Schuss nach Mitternacht

Ich

Wir schreiben das Jahr 1958. Es ist Sommer auf Black Clarck Manor, dem Stammsitz derer McClarck’s, irgendwo im ruhen wilden Hochland, im Norden Schottlands.
Der Lichtschein, der seinen Weg durch das große Fenster der Bibliothek hinaus in den Park findet, lässt, sich im Wind wiegende, hundertjährige Eichen erkennen, die zu dieser nächtlichen Stunde, zwei Stunden nach Mitternacht, gespenstisch, ja irgendwie unheimlich wirken. Blätter rascheln leicht im Wind. Gräser, jetzt zu voller Größe gereift, wiegen sich leicht im rauen Wind, der in der Nacht den Weg zurück zur See findet, gespeichert mit der Wärme des Tages. Bereit, am nächsten Tag dem Land die feuchten Wolken zu bringen, die sich dann in teilweise recht heftigen Gewittern Erleichterung verschaffen. Es scheint, als würden Mensch und Natur Kraft und Stärke tanken, um den neuen Sommertag mit voller Energie anzugehen. Wäre da nicht der Lichtschein aus der Bibliothek von Black Clarck Manor, der wenigstens einen wachen Menschen in dieser sonst so friedlichen, ruhigen Nacht vermuten lässt.
Während sich der Zeiger der Uhr dem ersten Viertel der nächsten Stunde nähert, peitscht auf einmal ein Schuss, hart, laut und nachhallend durch die Stille. Das kleine Loch in der Scheibe der Bibliothek, nur etwa fingerdick und kreisrund, zeugt von dem Unglück, das gerade über Black Clarck Manor hereinbricht. Dem Augenblick des Knalls folgt eine Sekunde der absoluten Stille. Die Nacht hat für einen Herzschlag den Atem angehalten. Selbst dem Wind ging für einen Moment die Puste aus, er schien in sich hinein zu lauschen.
Doch dann war die Natur erwacht. Der Wind setzte seinen unterbrochenen Weg zum Meer fort. Mit sich trug er die aufgeschreckten Geräusche der Nacht: das laute Rufen der Eule, das erschreckte Bellen der Hofhunde, das aufgeregte Zwitschern der Zeisige und das Schnattern der Wildenten auf dem benachbarten Weiher.
Im Haus war ebenfalls erwacht. In der oberen Etage gingen Lichter an, Türen schlugen. Lady Elisabeth, ebenfalls aufgeschreckt, griff nach der Brille auf dem Nachttisch, während sie sich im Bett aufrichtete. Auf dem Gang waren aufgeregte Stimmen zu hören. Von einem Schuss war zu hören. Einbrecher? Also war es doch kein Traum gewesen! Der Schuss war Realität und nicht Teil des Alptraums, der sie wegen des zu schweren Abendessens plagte.
Unheil vermutend, warf sie schnell den Morgenmantel über und wollte gerade auf den Gang hinaustreten, als es laut klopfte. Ohne eine Antwort abzuwarten, bewegte sich der Türknopf und die Türe wurde heftig aufgestoßen.
„Mom, ein Schuss! Hast du es auch gehört? Ob wir Einbrecher im Haus haben? Mom, Ich habe Angst!“ Lady Mary, Elisabeths Tochter, zitterte am ganzen Körper. In ihrem leichenblassen Gesicht war Todesangst abzulesen. Panik schien sie zu erfassen. „Mom, wo ist Dad?“ Sich im Zimmer umschauend, trat sie ein.
„Ist er nicht hier bei dir? Ist er nicht aufgestanden? Er muss es doch auch gehört haben. Die Hunde bellen ja wie tollwütig. Das Haus ist mittlerweile taghell erleuchtet.“
Auf dem Gang huschte das Dienstpersonal entlang, um die Ursache des Schusses zu ermitteln. Die Diener waren auf den Weg hinunter ins Erdgeschoss. Butler James hatte sich mit einer riesigen, sicher seit Jahrzehnten museumsreifen, Pistole bewaffnet.
„Komm, lass uns nachschauen wo Henry ist!“ Lady Elisabeth ergriff die Hand ihrer Tochter. Widerwillig ließ sie sich aus dem Zimmer ziehen und folgte dann doch mutigen Schrittes der Mutter nach dem Gang entlang, wo der private Trakt Sir Henry’s lag. Dort angekommen, war alles in friedlicher Dunkelheit gehüllt. Auf das laute Klopfen Lady Elisabeths hin, kam aus dem Schlafgemach allerdings keine Reaktion. Entschlossen drehte sie den Türknopf und trat in das dunkle Zimmer. Von Sir Henry keine Spur. Das Bett unberührt. Und auch sonst schien Sir Henry das Zimmer, seit er es am frühen Morgen verlassen hatte, nicht mehr betreten zu haben.
Die beiden Frauen schauten sich an. Was war da los? Sie drehten sich um und hasteten mit wehenden Kleidern den Gang zurück. Sie waren noch nicht an der Treppe angekommen, als sie von unten lautes Geschrei vernahmen. Irgendetwas war los. Ihre Schritte, wie auch ihr Atem beschleunigten sich. Der Puls erreichte kritische Werte. Sie hasteten die Treppe hinunter.
„Was ist los?“ Lady Elisabeth sah vor der Bibliothek die Dienerschaft stehen. Unter der Tür schien Lichtschein hervor. Jemand musste in der Bibliothek sein. Soeben kam James wieder ins Haus. Er hatte versucht, durch das Fenster zu schauen, was allerdings nicht möglich war, da die Rosen zu dicht standen und mit ihren spitzen Dornen das Nähertreten unmöglich machten. Er hatte allerdings das Loch in der Scheibe bemerkt und festgestellt, dass dies nur durch den vernommenen Schuss entstanden sein konnte.
Da die Türe verschlossen war und auch auf das laute Rufen und heftige Klopfen niemand antwortete, ordnete Lady Elisabeth mit strenger und lauter Stimme an, dass jetzt entsprechendes Werkzeug geholt werden solle, um die Türe aufzubrechen. Es dauerte auch nicht lange und die schwere Türe der Bibliothek gab den Widerstand auf und schwang leise quietschend zurück.
Während Lady Elisabeth, ohne zu warten, den hell erleuchteten Raum betrat, stieß ihre Tochter, die neben ihr her ging, einen schrillen Schrei aus und sank ohnmächtig zu Boden. Das Zimmermädchen, hinter dieser stehend, konnte sie gerade noch auffangen, sonst hätte sie sich sicher bei dem Sturz am Türpfosten verletzt.
Lady Elisabeth war bei dem Anblick, der sich ihr bot, leichenblass geworden. Sir Henry lag wie tot, den Kopf nach hinten gelehnt, im Sessel an dem schweren Eichen-Schreibtisch. Sein blütenweißes Hemd war voller Blut. In der rechten Hand hielt er noch die alte Armeepistole. Alles sah nach einem Selbstmord aus. Als Lady Elisabeth die Situation voll begriffen zu haben schien, sank auch sie mit einem leisen Seufzer, das Bewusstsein verlierend, zu Boden.
James war an den Schreibtisch getreten. Er beugte sich gerade über Sir Henry, als er ein leichtes Zucken in dessen Gesicht bemerkte. Schnell untersuchte er seinen Herren und stellte fest, dass dieser wohl nur in eine Ohnmacht gefallen war. Auf seinen Ruf hin eilte ein Zimmermädchen, um das Riechsalz zu holen. Denn, obwohl die zwei Ladys ohnmächtig waren, war noch niemand auf die Idee gekommen, Riechsalz zu holen.
Minuten später kam das Zimmermädchen mit dem Gewünschten und James hielt das scharfe Riechsalz seinem Herren unter die Nase. Augenblicke später stöhnte dieser auf, öffnete die Augenlider und kam langsam wieder zu sich. Als nach einigen Minuten die Situation wieder unter Kontrolle war und auch die Frauen wieder aus ihrer Ohnmacht erwacht waren, klärte Sir Henry, nach dem Genuss eines dreifachen SingleMalt, den er zur Stärkung nötig hatte, die Sachlage auf.

Um ungestört den lange anstehenden Schießwettbewerb am kommenden Wochenende vorbereiten zu können, hatte er sich in der Bibliothek eingeschlossen. Als er mit dem Schriftkram fertig war, mittlerweile ging die Uhr schon auf zweite Stunde zu, wollte er seine Waffe noch reinigen und prüfen. Da er schon recht müde und übernächtigt war, vergaß er wohl die einfachsten Sicherheitsregeln. Kurz gesagt: Der Schuss ging los. Die Kugel streifte beim Verlassen des Laufes seinen linken Zeigefinger, daher war auch alles voller Blut, knallte gegen die Kaminplatte und durchschlug als Querschläger durchs Zimmer sausend, das Fenster. Da jeder wusste, das Sir Henry, wenn er auch nur einen Spritzer Blut sieht, jedesmal schlagartig in Ohnmacht fällt, musste der Rest nicht mehr großartig erklärt werden. Die Dienerschaft zog sich, das Schmunzeln unterdrückend, diskret zurück.
Als Lady Elisabeth ihren Mann so als Häufchen Elend dort im Sessel sitzen sah, der Finger war zwischenzeitlich von James verbunden worden, musste sie schallend lachen. Und Lady Mary konnte sich das Lachen auch nicht mehr unterdrücken. Das diese peinliche Geschichte nicht an die Öffentlichkeit kam, dürfte wohl selbstverständlich sein.

Nur seine Freunde konnten sich keinen Reim darauf machen, dass von diesem Jahr an Sir Henry nicht mehr dazu zu bewegen war, den traditionellen, jährlichen Schießwettbewerb der McClarcks vorzubereiten. Obwohl dies seit Menschengedenken immer dem Clan-Ältesten vorbehalten war.

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