klima. Wie durch Zauberhand waren über Nacht schlechte Bäume gegen neue ersetzt worden. Und auf ein sicheres Jagdergebnis konnte man sich täglich verlassen, wenn man sich nicht zu blöd anstellte.

Noch waren die Geister nicht da. Aber er spürte innerlich, dass sie gleich kommen würden. Und dann war auch die Beute da. Dumme, kleine rosa Tiere, die man leicht überwältigen konnte. Viel kleiner als er, dumm und der Körper glatt und schutzlos. Wenn ihn der Rausch überkam, verschlang er gleich eines hier an Ort und Stelle. Erst dann machte er sich auf, eine Beute für die Gruppe zu suchen. Für die Alten, Kranken. Undankbar wollte er nicht sein.
Es raschelte. Er vernahm es mit seinem empfindlichen Gehör schon von weitem. Sein Blick ging nach rechts, ohne den Kopf zu wenden.
Da!
Eine erste Beute kam langsam, schnuppernd direkt auf ihn zu. Seine Sinne waren aufs Äußerste gespannt. Die starken Muskeln traten hervor, sein Atem ging kurz und schnell. Sein Jagdtrieb war geweckt.
Mit seinem zweiten Auge sah er Dämonen erscheinen. Sie verhielten im bekannten Abstand, schienen auf ihn und auf seine Beute zu zeigen. Doch damit konnte er sich jetzt nicht befassen. Als zurzeit „ungefährlich“ registriert, traten die Dämonen, die großen Augen, das leise Murmeln als Nebensächlichkeit in den Hintergrund.
Jetzt war die Distanz richtig. Die Beute konnte nicht mehr schnell genug fliehen. Seine Muskeln schienen zu explodieren. Er schoss hervor, packte zu!

„Hans, schau!“ Knut Therjung zeigte nach vorne. Unser „Phelsuma madagascariensis grandis“ ist wieder auf dem Damm.
„Knut, kannst du nicht einfach sagen: unser „madagassische Taggecko“. Ich hasse diese lateinischen Namen.“
„OK! Der Cheffe frisst wieder. Es geht ihm wieder gut! Das Mäusebaby ist ex!“
Die beiden Pfleger des hiesigen Zoos gingen weiter, um die nächsten Tiere des Terrariums zu füttern, bevor die Besucher – die „Geister“ kamen.
Und Großkopf zog sich zufrieden zurück. Wartete. Er hatte alle Zeit der Welt…

Anmerkung
Diese Reptilien habe ich auf Madagaskar kennen und lieben gelernt. Sie werden bis zu 30 cm groß und von den Einwohnern gerne in und um ihren Wohnungen geduldet. Es sind die besten Insektenvertilger. Dieser Großgecko ist grün und mit dunklen Punkten, Flecken und Linien bedeckt. Er sieht sehr schön aus.
Er lebt gerne an den Mauern der Häuser oder auch auf Bäumen oder Bananenstauden. Er ist so kräftig, dass er nicht nur Insekten und kleine Echsen, sondern auch nestjunge Mäuse fressen kann.

Ein Gedanke zu „Auf der Jagd“

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