Das kleine dicke Mädchen

Ich

Tosendes Lärmen, Geschrei, heimliches Tuscheln…
Geräusche eines Schulhofes in der großen Pause. Es scheint keine ruhige Ecke zu geben in diesen Minuten der Pause. Während die einen Verabredungen treffen, stehen andere heimlich an unübersichtlichen Stellen und rauchen. Jeder scheint beschäftigt, jedem ist die Pause immer zu kurz. Doch es gab jemanden, dem die Pause viel zu lang war. Und das nicht nur heute.

Das „kleine, dicke Mädchen“. Unter diesem Namen kannte sie in der Schule jeder. Niemand wusste, dass sie eigentlich Beate heißt, eine schwere Stoffwechselstörung hat und wirklich nichts für ihre Pfunde konnte. Keiner war böse zu ihr. Nein, das konnte man wirklich nicht behaupten. Sie wurde halt nur nie eingeladen, niemand hatte Zeit, mit ihr die Schulaufgaben zu machen. Alle hatten immer etwas vor, wenn sie eine Einladung aussprach. Sie war halt nur „das kleine, dicke Mädchen“. Wer war sie wirklich? Wie sah ihr Elternhaus aus? Wie in ihrem Herzen? – Wen interessiert’s …
Beate sagte nichts dazu. Sie sagte nie etwas. Sie schaute, oberflächlich gesehen, fröhlich drein, war aber still und verschlossen. Längst war die Zeit vorbei, an denen sie Kontakte mit anderen suchte, wo sie sich anstrengte, dass man sie mochte oder in die Gruppe aufnahm. Das tiefgründige Lachen ihrer Augen war verschwunden. War die Schule aus, ging sie still und leise nach Hause. Morgens war sie eine der ersten auf dem Schulhof und in der Klasse war sie unauffällig. Sie war nicht schlecht, im Gegenteil. Sie zählte sogar zu den Besten in der Klasse. Doch niemand nahm sie zur Kenntnis, oder lobte sie. Für die Lehrer war auch alles in bester Ordnung. Die waren heilfroh, wenn die Klasse halbwegs funktionierte und sie ihre Ruhe hatten.

Eines Tages, es war ein Mittwoch im November, blieb ihr Stuhl leer. Das „kleine, dicke Mädchen“ war nicht in der Schule, obwohl sie sonst immer die erste war. Erst als die Stammlästerer wieder ihre stillen Witze über sie machen wollten, sahen sie, dass der Platz nicht besetzt war. Ein Raunen ging durch die Bänke. Wo war das kleine, dicke Mädchen, dass offenbar niemand mochte, das niemanden wirklich interessierte? Das nur dadurch auffiel, dass es heute nicht da war.
Schritte waren auf dem Gang zu hören.
Dr. Schmidt nahte. Die Englischarbeit war fällig.
Er schien dem Klang der Schritte aber nach nicht alleine zu kommen. Als die Türklinke nach unten gedrückt wurde, verstummte die Klasse und schaute aufmerksam in Richtung Eingang.

Durch die geöffnete Türe kamen mit ernster Mine Dr. Schmidt und der Direx in die Klasse und stellten sich vor die Tafel. Der Direx räusperte sich.
„Liebe Schüler! Ihr habt sicher schon bemerkt, dass der Platz von Beate Schmelzer leer ist.“
Er räusperte sich wieder und während er nach passenden Worten zu suchen schien, gab er sich einen Ruck.
„Also, es ist so, dass Beate gestern Nachmittag niedergestochen wurde. Sie ist im Krankenhaus auf der Intensivstation.“
„Aber Herr Direktor, wie geht es ihr denn? Was ist denn da passiert? Warum? Wieso?…“ Die Stimmen der Schüler überschlugen sich. Dr. Schmidt hob die Arme und beschwichtigte die Klasse.
„Bitte Ruhe! Lasst den Herrn Direktor doch ausreden! Bitte Ruhe!“
Langsam wurde es etwas stiller, so dass der Direktor weiterreden konnte.
„Bitte Ruhe! Ich habe mit den Eltern und dem Krankenhaus gesprochen. Man kann zu dieser Stunde noch nichts sagen. Es steht auf der Kippe. Wenn sie die kommende Nacht überlebt, wird sie es wohl schaffen.“
„Aber, warum? Weshalb?“ Die Schüler waren teils aufgesprungen, teilweise verstört, geschockt.
„Wie die Polizei mir mitteilte, ging Beate gestern Nachmittag alleine durch die Stadt und sah, wie ein Mann eine alte Frau berauben wollte. Niemand der Erwachsenen half der alten Frau. Nur Beate! Als sie mit dem Mut eines Löwen dazwischen ging, kam es wohl zum Handgemenge, bei dem der Räuber ein Messer zückte und Beate nieder stach. Mehr konnte man mir auch nicht sagen. Die Ermittlungen laufen noch. Ich halte euch auf dem Laufenden.“
Er nickte der Klasse zu und ließ sie in der Obhut von Dr. Schmidt. Mit der Klassenarbeit war es heute nichts. Alles drehte sich nur um das Thema des „kleinen, dicken Mädchens“.
Soviel Mut hätte ihr niemand zugetraut. So mancher machte sich seine Gedanken über das „kleine, dicke Mädchen“. Dr. Schmidt hielt es für das Beste, die Klasse nach Hause zu schicken und den Tag frei zu geben. An Unterricht war jetzt eh nicht mehr zu denken. Zu viel Emotionen waren aufgewühlt und alle waren betroffen. Das kleine dicke Mädchen sollte solch einen Mut haben? Etwas, dass sich wohl sicher auch die Stärksten in der Klasse nicht zutrauten. Viele gingen an diesem Tag nicht sofort nach Hause, sondern standen oder saßen zusammen und sprachen über „das kleine, dicke Mädchen“.

Als der Direx am nächsten Tag verkündete, dass Beate sehr viel Glück gehabt hatte, wohl in Kürze schon auf die normale Station konnte, war das „Hallo“ groß. In den darauf folgenden Tagen bekam der Mitarbeiter an der Telefonzentrale des Krankenhauses graue Haare, sooft riefen die Klassenkameraden an, nur um zu wissen, wann sie Beate besuchen konnten.

Fortan gab es kein „kleines, dickes Mädchen“ mehr an der Schule. Es gab nur noch Beate. Nur beim Sport, wenn Handball angesagt war, dann musste sie weiterhin ins Tor. Sie war halt etwas breiter, als alle anderen und füllte das Tor besser aus – das „kleine, dicke Mädchen“. Aber so durften sie nur noch liebe Freunde nennen. Und das war dann auch nur ganz lieb gemeint. Und wenn man Beate ansah, dann fand man in ihren großen blauen Augen wieder das Lachen, dass auch ihre Eltern lange nicht mehr gesehen hatten.

Von mir geschrieben und veröffentlicht unter dem Pseudonym „Melody Swan“

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