Ein echter „Stubenglück“

Ich

Mein Name tut nichts zur Sache. Ebenso wenig interessiert den Leser der Ort oder das Land, indem meine Geschichte spielt. Mein Haar ist mit den Jahren schütter und grau geworden, der Schritt langsamer, nicht mehr so kraftvoll, und auch die Haut hat nicht mehr ihre jugendliche Frische. Noch kein alter, jedoch ein älterer Mann. Man könnte sagen: langsam, aber unaufhaltsam, komme ich im Herbst meines Lebens an.
Nun gehöre ich nicht zu den Menschen, von denen man behaupten kann, sie seien besonders trübsinnig oder senil für ihr Alter. Ich möchte sogar sagen, dass mir mit über einem halben Jahrhundert Lenze auf dem Buckel, immer noch der Schalk besonders locker im Nacken sitzt. Meine Freunde wissen ein Lied davon zu singen. So auch dieses Jahr. Ein ganz besonderes Highlight, würde ich sagen. Ich erinnere mich noch genau…

Es war Mitte Dezember 2008, der Christbaumkauf stand bald an. Ich hatte soeben zu Abend gegessen und die Nachrichten sendeten den Wetterbericht. Für den nächsten Tag vermeldete das Deutsche Wetteramt: Sonne, 10°C, fast wolkenlos und windstill. Die kommenden Tage sollten Regen, Schneematsch und weitere fiese Unannehmlichkeiten bringen. Somit beschlossen meine Frau und ich kurzerhand, den Christbaum am nächsten Tag, statt wie vorgesehen, am letzten Wochenende vor Weihnachten zu kaufen. Frischer würde er eh nicht sein. Und in der Garage war er kühl genug aufgehoben, um Weihnachten nicht als „Deutsches Nadelwunder“ in die Geschichte meiner Familie einzugehen.
Gesagt, getan. Wir fuhren zur Baumschule und parkten auf einen fast menschenleeren Platz vor dem Gebäude. Und dann geschah ein kleines Wunder. Ich kann es bis heute noch nicht glauben. Ehe wir uns versahen, war ein passender Baum gefunden. Kein Gemecker von mir, keine halbe Ehescheidung. Nein: Größe, Proportionen, einfach alles passte auf Anhieb. Und eine Blaufichte war es auch. Denn darauf legen wir besonderen Wert. Diese heute also beliebte Nordmanntanne kann ich nicht leiden. Für mich ist dies kein Weihnachtsbaum. Kein richtiger Tannenduft, zu perfekt gewachsen, um Charakter zu haben. Und pieken und richtig harzen tut sie auch nicht. All das, was ich von Kindheit her als Christbaum interpretiere, bietet sie nicht. Und der Preis war mit knapp 20 Euro, und dabei war auch noch die Lieferung inbegriffen, erfrischend niedrig. Und so dauerte es nicht einmal eine Stunde und wir waren wieder daheim. Als der Christbaum drei Tage vor dem Heiligen Abend geliefert wurde, stielte ich ihn umgehend ein. Er kam solange in den Flur. Dort war es kühl und er konnte etwas abtrocknen.

Bis dahin könnte man sagen: was soll dran sein an der Geschichte. Doch der verehrte Leser kennt mich nicht. Einen Heidenspaß macht es uns, dem Weihnachtsbaum einen Namen zu verpassen. Erst dann wird es eine persönliche Sache mit uns und dem Weihnachtsbaum. Und so brütete ich stundenlang vor mir hin. So etwa eine ¾ Flasche Glühwein später kam es mir. Ein Strahlen ging über mein Gesicht. Und als ich es meiner Frau erzählte, musste sie lachen. Ich konnte es gar nicht erwarten, bis meine Tochter Dienstschluss hatte. Als die Uhr die richtige Zeit anzeigte, griff ich zum Telefon und rief sie an.
„Hello Darling“, begann ich, nachdem sie den Hörer abgenommen hatte. Dem üblichen Einleitungsgeplänkel später kam ich zum Punkt. Ich erzählte ihr von dem phantastischen Weihnachtsbaumkauf. Und das wir auch noch einen der ersten Bäume der neuen Sorte bekommen. Was es denn für eine Sorte denn sei, wollte sie wissen. Und so erklärte ich ihr, dass meine Baumschule die neue Sorte „Stubenglück“ in kleinen Stückzahlen hatte. Eine Kreuzung meiner so geliebten Blaufichte mit einer nicht nadelnden Nobilistanne. Sie sieht aus, wie die beliebte Blaufichte, würde aber nicht nadeln. Ich hätte eine Garantie von 4 Wochen bekommen. Würde sie in der Zeit nadeln, bekäme ich mein Geld zurück. Und obendrauf würde sie durch die stumpfen Nadeln auch nicht so pieken. Ich konnte wohl meine Begeisterung rüberbringen, denn sie versprach mir, bei ihrem Besuch am 2. Weihnachtstag sich das gute Stück genau anzuschauen.
Meine Frau schüttelte nur den Kopf, nachdem ich aufgelegt hatte. Das arme Kind so in den April zu schicken. Und das paradoxerweise noch zu Weihnachten. Ich lachte. Wann ich es ihr denn stecken wolle, daß ich sie verschaukelt habe, wollte meine Frau noch wissen. Schulterzuckend goß ich mir ohne einen weiteren Kommentar den Rest des Glühweins in den Becher. Genießerisch schlürfend lehnte ich mich zufrieden, den Dinge, die da kommen, ausharrend, zurück in meinen Sessel.

Die Tage gingen zähflüssig dahin. Freute ich mich doch auf das Gesicht meiner Tochter und ihrem Freund. Der hatte zwischenzeitlich bei mir angerufen und wollte wissen, wo man denn so einen Baum bekommen würde. Leider mußte ich ihm sagen, dass die Sorte nur testweise auf dem Markt sei. Und aus diesem Grund wäre er auch schon vergriffen. „Sorry, my Friend…“

Meistens schmücken wir den Christbaum ja auch mit Watte. Gerade in einem Jahr ohne Schnee. Aber dieses Jahr griff ich zu dem von mir nicht so sehr geliebten Schneespray aus der Dose. Hierdurch wurde der Baum leicht hellblau, frostig ausschauend. Für eine Blaufichte ein recht unnatürlicher Farbton. Genau zwischen Nobilis und Blautanne – ich war hochzufrieden mit meiner Tat.
Als dann am 2. Weihnachtstag so kurz vor Mittag die Türklingel ging, gab es ein großes Hallo. Durch die weite Entfernung zwischen unseren Wohnorten ist es uns leider nur einigemal im Jahr möglich, uns zu sehen. Nun will ich mich nicht mit Kleinigkeiten verzetteln. Der Leser mag aus eigener Erfahrung wissen, wie es ist, wenn ein Familientreffen zu Weihnachten angesagt ist.
Doch, um zum Höhepunkt zu kommen: das Töchterchen war hell und weg von unserem „Stubenglück“- Baum. Das Funkeln der goldenen Dekorationen, des Goldlamettas, des Eissprays, sowie des Lichtes, ließen unseren Christbaum göttlich erstrahlen. Der „Stubenglück“ wurde seinem Namen und dem Fest aller Feste gerecht. Als sie sich am Abend verabschiedeten, hatte ich doch tatsächlich vergessen, meinen Scherz aufzulösen. Gleich am nächsten Tag wollte ich sie anrufen, um sie aufzuklären.

Nachdem meine Frau und ich noch ein Gläschen Wein getrunken hatten, schaute ich mir unsere Blaufichte noch einmal in Ruhe an. Ich konnte meinen Blick nicht von ihr lassen. Sie schien dieses Jahr tatsächlich besonders schön zu strahlen und zu funkeln. Als ich auf die Weihnachtsdecke blickte, fiel mir auf, daß dort nicht eine Nadel lag. Ich konnte es nicht lassen. Ich rüttelte leicht am Baum. Was dies denn solle? Meine Frau schaute mich verärgert an.
„Aber schau doch einmal!“ Ich zeigte auf die Decke, wo nicht eine einzige Tannennadel lag. „Der Baum rieselt ja wirklich nicht.“ Ungläubig suchte mein Blick vergebens eine Tannennadel auf dem Boden.

War es Zufall, ein Wink des Himmels – ich kann es nicht sagen. Doch eines schwor ich mir: zu Weihnachten gibt es keine fiesen Scherze mehr von mir. Denn aus meiner erfundenen Kreuzung zwischen Blaufichte und Nobilistanne war ein echter „Stubenglück“ geworden. Und meiner Tochter werde ich diese Geschichte wohl auch zumailen, um sie aufzulösen. Hatte er doch diese Weihnachten besonders schön für uns werden lassen.
Und während ich diese letzten Worte in die Tastatur tippe, schweift mein Blick über den Monitor hinweg, verweilt auf unseren Christbaum, auf unseren „Stubenglück“. Und noch immer kann ich keine Tannennadel auf der Weihnachtsdecke entdecken…

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