Als es noch Negerküsse gab

Ich

Als meine Frau und ich heute einkaufen waren, sah ich einen großen Angebotsstapel „Schaumküsse“ im Supermarkt stehen. Du meine Güte – ewig hatte ich die nicht mehr gegessen. Und so packte ich eine Schachtel mit 9 großen „Schaumküssen“ in den Einkaufswagen.
An sich nichts Besonderes… wenn ich die Schaumküsse beim Auspacken nicht aus Versehen auf die heiße Nachtspeicherheizung gestellt – und vergessen hätte!
Eine gute Stunde später bemerkte ich das Desaster. Ich öffnete die Schachtel und da tropften auch schon die klebrigen Überreste auf die Heizung. Während ich die eklige Schokoladen-Schoko-Eiweißpampe mit allerlei Tücher und Reiniger zu entfernten versuchte, nicht ohne mir entsprechende Kommentare meiner Frau anhören zu müssen, fiel mir eine Kindheitserinnerung ein.

Meine kleine Geschichte spielt in einer Zeit, als man noch ungestraft Negerkuss statt Schaumkuss sagen durfte, ohne dass gleich jeder an Diskriminierung farbiger Mitmenschen dachte, Zeder und Mordio schrie und alles auf die Goldwaage legte, was man sagte. Die Zeit war entspannter und lustiger… zumindest aus Sicht eines Dreikäsehochs, der ich zu dieser ja Zeit war.
Ich erinnere mich noch genau. Es war im Sommer 59. Wir wohnten in einem Altbau, Baujahr so um 1750, direkt unterm Dach. Das, was es dort im Sommer zu heiß war, war es dann im Winter zu kalt. Fernseher, was ist das? Musik kam aus dem Dampfradio und statt eines Kühlschrankes gab es einen kleinen Eisschrank. Ich hatte im April meine Schultüte bekommen und ging jeden Tag brav den Berg hinauf in unsere kleine Dorfschule. Sie bestand aus 2 Klassenräumen. 1. – 4. und 5. – 8. Schuljahr. Ja, das waren noch Zeiten…

Dann, einige Monate später, waren Sommerferien. Hurra! Die ersten im Leben eines Erstklässlers. Diesen ersten Feriensommer in unserem Dort erleben, hieß aber auch, einen der heißesten Sommer der Nachkriegszeit kennenzulernen. Die Wiesen waren fast verdorrt, das nur noch spärlich vorhandene Gras, braun-schwarz verbrannt, nur noch an den schattigen Rändern als schmutziges Grün zu erkennen, das Wasser knapp und die Fische: ja. die gingen schon mit Wasserflaschen auf dem Rücken zu Fuß durch den Fluss. Braungebrannt und barfuß durchs Leben, Gummitwist, Schwimmen und Fußball… Für uns Kinder damals, eine heiße, aber auch herrliche Zeit.

Ich freute mich an dem bewussten Samstag, dem Tag, an dem meine Geschichte spielt, darauf, nach dem Frühstück mit zwei meiner Freunde zum Kaufmannsladen zu gehen. Er war bestückt mit einer Unzahl interessanter und schmackhafter Dinge. Da waren Lebensmittel, Miederwaren, Strümpfe, Werkzeug und allerlei Fremdes aus der fernen, weiten Welt. Wir Kinder stöberten gerne dort, obwohl wir meist weggescheucht wurden, da wir alles durcheinander brachten.
Doch an diesem Samstag waren wir willkommen. Es war uns nämlich gelungen, dort eine kleine Arbeit zu ergattern: wir sollten die Pfandflaschen hinten auf dem Hof sortieren und in die passenden Holzkästen räumen und aufstapeln. Als Lohn dafür winkten jedem von uns 20 Pfennig Arbeitslohn und einige edle Naschsachen, wie Schokolade, Lutscher – Negerküsse. Wir durften die Tüten sogar selber nach unserem Geschmack füllen.
Ob wir diese Arbeit bekamen, weil sie dem Besitzer dienlich war, Ordnung in sein Leergut zu bekommen, oder ob er darauf hoffte, anschließend, zumindest eine zeitlang, vor uns Ruhe zu haben, darüber verschwendeten wir keinen Gedanken. Für uns waren die 20 Pfennig und die Naschsachen an diesem Ferientag das Himmelreich auf Erden.

Während ich mir eine frische Tasse Kaffee gönne, die Sauerei auf der Heizung ist mittlerweile weg, da meine Frau das Elend meiner Reinigungsversuche nicht mehr mit ansehen konnte, und es kurzerhand selber wegwischte, muss ich über den Ausgang der Geschichte schmunzeln. Doch will ich hier nicht vorgreifen.

Ich sehe noch in Gedanken, wie wir drei, Peter, Hartmut und ich, uns gegen 9 Uhr auf dem Hof vor unserem Haus trafen, und uns, zu der noch halbwegs kühlen Morgenstunde, auf den Weg zum Kaufmann machten. Wir mussten nur rund 500 Meter in Richtung Bahnhof gehen. Die kurze Strecke verging wie im Flug, zumal wir uns schon lautstark darüber Gedanken machten, was wir anschließend anstellen wollten, beziehungsweise, was wir von dem vielen Geld kaufen wollten. Ein neuer Fußball wäre nicht schlecht. Doch der kostete mehr als 60 Pfennig.
Beim Kaufmann angekommen, machten wir uns auch gleich, lautstark weiter diskutierend, an die Arbeit. Sie ging uns schneller von der Hand als und lieb war, sahen wir doch den Lohn in Gefahr, wenn wir zu schnell fertig wurden. Und so räumten wir erst einmal die Hälfte wieder raus und anschließend wieder ein, nicht ohne kräftig dabei zu klappern. Wir schafften es auf diese Weise, eine weitere Stunde zu „arbeiten“. Aber dann hatten wir keine Lust mehr. Außerdem wurde es langsam richtig heiß und wir fingen an zu schwitzen. Und so gingen wir vom Hinterhof nach vorne in den Laden und verkündeten stolz, fertig zu sein. Zusammen mit dem Kaufmann begutachteten wir unsere Arbeit, wobei er sich lobend über die getane Arbeit äußerte und wir wieder in den Laden zurück gingen, um den Lohn der Arbeit zu kassieren. Neben den 20 Pfennig, die jeder direkt auf die Hand bekam, konnten wir uns ja jeder noch eine Tüte voll Naschsachen aussuchen. Wir wussten gar nicht, was wir zuerst nehmen sollten. Doch, was jeder von uns wollte – Negerküsse! Die waren riesig groß, sahen verlockend aus, dufteten verführerisch und wollten einfach von uns vernascht werden.
Dem Rat des Kaufmanns, bei der Hitze besser keine Schokolade zu nehmen, ignorierten wir in der Gewissheit, dass er es uns nur nicht gönnen würde, und füllten beherzt unsere Tüten weiter mit diesen Köstlichkeiten. Zum Schluss packten wir noch jede Menge kleiner Bonbons und Brausepulver dazu, um die Zwischenräume zu füllen. Während unsere Tüten nicht voll werden wollten, wurde das Gesicht des Kaufmanns langsam immer länger. Sicher hatte er längst bereut, dass wir die Tüten selber füllen durften. Im Geiste überschlug er schon die Kosten, die er vor seiner Frau, das war ein echter Besen, vor der wir mächtig Angst hatten, rechtfertigen musste. Da sie aber übers Wochenende verreist war, hatten weder er, noch wir etwas von ihr zu befürchten. Schließlich passte auch beim besten Willen nichts mehr in die Tüten hinein und wir gingen, Freude strahlend, nicht ohne uns vorher wortreich bei ihm zu bedanken, hinaus in den immer heißer werdenden Tag.

Die Sonne stand hoch, am Himmel zeigte sich keine Wolke, das Thermometer stand sicher schon auf „Mirabellen“. Während wir in Richtung Fluss gingen, stopften wir uns den Mund schon mit allerlei Süßkram voll. Da wir ja „reich“ waren, wollte Peter die Mädchen holen, damit wir zusammen schwimmen gehen. Hartmut drückte mir auch seine Tüte in den Arm und wollte Handtücher holen. Ich soll schon mal alleine zum Fluss runter, meinte er, den Badeplatz sichern, bevor ihn andere aus dem Dorf belegten.

Und so hatte ich beide Arme voller Tüten, gepackt mit allen duftenden und süßen Köstlichkeiten, die sich ein Mensch nur wünschen kann, und ging vorsichtig, damit nichts verloren geht, zum Fluss hinunter. Dort angekommen, war ich noch alleine. Kein Mensch da. Die Tüten legte ich auf die Wiese und schaute erst einmal nach dem Wasserstand.
Leise plätschernd empfing mich der Fluss. Das Wasser war klar und kühl, ich verschwitzt und durstig. Ach, was soll’s, dachte ich bei mir, zog Lederhose, Hemd und Stümpfe aus und sprang ins Wasser.
Wie war das herrlich kühl und frisch! Ich trank einen großen Schluck Wasser, um den Durst zu löschen. Dann schwamm ich ein Stück hinaus und vergaß alles um mich herum. Bis ich… von lauten, wütenden Geschrei in die Wirklichkeit zurückgerufen wurde. Ich wusste erst nicht, was los war, bis ich am Ufer meine Freunde und zwei Nachbarsmädchen stehen sah. Sie winkten wie wild und riefen laut. Was? Das konnte ich wegen des Durcheinanders des Geschreis, nicht verstehen.
Am Ufer angekommen sah ich, was passiert war. Ich hatte die Süßigkeiten, für die wir den Vormittag hart geschuftet hatten, in die pralle Sonne gelegt. Und was das heißt… das war selbst durch mein Desaster vorhin nicht zu übertreffen gewesen. Was darauf folgte, möchte ich unter dem Deckmäntelchen der Verschwiegenheit hüllen, es wäre etwas peinlich – für mich – dies zu erzählen.

Ja, und diese alte Geschichte fiel mir schlagartig wieder ein, als ich vorhin brutal meine Negerküsse schmolz. Denn so heißen sie bei mir auch heute noch…

PS.
Ich bin dann noch einmal schnell in den Supermarkt gefahren und habe eine neue Schachtel gekauft. Denn der Appetit darauf ist mir trotzdem nicht vergangen.
Hm… lecker, klebrig, gut!

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