Das Loch in der Kamera

Ich

Fotografieren will gelernt sein.
Besonders dann, wenn es die Schwiegermutter ist.

Alles drehte sich um mich herum. Wo war ich? Es ist dunkel und kalt. Alles klingt dumpf und ich habe das Gefühl, im luftleeren Raum zu schweben. Die Stimmen sind fern und leise. Ich habe das Gefühl, laut zu schreien, aber niemand hört mich.
Da platsche ich in eine Flüssigkeit und ich meinte, wieder stofflich zu werden. Ich muss blinzeln, als mich das Licht mit seiner grellen Heftigkeit trifft.
“Die Aufnahme ist gut geworden.”
Ich höre die Stimme meines Schwiegersohns leise und sehe, wie er sich mit einer Lupe zu mir hinbeugt und teuflisch grinst.
“Hallo, liebe Schwiegermutter! Das hast du wohl nicht gedacht, wie?”
Er hängte mich zum Trocknen auf und ich war machtlos. Mochte ich mich noch so gegen die unsichtbare Wand stemmen. Ich kam nicht heraus. Wo war ich eigentlich? Ich schaute mich um und stellte fest, dass ich noch im Fotostudio meines Schwiegersohnes war.
Wir wollten einige Portrait-Aufnahmen machen und ich war mit ihm in den Keller gegangen, wo sein Fotostudio ist.

Wir verstanden uns in letzter Zeit nicht mehr so gut und ich hatte das Gefühl, dass er nur bei Gerti blieb, um eines Tages mein Erbe antreten zu können. Die Ehe stand nicht zum besten. Gerti hatte mir schon ihr Herz ausgeschüttet. Seit langen schon hatte sie den Verdacht, dass Heinz fremd geht. Und vor einer Woche hatte sie die Beweise in der Hand. Die Detektei hatte vorzüglich gearbeitet und alle Beweise geliefert, die sie brauchte, um die Scheidung einzureichen.
Heinz hatte unter Tränen alles eingestanden, als er die Fotos sah. Obwohl ich Gerti geraten hatte sich zu trennen, hatte sie sich doch wieder mit ihm versöhnt. Heute nun feierten wir Versöhnung. Heinz hatte sich angeboten, quasi zur Versöhnung, einige schöne Aufnahmen von mir und Gerti zu machen. Eines der Bilder sollte auf dem Kaminsims im Wohnzimmer zu stehen kommen.
Also war ich mit ihm ins Studio gegangen, um die Aufnahmen zu machen. Er hatte eine ganz neue Kamera aufs Stativ gesetzt. Für meine Schwiegermutter ist mir nichts zu schade, meinte er mit einem eigenartigen Lächeln. Nachdem ich in Positur war, ging er zu dem Apparat und mit leisen Summen erwachte dieser zum Leben.

“Keine Angst, liebe Schwiegermutter. So ist das heute mit den elektronischen Kameras.” Er schaltete noch eine Lampe ein, die aber ein eigenartiges blaues, pulsierendes Licht abgab.
“Einmal lächeln, bitte!”
Dies waren die letzten Worte, die ich bewusst mitbekam. Danach fing alles an, sich zu drehen und als ich wieder richtig denken konnte, befand ich mich hier.
“Du störst mich nicht mehr! Und dein Geld bekomme ich auch. Damit hast du wohl nicht gerechnet, oder?” Er kam auf mich zu und nahm mich von der Trockenleine.

“Ich sehe genau, dass du mich verstehen kannst. Doch hier kommst du nie mehr raus. Und Gerti wird neben dir an der Wand hängen. Ihr könnt dann beide zuschauen, wie ich dein Geld mit flotten, attraktiven Frauen durchbringe. Leiden, liebste Schwiegermutter, sollst du bis in alle Ewigkeiten!” Er nahm mich und trug mich die Treppe hinauf, bis ins Wohnzimmer.

“Wo ist meine Mutter?” Gerti schaute hinter Heinz und suchte ihre Mutter, die nicht mit hinauf gekommen war.
“Sie wartet unten auf dich. Ich möchte noch einige Aufnahmen von euch beiden machen. Hier schau mal!” Er zeigte auf mich.
“Gerti, hilf mir!”
Ich schrie und Gerti schaute auf das Foto.
“Als würde sie leben. Wie du das schaffst, solche Aufnahmen zu machen?”
“Das, liebe Gerti – das ist mein Geheimnis. Aber komm doch mit ins Studio. Dann machen wir die restlichen Aufnahmen.”
Sie gingen die Treppe hinunter ins Studio, wo aber Gerti ihre Mutter vergeblich suchte.
“Mutter ist eben auf die Toilette. Sie will sich frisch machen. Komm, wir fangen schon einmal an und ich mache einige Aufnahmen nur von dir.”

Heinz schaltete die Kamera wieder an, die mit einem leisen Summen zum Leben erwachte.
“Was ist denn das für eine Kamera? Die habe ich noch nie gesehen.”
“Die habe ich mir geliehen. Denn damit kann ich diese zauberhaften Fotos besonders gut machen.” Die Prozedur wiederholte sich und ehe Gerti sich versah, war auch sie auf dem Film gebannt. Eine halbe Stunde später war das Bild fertig. Heinz nahm die beiden Fotos, die wie er meinte, vortrefflich gelungen waren, und rahmte sie.
“Das war es, Ihr beiden. Nun gehört mir alles. Das habt ihr euch so gedacht, mich einfach ausbooten! Nicht mit mir.”

Er sah die Qualen in den Augen der beiden Frauen. Er sah ganz genau, daß sie ihn hören konnten. Eine teuflische Sache, das mit der Kamera. Das er dafür seine Seele verkauft hatte, war ihm egal. Er lebte heute und alles andere zählte nicht. Heute wollte er das Geld genießen und nicht, wie seine Schwiegermutter meinte, für das Alter sparen. Immer hatte sie etwas zu nörgeln. Sicher, wenn er unterwegs war, die jungen Models… Aber Gerti war ja selber schuld. Immer nur das Hausmütterchen sein. Im Bett nie etwas neues ausprobieren. Da kam schnell Langeweile auf. Und die jungen Dinger am Set legten es darauf an. Für die Karriere taten sie alles. War es da ein Wunder, dass er schwach wurde?
War es da ein Wunder, dass er immer wieder neue Ausreden erfand und immer leichtsinniger wurde?
Und dann der verflixte Detektiv. Schnell hatte er gespannt, dass der Mann hinter ihm her war. Ein Glück, dass Gerti so geizig war. So hatte sie den preiswertesten Hackenlatscher der Stadt beauftragt. Und als er ihn beim Spannen erwischte, bedurfte es auch nur noch einiger blauer Scheine und er war im Bilde.

An die Kamera war er durch eine Anzeige im Fotojournal gekommen. Als er die Adresse aufsuchte, stellte er fest, dass es sich um eine alte Pfandleihe handelte. Schon wollte er umkehren, als er die Fotos im Schaufenster sah. So etwas hatte er noch nicht in seinem Leben gesehen. Solch ein Leben in den Bildern. Man hatte das Gefühl, in der Szene zu stehen. Die Personen kamen einem vor, als würden sie in den Bildern leben. Er bildete sich sogar ein, als würde ihn die Frau auf dem Foto rufen.
Er wußte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie nah er mit dem Gedanken den Realität nahe kam. Also trat er ein in das Dunkel dieses Ladens. Nachdem er sein Anliegen dem Ladenbesitzer vorgetragen hatte, nahm dieser die Kamera mit ins Hinterzimmer, nicht ohne vorher die Ladentür abgeschlossen zu haben.
Dort zeigte er ihm erst einmal die ganzen Geheimnisse der Kamera. Heinz musste sie haben. Und das wusste der Verkäufer auch.
Heinz war wie im Fieberwahn. Diese Kamera musste sein eigen werden. Er war bereit, den Preis zu zahlen. Der Preis war hoch, doch ihm nicht zu hoch. Er war bereit, den Pakt mit dem Teufel einzugehen. Auch wenn er dazu jeden Monat eine Seele auf die Platte bannen musste. Allzu leicht war ihm zu diesem Zeitpunkt sein Part gefallen. Und wenn hin und wieder eines dieser jungen Dinger verschwanden – was soll’s? Jeden Tag verschwinden Menschen. Und ihm war ja nichts nachzuweisen. Keine Leiche – kein Täter!
Und keine Spur einer Gewalttat!
Und jetzt, nachdem ihm Gerti auf die Schliche gekommen war. Jetzt, wo sie ihm mit Rausschmiss drohte. Jetzt, wo das süße Leben zu Ende sein sollte. Da war dieser teuflische Plan gereift.

Er hatte extra auf die Versöhnung hingearbeitet. Er hatte heute alle Termine abgesagt, um seine Pläne zu verwirklichen. Auf dem Set hatte er gesagt, dass seine Frau und seine Schwiegermutter für 3 Wochen in die Karibik reisen wollten. Er wollte sie zum Flugplatz bringen. So war auch das Verschwinden zu erklären.
Die zwei Nutten, die er arrangiert hatte, um anstelle der beiden zu fliegen, waren mit einem guten Geldpolster versehen. Und bei der Heimkehr konnte er sie immer noch zu einem speziellen Fototermin einladen. Teuflisch lächelte er in sich hinein. So waren zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Doch vorerst wollte er seiner Frau und seine Schwiegermutter zwei hübsche Plätzchen über den Kamin besorgen. Er legte die Bilder auf den Sims.

“So, ihr beiden. Ich werde euch hier zwei Ehrenplätze herrichten. So könnt ihr nicht nur euch selber sehen, sondern auch noch mitbekommen, was ich mit eurem Geld mache. Leider hast du versäumt, mir die Konto-Vollmacht zu entziehen.”
Er sah seine Frau an und wusste – sie verstand ihn. Unendliche Qual und unverständliches Entsetzen las er in ihren Augen. Mit einem diabolischen Lachen entfernte er sich aus dem Raum, um Hammer und Nägel zu holen, um sein Werk zu vollenden.

3 Monate später…
“Heinz, kommst du?”
Martina schaute ihn lockend an. Sie hatte nur die verführerische Reizwäsche an und hielt ein Glas Champagner in Händen. Heinz hatte sich an das süße Leben gewöhnt. Immer wieder hat er seiner Frau und seiner Schwiegermutter vorgeführt, was er unter “Leben” verstand.
Nur er war in der Lage, den Schmerz in Ihren Augen zu sehen. Den Schmerz und die Hilflosigkeit. Waren sie doch nicht in der Lage, die Situation zu ändern. Mussten sie doch hilflos mit ansehen, wie er es mit den jungen Dingern trieb. Wie er sie provozierte, wenn er es bewusst hier vor dem Kamin mit ihnen trieb.

“Ja, Darling!”, flötete er.
Es war wieder der letzte des Monats und das neue Opfer war schon überfällig. Heute war die allerletzte Chance, seinen Vertrag zu erfüllen. Wenn nicht, dann war der Pakt, den er mit dem Höllenfürst geschlossen hatte, gebrochen. Ihm schauderte bei dem Gedanken. So beeilte er sich, dem Mädchen zu folgen. Es war eine einzigartige Gelegenheit. Denn es waren Zwillinge im Haus. Die erste musste er eine Minute vor Mitternacht auf die Platte bannen und die zweite direkt nach Mitternacht. So hatte er wieder einige Zeit Ruhe und konnte das süße Leben genießen.
Langsam machte er sich schon Sorgen. Er musste den Ort wechseln. Nicht lange und es fiel auf, dass hier in der Umgebung junge Frauen verschwanden. Er folgte dem Mädchen ins Studio, wo ihre Schwester auf dem Lotterbett wartete. Geile Lust durchflutete seinen Körper, als er an das dachte, was in den nächsten Stunden auf ihn zukam. Und er wollte jede Minute genießen. Nach Mitternacht war er erst einmal wieder allein. Also musste er die Stunden vor Mitternacht auskosten.
Heute wollte er nicht im Studio die Kamera einsetzen. Heute sollten seine Frau und seine Schwiegermutter besonders leiden. Denn heute sollte der Vertrag im Wohnzimmer vor ihren Augen erfüllt werden. So konnte er die beiden Frauen besonders demütigen.

“Oh mein Gott, Heinz! Was tust du mir an.”
Verzweifelt warf sich Gerti wieder und wieder gegen die unsichtbare Wand. Wie hatte sie in den letzten Monaten gelitten. Wieder und wieder hatte sie mit ansehen müssen, was der Mann, den sie einst so geliebt hatte, jetzt vor ihren Augen und vor den Augen ihrer Mutter, trieb. Längst war sie ausgebrannt und hatte keine Tränen mehr. Erstaunlicherweise wurde sie nie müde und konnte nicht schlafen. Sie hatte irgendwie telepathischen Kontakt zu ihrer Mutter, die sie sehen konnte, da Heinz sie im 90° Winkel zu ihr an die Wand gehängt hatte. Wäre ihre Mutter nicht gewesen, so wäre sie schon längst wahnsinnig geworden.
Ihre Mutter und ihr Glauben an Gott. Doch wo war Gott? Sie glaubte in einer endlosen Leere zu schweben. Zwischen Dasein und nirgendwo. Alles kam ihr vor, als wenn sie träumen würde. Wie oft hatte sie sich gewünscht, aus diesem Alptraum aufzuwachen. Doch sie musste leiden.
“Gerti!”
Sie hörte die leise Stimme ihrer Mutter im Gehirn. Sie hatten es geschafft, eine telepathische Verbindung aufzubauen. Es dauerte nie allzu lange, da es sie sehr erschöpfte.
“Gerti! Kannst du mich hören?”
“Ja Mutter, ich höre dich!”
“Das Schwein wird heute zwei Mädchen verschwinden lassen. Könnten wir doch nur helfen! Ich würde meine Seele dafür hergeben, wenn wir das Ganze beenden könnten!”
“Beten wir zu Gott! Nur er kann uns noch helfen. Und vielleicht hat er ein Einsehen und Heinz bekommt doch noch seine Strafe. Wäre ich doch seinen Worten nicht wieder erlegen gewesen. Aber irgendwie hatte er mich verzaubert.”
“Mach dir keine Vorwürfe, mein Kind. Das konnte niemand wissen. Auch ich bin auf ihn hereingefallen.” Ihre Stimme wurde wieder schwächer. Gerti merkte, dass der telepathische Faden abriss.
“Mutter?”
Der Faden war gerissen. Sie war wieder alleine und es graute ihr vor dem, was kommen sollte. Selbst wenn sie sich wegdrehte, war es, als würde sich das Bild wieder drehen und sie musste dem Treiben ihres Mannes zusehen. Genau sah sie, wie er zu ihr hinschaute. Sie wusste genau, wie er es genoss, sie zu quälen.
Es kam ihr vor, als wenn er sich in all den Jahren ihr gegenüber verstellt hatte. Wie konnte es ihr entgehen. So liebevoll und voller Zärtlichkeit war er am Anfang ihrer Ehe gewesen. Da sah sie, wie ihr Mann mit den zwei Frauen ins Wohnzimmer kam.

Champagnergläser in den Händen kamen sie kichernd in das Zimmer. Heinz hatte die Kamera und die Beleuchtung dabei.
“Schatz, was willst du denn damit? Du wirst doch keine schweinischen Fotos machen wollen?” Lüstern schaute ihn Beate, die Schwester des Models an.
“Na na! Du wirst doch nicht?” Kichernd zog sie sich auf die große Couch zurück.
Heinz löschte das Deckenlicht und sie machten es sich gemütlich. Er genoss diesen Abend heute besonders. Konnte er doch so seine Frau und seine Schwiegermutter noch mehr demütigen und leiden lassen.
Heute war wieder der Tag, wo die Kamera mit einer Seele gefüttert werden musste. War dies geschehen, hatte er einen Monat Zeit. In diesem Monat war es ihm möglich, mit der Kamera die besten Fotos der Welt zu knipsen. Längst war er in den wenigen Monaten zum Starfotograf aufgestiegen. Man riss sich um seine Bilder und er hatte phantastische Angebote bekommen.
Vorher war er ein Niemand gewesen. Nur das Geld seiner Frau und seiner Schwiegermutter hatte ihm die Türen geöffnet. Ohne das Geld wäre er heute noch ein Niemand – ein drittklassiger Fotograf in der Lokalpresse seines Ortes.
Doch jetzt war er ein Star!
Man riss sich um ihn und der Ruhm stieg ihm zu Kopf. Eine Party nach der anderen. Man lud ihn ein, wo man ihn noch vor Monaten mit dem Hund vom Hof gejagt hätte. Fast hätte er den Tag versäumt. Und dann hätte er den Pakt nicht halten können. Ihm grauste davor. Doch gerade rechtzeitig hatte er die beiden Mädchen abschleppen können. Nur zu gerne waren sie mitgekommen. Er – der Starfotograf wollte sie ablichten.
So wie auch er vor gar nicht allzu langer Zeit jeden Strohhalm ergriffen hätte, nutzen auch die Mädchen jedes Mittel, um den Weg nach oben zu schaffen. Und der ging in ihrer Branche gar zu oft durch die Betten aufwärts. Und genau das passte zu seiner Mentalität. So vergingen die Stunden. Die Kaminuhr schlug.
Er schaute hin und stellte fest, dass es nur noch eine halbe Stunde bis Mitternacht war. Höchste Zeit, die Vorbereitungen zu treffen. Er machte sich frei und kam aufs Thema.

“Mädchen, jetzt machen wir einige private Fotos! Ich muss doch testen, ob ihr fotogen seid.” Er grinste schelmisch und machte sich frei. Die Mädchen protestierten. Sie wollten lieber die Couch strapazieren. Doch Heinz schaffte es, sie richtig heiß auf das Fotografieren zu machen.
“Du, wir lassen uns aber nur auf dem Fell vor dem Kamin fotografieren.”
Beate zog einen Flunsch.
Das ist der Höhepunkt, schoss es ihm durch das Hirn. Dann habe ich auch noch meine Frau und die Schwiegermutter mit aufs Foto. Was mag dann da passieren? Ob sie dann noch mehr leiden? Richtig besessen war er bei dem Gedanken. Er baute die Kamera so auf, dass der Kamin direkt im Blickwinkel war. Die Lampe und einige andere Utensilien waren schnell gerichtet. Er schaute auf die Uhr. Noch 10 Minuten bis Mitternacht! Höchste Zeit also für ihn, die Vorbereitungen abzuschließen. Er wollte auf Nummer “Sicher” gehen, zumal er nicht wusste, ob die alte Kaminuhr, die noch mechanisch lief, auch genau ging.

“Mädels, kommt her! Ich will euch erst einmal alleine knipsen und danach zusammen!”
Die beiden Frauen kamen her und fingen an zu schmusen. Er wehrte behutsam ab und schickte als der Zeiger zwei Minuten vor Mitternacht war, Beates Schwester in die Küche. Sie sollte eine neue Flasche Champagner holen. So war die Frau nicht anwesend, während ihre Schwester verschwand. Kam sie wieder, konnte er sagen, dass sie im Bad sei und es war ihm dann ein Leichtes, nach Mitternacht das zweite Opfer zu bringen. So hatte er, wenn er diese Taktik bei behielt, rund zwei Monate Zeit, bis er wieder zwei Seelen opfern musste. Jetzt war es soweit: die Kamera summte, das blaue Licht pulsierte…

“Sag Cheese!” Er drückte den Auslöser! Dunkelheit umfing ihn. Wo war er? Er schwebte im Nichts!
“Nein! Nein!!! Mein Fürst, was ist mit mir?”
“Zu spät! 1 Stunde zu spät! Jetzt ist deine Seele mein…” Dämonisch lachte der Höllenfürst auf. “Du hast die Umstellung der Sommerzeit vergessen! Deine Opfer sind wieder frei. Dafür wirst du bis in alle Ewigkeit gefangen sein!”

Dunkelheit umfing ihn, als Gerti den Bilderrahmen in die Mülltonne warf. Denn als der Höllenfürst die Seele von Heinz nahm, war der Fluch der Gefangenen gebrochen. Und so stand Heinz jetzt im Bilderrahmen auf dem Kaminsims.

Einen Monat später. Es ist der bewusste Abend…
„Kommst du Liebes? Ich bin soweit.“
„Aber ja mein Schatz!“
Gerti ging mit einem Lächeln zurück ins Haus, wo Xaver erwartungsvoll im Wohnzimmer auf sie wartete. Wollte doch Gerti einige hübsche Aufnahmen mit dieser geheimnisvollen Kamera von ihm machen. Einer Kamera, die den jeweiligen Besitzer in einen dämonischen Bann zwang. Der Besitzer musste zwangsläufig fotografieren, musste immer erfolgreicher sein und – jeden Monat seinen Pakt erfüllen. Ja, Gerti hatte verstanden, um was es ging. Und Sie wollte auf jeden Fall schlauer sein, als ihr Mann. Sie wollte Macht, die absolute Macht. Und die bekam Sie, indem sie die reichsten und mächtigsten Männer der Welt fotografierte und in ihren Bann zwang. Und Xaver war eines der Testobjekte. Ja Gerti wollte Alles. Sekt oder Selters. Was anderes kam für sie nicht in Frage.

Xaver ging in die erste Etage und stellte sich aufreizend im Schlafzimmer auf das Bärenfell vor dem Spiegelschrank.
„Ist es so richtig?“
Xaver schaute zu Gerti, die an der Kamera hantierte.
„Was ist das denn für eine Kamera?“
„Eine ganz neue Kamera. Du wirst sehen, das gibt eine wunderbare Ausnahme!“
Xaver war gespannt. Gerti war schon eine Wucht. Er hatte sie vor einigen Tagen in einer Bar in Schwabing kennengelernt. Und es hatte direkt zwischen ihnen gefunkt. Und so war es schon fast selbstverständlich, das er die letzte Woche bei ihr in der Villa verbrachte. Gerti war, wie sie ihm sagte, eine erfolgreiche Fotografin. Und die Aufnahmen, die er hier bewunderte, übten tatsächlich eine einzigartige Faszination auf ihn aus. Und so war er gespannt, wie die Aufnahmen werden würden. Gerti hatte ihm zugesagt, das sie den Film gleich in der modern Dunkelkammer entwickeln wollte.

„Nun, halt still! Ich werde dich jetzt fotografieren.“ Gerti hatte sich hinter die Kamera gestellt und schaute durch das Objektiv.
„Aua!“ Ein Stich ging durch seinen Fuß und Xaver bückte sich. Er glaubte wohl in eine Reiszwecke getreten zu sein.
Und genau in diesem Augenblick drückte Gerti auf den Auslöser.
Und da passierte es…
Die Kamera fotografierte nicht Xaver, sondern das Spiegelbild von Gerti. Gerti hatte nicht Xaver erwischt, sondern sich selber, da der Spiegel der großen Schrankwand sie selber zeigte.
„Gerti, wo bist du?“

Xaver zog die Reißzwecke aus seiner Fußsohle und schaute irritiert zu der Kamera hin. Gerti war verschwunden. Und Gerti blieb verschwunden. Xaver suchte das ganze Haus ab und fand sie nicht. Doch was er fand, waren die Aufzeichnungen von Gertis ersten Mann, der die Geheimnisse der Kamera niedergeschrieben hatte. Er fand sie auf Gertis Schreibtisch. Als er alles gelesen hatte, standen ihm die Haare zu Berge. Minuten später hatte er das Haus verlassen und fuhr zu seiner Berghütte. Dort angekommen, schloss er sich erst einmal eine Woche ein und freundete sich mit einigen Flaschen Obstwasser an, um das Erlebte zu verkraften.
Und dann rief Xaver Mair mich – Duke Master, offiziell erfolgreicher Schriftsteller und was nur wenige Eingeweihte wissen, ein von der Schattenwelt gehasster und verfolgter Dämonenjäger, an…

Ich schaute auf. Der Sturm hatte eher an Stärke zugenommen. Zeit, das Haus zu kontrollieren. Eine viertel Stunde oder einen Rundgang später war ich wieder in der Bibliothek eingetroffen und goß mein Glas wieder voll.
Die Uhr schlug drei mal. Schon so spät?
Was soll´s.
Ich war nicht müde und schlafen konnte ich bei dem Unwetter auch nicht. Hoffentlich fällt nicht der Strom aus. Vorsorglich hatte ich die Stablampe bereitgelegt. Man kann ja nie wissen…

Ich setzte mich wieder in den Sessel und dachte an Xaver. Ja, das war schon eine haarige Sache damals. Ungläubig hatte ich ihm zugehört. Doch als er mir die Kamera zeigte, die er damals mitgenommen hatte und die Zeitungsausschnitte, die von dem Verschwinden Gertis und ihres Mannes berichteten, da glaubte ich ihm. Die Kamera ruhte seitdem in meinem geheimen Keller. Diesen hatte ich vor vielen Jahren entdeckt, als der Felsenkeller des alten Herrenhauses modernisiert wurde.
Doch nun schlug ich das Manuskript wieder auf und las Zeile um Zeile, Wort um Wort weiter, was ich niedergeschrieben hatte…

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