Sturmgepeitschte See

Ich

Der Bug tauchte schwer in die See. Bruchteile später spritzten die grün/weißen, wild schäumenden Brecher bis hinauf zum Ruderstand. Die Segel blähten sich mächtig im aufkommenden Sturm, drohten zu zerreißen. Der Mast knarrte unheilvoll.
Qualvoll ächzte seit Minuten der alte Schoner bei jeder Bö, die sie traf. Hart, brutal, gnadenlos. Lange würde es so nicht mehr weitergehen können.
Ole hielt das Ruder fest in der Hand. Kein Strich wich er vom Kurs ab. Sorgenvoll richtete er seinen Blick zum Himmel. Die Wolken, bedrohlich aufgetürmt, dunkelgrau, sturmzerfetzt, verhießen nichts Gutes. Ein schneller Blick nach Achtern verstärkte die Sorgenfalten in seinem Gesicht. Minuten noch, dann würde er nicht nur gegen den Sturm kämpfen müssen, sondern das Gewitter würde sie auch erreicht haben.
Ole rang mit sich. Sollte er Segel reffen lassen, beidrehen, den Sturm abreiten, oder konnte er die immer stärker werdenden Naturgewalten dem alten Schiff noch länger zumuten. Die nächste Bö ließ den Schoner noch tiefer eintauchen. Er befürchtete schon, der Bug würde nie mehr hochkommen und sie ins nasse Grab ziehen.

„Komm hinunter in die Tiefe, die ewige Dunkelheit. Dort ist es schön, ruhig und trocken.“, schien Neptun zu rufen. Gischt spritze ihn sein Gesicht. Das ließ ihn zur Besinnung kommen.
Zwecklos, den Kurs und das Tempo beizubehalten. Knappe Befehle an die Männer der Besatzung, die nur darauf gewartet zu haben schienen. Diesmal brauchte sie niemand antreiben. Augenblicke später lief der Schoner nur noch langsame Fahrt und war dem einsetzenden Unwetter gefeit. Keine Sekunde zu spät. Ein Blitz fuhr herab und blendete alle. Der fast zeitgleiche Donner strapazierte die Trommelfelle bis zum Äußersten, ließ die Luft knistern und das Haar Elektrisieren. Elmsfeuer tanzten über das Schiff. Und dann setzte der Regen mit Urgewalten ein. Er peitschte über das Deck. Ein Unwetter, wie es die Besatzung der Ann-Katrin noch nie in ihrem Leben erlebt hatte.
„Vater im Himmel, laß uns das Unwetter überstehen!“ Niemand konnte die flehenden Worte verstehen, die das Sturmgetöse von Oles Lippen riß. Weiß stachen die Fingerknochen hervor. Fest hielt er das Ruder und korrigierte sofort, wenn das Schiff aus dem Ruder laufen wollte. Eine Ewigkeit kämpfte er gegen die See, den Sturm, den Regen.

„Ole, träumst du wieder?“ Die Stimme des Segellehrers ließ ich zusammenzucken. „Jetzt sitzt du schon 10 Minuten in deinem Optimisten und starrst nur vor dich hin.“
Ole, ganz Gedanken und Abenteuer versunken: „Alle Mann von Bord, Neptun will uns holen!“ Sprach’s, holte tief Luft und sprang mit einem Riesenplatscher ins Wasser.
Als er gleich darauf prustend wieder auftauchte, sah er seine ganze Jugendgruppe lauthals lachen. Sie umkreisten ihn in ihren Optimisten und riefen: „Der Neptun, der holt Ole. Der Neptun, der…“
Seitdem heißt Ole im Segelclub nur noch liebevoll – „Neptun, der Träumer“. Und diese Geschichte erzählt Ole schmunzelnd jedem, der ihn beim abendlichen Grillfeuer auf seinem Spitznamen anspricht. Und das schon seit 42 Jahren…

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