Die Geschichte vom Topf

Ich

Der Regen peitscht gegen das Fenster, orkanartiger Sturm lässt die Läden klappern, Blätter wehen durch die Luft.
Herbst!

Ich sitze am PC und schaue aus dem Fenster. Gerade eben habe ich meinen Kontostand online kontrolliert. Auch kein Grund, aus der Depression zu erwachen…
Da fällt mir eine Geschichte ein. Eine an sich kleine Episode aus meinem Leben. Wie lange ist sie schon her? Während ich den heißen Kaffee schlürfe, versuche ich meine Erinnerungen zu ordnen. Mein Gott… das müssen ja bestimmt schon 30 Jahre her sein!

Ich erinnere mich genau.
Die 70er…
Mitten in meiner Sturm- und Drangzeit (meine Güte, was war man damals jung und unternehmungslustig), ich hatte meine Fluglizenz, den PPL seit zwei Jahren in der Tasche und so ziemlich alles in Europa angeflogen, was auch nur ein kleines Flugfeld hatte. So war es nicht weiter verwunderlich, dass ich eines Tages mein Erspartes zusammen kratzte und nach „Down Under“, sprich Australien flog, um meine Kusine, die einige Jahre zuvor zu ihren Eltern ausgewandert war, zu besuchen. Ich hatte mir für die Reise ein halbes Jahr angesetzt. Insgesamt wurde es dann doch fast ein ganzes Jahr draus.

Nun will ich hier nicht einen Bericht über meine Australien-Abenteuer schreiben, dies wäre ein Thema für viele weitere Geschichten. Doch mag hier gesagt sein, dass ich ein Mensch bin, der einmal gehörte Witze und Geschichten ein Leben lang behält. Und so saßen wir auch eines Abends am Flugfeld bei Lagerfeuer, australischem Beer und gegrilltem Fleisch und erzählten uns Geschichten und Witze.
So wie ich wissbegierig war auf alles, was es über Australien zu erzählen gab, so waren meine australischen Freunde wissbegierig für alles aus der „alten Heimat“. Und so erzählte ich dann auch die Geschichte, die sich während meiner Flugausbildung in der alten Heimat tatsächlich so abgespielt hat.

Es muss so im Frühsommer 1971/72 gewesen sein. Wir hatten den Samstag flugtechnisch abgewickelt, alle Segelflugzeuge, auch die alte K 7 mit der Nummer D-5003, die Schleppmaschine und die anderen Motorflugzeuge waren ebenfalls hinein gerollt worden (ich war damals noch in der Segelfliegerausbildung und hatte an diesem Samstag meine ersten Starts auf unserer K 8 absolviert. Dies musste natürlich zum Anlass genommen werden, einen obligatorischen Kasten Bier auszugeben. Doch diesen gab man gerne aus, denn eine K 8 zu fliegen, war für einen Anfänger schon etwas Tolles.
Nun ergab es sich, dass, nachdem der Abend weiter fortgeschritten war, Jörg seine Klampfe strapaziert hatte und wir in bester Laune waren, ich wieder jede Menge neu gehörte Witze erzählte. Und wenn ich in Fahrt kam, dann gab es kein Punkt und Komma!
Einzelne Rufe, doch kurz eine Pause zu machen, ignorierte ich. Das Gelächter, die Tränen, die den Freunden die Backe runter liefen, ich will nicht verhehlen, dass sicher auch der Bierkonsum seine Früchte trug, ließen alle Vorsicht vergessen. Kaum war ein Witz erzählt, kam der Nächste über meine Lippen.

Es kam, was kommen musste: ein Schrei, ein schmerzverzerrtes Gesicht… Michael hielt sich den offenen Mund und schaute grässlich aus. Wir lachten immer mehr. Interpretierten wir dieses doch als eine gelungene Solo-Nummer von ihm.
Es dauerte eine Zeit, bis uns klar wurde, dass es hier kein Spaß war, sondern er wirklich wahnsinnige Schmerzen hatte. Immer waren von unserem Club auch Ärzte anwesend – heute nicht! Uns war inzwischen klar geworden, dass er nur eine Maulsperre – einen Krampf haben konnte.

War tun!
Die rettende Idee!
Ab ins Krankenhaus!

Ich rannte schon über das Flugfeld in Richtung Parkplatz, um meinen Wagen zu holen. Kurze Zeit später war ich ans Lagerfeuer gerast. Immer in der Hoffnung, dass die Federn und Stoßdämpfer hielten, denn am Rande war es eher Wiese, als Flugfeld.
Doch dann war ich vor Ort, Michael kam auf den Rücksitz und zwei weitere Fliegerfreunde setzten sich mit ins Auto, um uns zu begleiten. Und dann mit Karacho los!

Das Krankenhaus war nur rund 10 Minuten vom Flugplatz entfernt und so hielt ich mit quietschenden Bremsen vor dem Krankenhaus, um im nächsten Moment aus dem Auto zu springen und Sturm zu läuten.
Einige Minuten später, die uns wie Stunden vorkamen, wurde die Türe von der Nachtschwester geöffnet, die erst gar nicht wusste, was los war. Nicht verwunderlich, denn jeder versuchte ihr gleichzeitig den Sachverhalt zu erklären. Nur Michael… Michael stand mit offenem und schmerzverzerrtem Gesicht im Hintergrund und konnte sich nicht bemerkbar machen.
Ein „Ruuhe!!“ der Krankenschwester, folgte dann wirklich Stille und es gelang mir, ihr den Sachverhalt zu schildern. Es war gar nicht einfach, sie vom Ernst der Lage zu überzeugen. Doch als sie Michael sah, nahm sie ihn bei der Hand und wir folgten ihr in das Wartezimmer der Ambulanz. Sie versprach uns, den diensthabenden Arzt anzurufen. Es wird aber etwas dauern, meinte sie, denn es sein ja schon weit nach Mitternacht.

Wir saßen herum und durften Michael nicht anschauen. Immer wieder mussten wir in Lachen ausbrechen. Kurze Zeit später kamen noch 8 Flieger von uns. Sie erzählten, dass sie das Lagerfeuer mittlerweile gelöscht hatten und sich der Rest der Flieger in die Fliegerklause zurückgezogen hatte, um auf uns zu warten. Die Ambulanz war mittlerweile recht voll und jeder versuchte, so ernst zu bleiben, wie es ging.

Es dauerte nicht lange, wir dachten schon, der Arzt kommt, ging die Türe auf und mit großer Aufregung kam eine Großfamilie, ich denke es waren Türken, in das Wartezimmer gestürmt. In der Mitte der laut klagenden Gesellschaft war ein kleiner Junge.

Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen!

Da hatte sich der Junge einen Kochtopf über den Kopf gestülpt. Da er ziemlich bündig war, musste er wohl sich verklemmt haben. Der Junge hatte wohl einen Blutstau im Kopf bekommen und der Topf ging nicht mehr runter.
Tut mir leid Freunde, aber ich konnte nicht mehr. Ich musste lachen, dass mir die Tränen kamen. Dies war wohl der Auslöser! Wir brachen alle in schallendem Gelächter aus. Und jetzt, liebe Lesefreunde, kommt der Oberhammer:

Michael strahlte über alle vier Backen!

Da er ebenfalls loslachen musste, hatte sich wohl der Krampf gelöst und alles war wieder gut bei ihm. Noch etwas verkrampft, aber glücklich, ging er auf den Jungen zu. Wir anderen waren zwischenzeitlich wieder ruhig, da auch die Nachtschwester mit grimmigem Gesicht erschien und lautstark um Ruhe bat.

Doch Michael, der ging auf den kleinen Jungen zu und sagte glücklich: „Mein Junge, ich bin dir ja so dankbar, daß du mich von meinem Krampf erlöst hast. Ich schenke dir dafür alles, was ich an Geld bei mir habe.“

Er griff in die Gesäßtasche, holte seine Geldbörse heraus und schüttete den Inhalt in die Hand des Jungen. Wir waren gespannt, was passieren würde! Erst kam nichts, dann nach langer Zeit befanden sich satte 2,43 DM in der Hand des Jungen.
„Ups“, meinte Michael, „sorry – aber mehr habe ich am Flugplatz nie bei mir.“

Was soll ich sagen, liebe Lesefreunde:

Da bekam der Junge ein so langes Gesicht, 
da konnte er den Topf auch wieder abnehmen…

So, oder ähnlich muss es sich wohl abgespielt haben.

Was ist Wahrheit, was Fiktion?
Wer mag das schon entscheiden.

Eine wahre!? Begebenheit geschrieben von mir unter den Pseudonym Karl-Hubert Hase

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