Tagebuch des Grauens

Ich

Überlege dreimal, was du hineinschreibst. 
Es könnte fatale Folgen haben!

Das war´s!
Thomas schrieb die letzte Silbe ins Tagebuch und setzte den Punkt hintendran. Dämonisch legte sich ein siegessicherer Zug des Lächelns in sein Gesicht.
Was er heute schrieb, wurde morgen Wirklichkeit.
Höllisch musste er darauf achten, die richtigen Einträge zu machen, damit er sich kein Eigentor verpasste.
Aber er hatte auch Macht! Macht, von der er noch vor einem Jahr nicht zu träumen wagte.
Er setzte zum Schluss noch das Siegel darunter. Das Siegelwachs war mit dem Blut des Dämons und seinem eigenen versetzt. Erst danach war die Änderung des Schicksals nicht nur perfekt, sondern endgültig und unwiderruflich.
Er schlug das Tagebuch zu. Wie von Geisterhand verschweißte es sich mit einem grellen Licht und die Dämonenfratze auf dem Einband aus Menschenhaut machte ein zufriedenes Gesicht.
Erst, wenn sich das Geschriebene erfüllt hatte und erst wenn er den Pakt erneuerte… erst dann ließ sich das Buch wieder öffnen und er konnte den nächsten Eintrag hineinschreiben.

Wenn er das Buch aufschlug, las er darin sein Schicksal. Er brauchte nur die notwendigen Korrekturen für den folgenden Tag durchführen und schon erfüllte es sich auf geheimnisvolle Weise. Das Schicksal ließ sich seinen Wünschen entsprechend formen. Er hatte die absolute Macht! Immer nur für die folgenden 24 Stunden war dies möglich.

So auch jetzt.
Er hatte morgen eine Besprechung mit seinem Vorgesetzten.
Er war ihm auf die Schliche gekommen. Nun ja, eine halbe Million hatte er unterschlagen und irgendwann mußte es ja herauskommen. Da zur Zeit die Steuerprüfung in der Firma war, konnte nur dies der einzige Grund sein, weshalb Frank Schmidt ihn um 9.oo h zu einer Besprechung ins Büro zitiert hatte. So hatte er eben das Schicksal korrigiert und glaubte so, der Strafverfolgung entgehen zu können.

Als er am nächsten Morgen eine viertel Stunde vor dem Termin ins Büro kam, war dort heikle Aufregung. Frank Schmidt hatte in der letzten Nacht seinem Leben ein Ende gesetzt. Im Abschiedsbrief, der auf seinem Schreibtisch zu finden war, stand, dass er mit der Schande, Geld veruntreut zu haben, nicht weiterleben kann. Anschließend hatte er die alte Armeepistole, die er wohl mehr aus Sentimentalität aufbewahrte, genommen und einen Schlussstrich gemacht.
Die Polizei war im Haus und stellte Ermittlungen an. Thomas Förster war zufrieden. Er musste sich beherrschen. Beinahe hätte er sich verraten. Ein erleichtertes Lächeln wollte sich auf seinem Gesicht breit machen. Doch dies wäre sicher recht unpassend gewesen. Er ging in sein Büro und schloss die Türe.
„Oh Mann, dass ging gerade noch gut,“ sprach er leise zu sich.

Er ging ans Fenster und schaute in den trüben Morgen hinein. Hier in der siebten Etage schien alles leicht und locker auszusehen. Die Menschen unten hasteten wie die Ameisen hin und her. Jetzt hatte er erst einmal Luft. Wenn die Steuerfahndung hinter die Veruntreuung kam, und das musste sie unweigerlich, war der Täter vorhanden und niemand kümmerte sich mehr um ihn – dem kleinen Abteilungsleiter.
12 Jahre war er schon hier im Unternehmen und drei mal war er schon bei der Beförderung übergangen worden. Da war es ja mehr recht als schlecht, dass er sich die nötigen Gehaltserhöhungen eben selber nahm. Seiner Rechnung nach war eine halbe Million mehr als wenig genug. Und insgeheim hatte er ja schon einen Plan, wie er weitere 3 Millionen abziehen konnte.
Damit ließ sich sicher einige Zeit sorgenfrei und luxuriös leben. Aber das war morgen und erst einmal musste das „Heute“ überstanden werden. Das war schon eine Sache, wie er zu dem Tagebuch gekommen war. Wie er so am Fenster stand und in den trüben Morgen schaute, lief diese Szene noch einmal vor seinem geistigen Auge ab.

„Hallo Wirt, noch einen Whiskey!“
Thomas Förster verbrachte so manchen Abend in diesem Pub. Als Junggeselle und Lebemann hatte er keine feste Bindungen. Es ließ sich hier so manche nette Beziehungen anbandeln. Auch sagte ihm das Ambiente sehr zu. Alles was nach Armut roch, dem versuchte er sich zu entziehen.
Nun war dies sicher begründet in der Tatsache, dass er selber aus ärmlichen Verhältnissen kam und er dies immer und überall vertuschen wollte. Er war der geborene Lebemann. Woher das Geld kam, war ihm ziemlich egal. Mittlerweile hatte er das Sparkonto seiner Tante geplündert. Seine Freunde waren auch ihm gegenüber trocken, wie ein Brunnen in der Wüste. Verständlich, wenn man berücksichtigt, dass er jedem eine schöne Stange Geld schuldete und mit den Rückzahlungen weit ins Hintertreffen geraten war. Immer nur anpumpen und auf andere Leute Kosten leben, das ging natürlich auch nicht.
So war er heute wieder einmal auf der Suche nach einer Geldquelle. Mittlerweile hatten wir schon fast Mitternacht und es tat sich nichts auf. Er schaute sich um. Aber nichts Passendes war zu sehen. Er wollte schon zu sich sagen, dass er den Abend lieber beenden sollte, als ein älterer Mann mit einem Paket unter dem Arm in den Pub kam und sich in einer Nische niederließ.
Ein älterer Mann, noch dazu in diesem Outfit und zu dieser Zeit hier? Das erregte seine Aufmerksamkeit.
„Hallo Wirt, bringen Sie bitte zwei Whiskey!“
Er winkte der Bedienung. Als er das Gewünschte hatte, nahm er die Gläser und ging quer durch den Pub auf den Tisch zu, an dem der alte Mann saß.
Als er vor ihm stand, schaute der Mann auf und sah ihn irritiert an.
„Ich sah Sie hier alleine sitzen und da dachte ich mir: alleine macht das Trinken auch keinen Spaß. Bitte sehr!“ Er hielt ihm den Whiskey hin und setzte sich ungefragt ihm gegenüber.
„Mein Name ist Thomas!“, prostete er ihm zu.
„Taschner, Dieter Taschner.“
Leise und zögernd kam die Stimme aus ihm raus. Aber er nahm den Whiskey und prostete Thomas zu. Nach einigem Smalltalk und etlichen Whiskeys später wurde Dieter Taschner lebhafter. Der ungewohnte Alkohol verwirrte nicht nur seine Sinne, sondern lockerte auch seine Zunge.
„Ja, ja Thomas, das ist schon ein Kreuz.“
„Was?“
Er wollte nicht so recht mit der Sprache heraus.
„Ach, es hat ja doch alles keinen Sinn.“
Er klammerte das Paket fester. Gerade dieser Umstand machte Thomas hellhörig und auf das Paket aufmerksam. Er wusste auch nicht warum? Aber hier musste er nachhaken. Das hatte er im Gefühl.
So kam es, dass er weitere drei Whiskeys später (aber nur für seinen Gast) ihn überreden konnte mit ihm in seine Wohnung zu gehen, wo man die Sorgen besser besprechen konnte. Thomas holte seinen Mantel und bezahlte die inzwischen ganz stattliche Zeche.
„Na, das hat sich ja heute gelohnt“ meinte der Wirt, als er den Deckel zusammenrechnete.
„Ja aber nur für dich!“, grinste Thomas ihn an.
Er schnappte sich Dieter und sie verschwanden im Dunkel der Nacht.
Thomas steuerte auf seinen Wagen zu und platzierte seinen Gast auf den Nebensitz. Wenige Minuten später hatten sie das Appartement von Dieter erreicht. Stil gemäß wohnte er in einem komfortablen Appartementhaus. Die Miete konnte er sich von seinem Gehalt eigentlich nicht leisten. Aber er schaffte es irgendwie jeden Monat, das Geld dafür zusammenzukratzen. Es fanden sich halt immer wieder Dumme, die ihm Geld liehen. Oder Frauen, die er abkochen konnte.
Nachdem er die Türe aufgeschlossen hatte, machte er Licht und setzte seinen Gast in die Wohnlandschaft, die vor dem Kamin geschmackvoll platziert war.
Ja, Geschmack hatte er. Aber es war halt immer das Geld, an dem es haperte.
Er verschwand kurz im Bad und machte sich frisch. Irgendwie interessierte ihn das Paket, das Dieter so fest hielt, als ob sein Leben davon abhängt. Auf dem Rückweg schaute er in der Küche vorbei und nahm eine Flache Hochprozentigen aus dem Kühlschrank. Nun, dieser Schnaps würde schon die Zunge lockern.
„So Dieter; jetzt wollen wir in Ruhe erst einmal einen trinken.!“
Thomas kam um die Küchenecke und schwenkte die Flasche.
„Ich weiß nicht so recht. Ich bin nichts gewohnt und habe schon das Gefühl, als ob sich alles um mich drehen würde.“
Dieter sah auch schon etwas angegriffen aus.
„Na, das haut doch einen gestandenen Mann nicht um.“
Thomas setzte sich und schenkte ein. Er achtete darauf, dass Dieter immer sein Glas schön leer trank. Er dagegen düngte mit dem Inhalt die Blumen. Hoffentlich gehen die nicht ein, dachte er so bei sich. Haben immerhin 200 DM gekostet. Aber egal, wer was riskiert, der muss auch Opfer bringen, so seine weiteren Gedanken.
„Was hältst du denn das Paket so fest?“
Er schaut gierig auf das Paket, welches in braunem Packpapier verschnürt war.
„Ach, das muss ich noch entsorgen.“
„Dann gib es mir doch!“
„Nein!“
Fast hatte er dieses Wort heraus geschrien.
„Dann erzähl doch, was damit ist.“
Es dauerte noch etwa eine halbe Flasche von dem Whiskey, bis Dieter erzählte, was er da hatte. Thomas hatte so das Gefühl, daß Dieter sogar erleichtert war, jemanden gefunden zu haben, dem er alles erzählen konnte. So erfuhr Thomas von dem Buch. Von dem Geheimnis.
„Aber das ist doch toll!“
Er war ganz entzückt und einige Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn.
„Du weißt ja nichts! Du weißt gar nichts!“
Dieter klammerte sich an dem Buch fest.
„Was weiß ich nicht?“
„Der Fluch des Buches! Nicht nur Vorteile.“
Mittlerweile kamen die Sätze recht abgehackt aus seinem Munde. Der ungewohnte Alkohol umnebelte seine Sinne und er schlief fast ein. Thomas hatte dies bemerkt und ihm einen starken Mokka gemacht. Das brachte Dieter soweit wieder auf Vordermann, dass er weitererzählte. Ohne aber so munter zu werden, dass er den Mund hielt.
So erfuhr Thomas die Kehrseite der Medaille. Jedesmal, wenn er das Schicksal ändern wollte, musste ein Mensch dafür sterben. Und zwar musste der Mensch mit dem Dolch des Dämons erstochen werden – genau ins Herz!
Das war der Preis der Hölle. Nur dann, wenn dem Höllenfürst ein Opfer gebracht wurde, wurde einem eine, aber nur eine einzige Änderung des Schicksals für die nächsten 24 Stunden gewährt.
Zu oft hatte er schon gemordet.
Zu oft hatte er das Schicksal geändert. Dieter hatte keine Kraft mehr. Er musste das Buch loswerden. Dies war die einzige Chance für ihn. Aber sooft er das Buch auch irgendwo liegen lies, immer fand er es wieder auf seinem Schreibtisch. Er hatte es sogar schon eingemauert. Als er wieder in seiner Wohnung war, lag das Buch unversehrt auf seinem Schreibtisch. Und wenn er länger als vier Wochen keinen Wunsch hatte, wurde das Verlangen unerträglich. Also musste er wieder einen Mord begehen und musste sich wieder einen Wunsch erfüllen. Er war in einem Teufelskreis.
Auch an Selbstmord hatte er schon gedacht. Aber auch das hatte nicht funktioniert. Immer war das Buch anwesend und er schaffte es nicht, seine Tat umzusetzen. Nur wenn er einen Mord plante und ausführte, dann war es ihm, als wenn das Buch ihm die Freiheit wiedergab.

Thomas erkannte den unschätzbaren Wert, den das Buch für ihn haben würde. Er würde nicht so ein Schwächling sein, wie Dieter. Doch wie sollte er es anstellen, um nicht nur in ihrem Besitz zu kommen? Es musste ihm ja auch gehorchen!
Das er dafür seine Mitmenschen vom Leben zum Tode befördern musste, war für ihn nur eine lästige Randerscheinung. Viel zu sehr war er mittlerweile unter Druck. Zu viele Gläubiger machten ihm das Leben schwer, als das er Skrupel empfand. Wer einmal den Weg der Dunkelheit eingeschlagen hat, für den gab es keine Umkehr mehr. Da kam ihm ein genialer Gedanke! Weshalb hatte Dieter noch nicht diese Idee gehabt?

„Pass einmal auf, Dieter! Es ist doch alles ganz einfach. Aber ein allerletztes Mal musst du selber noch den Dolch führen, dann hast du Ruhe.!“
„Nein! Nicht noch einmal!“
Dieter wand sich und hatte Schweißtropfen auf der Stirn. Der Gedanke daran bereitete ihm unsagbare Qualen.
„Doch! Einmal noch! Pass auf, ich erkläre dir, was ich meine“.
Er beugte sich zu Dieter hinüber und erklärte ihm mit gedämpfter Stimme seinen Plan:
„Pass auf, du musst noch einmal das Ritual durchführen.“
„Nein!“
Dieter schrie gequält auf. Schweiß trat auf seine Stirn und seine Augen flackerten unruhig.
„Nein! Nein und nochmals Nein!“
„Doch!“
Thomas sagte das eine Wort mit solch einer Bestimmtheit, dass Dieter ruhig wurde und ihn anschaute.
„Doch, einmal noch! Denn nur dadurch wird es dir möglich sein, noch einmal das Schicksal abzuändern! Nur so hast du die Chance, den Fluch loszuwerden!“
„Sag – wie?“
„Ganz einfach! Wenn du nach getaner Tat wieder hierhin zurück kommst, dann werden wir beide den morgigen Tag so abändern, dass du mir das Tagebuch überträgst. Ist doch ganz einfach! Wenn das Schicksal von dir umgeschrieben werden kann, dann muss auch das Buch dieses akzeptieren. Oder nicht?“
Er schaute Dieter fest an. Dieser ließ sich die Worte von Thomas durch den Kopf gehen und in seine Augen trat ein Funke von Hoffnung.
„Ja, dafür bin ich sogar bereit, noch einen Mord zu begehen.“
„So lass es uns sofort tun!“
„Das geht nicht, Thomas. Ich habe den Dolch nicht bei mir. Und bis Mitternacht ist die Zeit zu kurz.“
„Dann werde ich dir hier das Gästezimmer geben und du kannst bei mir schlafen. Morgen werden wir dann das Ritual durchführen. Auf einen Tag mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an.“
So kam es, dass Thomas dem Tagebuch einen erheblichen Schritt nähergekommen war. Morgen früh würde er im Büro anrufen und sich krank melden. Eine Magen- und Darmgrippe war immer überzeugend und schlecht nachkontrollierbar.

Am nächsten Tag erwachte Thomas sehr früh. Er fühlte sich wie gerädert. Die ganze Nacht hatte er kein Auge zumachen können. Immer wieder musste er wie im Fieberwahn an die Möglichkeiten des Tagebuchs denken. Immer wieder war er den aus seiner Sicht recht einfachen Plan zur Erlangung des Tagebuchs durchgegangen. Erst gegen sechs Uhr war er in einen leichten Schlaf gefallen. Jetzt hatten wir zehn Minuten vor Sieben. Thomas stand auf und schaute leise in das Gästezimmer, wo Dieter unruhig schlief. Schweiß stand auf seiner Stirn und Thomas sah, dass die Nacht von Dieter nicht weniger ruhig als die seine verlaufen war. Leise schloss er die Türe wieder und verschwand im Bad.
Der erst heiße, dann kalte Duschstrahl erfrischte ihn leidlich. Und als er in der Küche verschwand, um einen starken Kaffee zu kochen, hörte er wie Dieter aufstand und in der Küche erschien.
Er stand in der Türe und sah erbärmlich aus. Man sah die Verzweiflung in seinen Augen.
„Hallo Dieter! Halt die Ohren steif! Heute wirst du befreit, oder erlöst. Je nachdem, wie du es siehst!“
„Du hast gut lachen.“
Dieter sah aus, als wenn er den Mut verloren hatte.
„Denk doch, nie mehr musst du morden. Geh jetzt erst einmal ins Bad und mache dich frisch. Ich decke inzwischen den Frühstückstisch.“
Thomas machte sich daran, ein reichhaltiges Frühstück zuzubereiten. Wer weis, wann sie das nächste Mal wieder etwas zwischen die Zähne bekommen würde.
Nachdem Dieter aus dem Bad wiederkam, sah er schon besser aus. Sie machten sich über das Frühstück her und erstaunlicherweise hatte auch Dieter Appetit und langte kräftig zu. Sie besprachen noch einmal den Plan und kamen überein, dass Dieter erst einmal in seine Wohnung gehen sollte, um den Dolch zu holen. Danach würde er sich an die Ausführung des Rituals machen. Also, erst einmal eine arme Seele vom Leben zum Tode befördern und anschließend sollte er wieder hier ins Appartement kommen. Danach würden sie den Tagebucheintrag zu Gunsten von Thomas ändern und sie brachten danach nur weitere 24 Stunden zu warten und Thomas würde der Meister des Buches sein. So jedenfalls hatte er sich das gedacht…

Gesagt – getan.
Dieter war losgezogen, nicht ohne noch einmal seine Bedenken anzumelden. Thomas griff zum Telefonhörer und rief im Büro an. Nachdem der Personalchef ihm gute Besserung wünschte und es bedauerte, daß Thomas wohl drei Tage nicht zum Dienst erscheinen konnte, trank er erst einmal einen Whiskey, um seine immer größer werdende Unruhe zu bekämpfen. Heiß brannte der Hochprozentige in seiner Kehle.
Aber er tat seine Wirkung – Thomas wurde ruhiger.
Es war fast zwölf Uhr. Thomas war schon fast verrückt vor Angst und Sorge. Natürlich nicht um Dieter – der war ihm gelinde gesagt „Scheiß egal“ Nein, die Sorge galt einzig und alleine dem Tagebuch. Nur wenn Dieter seine Tat vollbrachte, konnte das Schicksal verändert werden. Nur so konnte er Besitzer des Buches werden. Nur so war es möglich, seinen Lebensstil nicht nur zu halten, sondern auch aus dem finanziellen Engpass herauszukommen.
Da endlich schellte es an der Türe.
„Ja!“
Thomas hatte den Hörer der Sprechanlage aufgenommen.
„Ich bin’s!“
Er erkannte die Stimme von Dieter und er drückte schnell den Türöffner. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Er machte die Türe auf und wartete auf den Lift. Es dauerte nur wenige Sekunden und die Lifttüren glitten auf. Dieter trat heraus und eilte schnell auf Thomas zu. Schnell schlossen sie die Wohnungstür hinter sich. Dieter atmete auf. Er sah verstört aus und seinen Augen sah man an, dass er ein gebrochener Mann war.
„Und?“
Thomas hatte dieses Wort mehr heraus gestoßen als gesprochen.
„Ich habe es getan!“
Thomas gab ihm erst einmal etwas zu trinken und sie setzten sich.
Dieter schluchzte auf und brach in Tränen aus. Nur schwer war ein Wort aus ihm heraus zu bekommen. Doch dann erzählte ihm unter Tränen, wie die Sache abgelaufen war.

Nachdem er das Appartement verlassen hatte, hatte er sich auf dem schnellsten Weg in seine Wohnung begeben. Dort hatte er die alte Holzschatulle genommen, in welcher der wertvolle und geheimnisvolle Dolch aufbewahrt wurde. Dieser war Bestandteil des Tagebuches. Ohne den Dolch war auch das Tagebuch nutzlos. Und ohne Tagebuch war der Dolch für Uneingeweihte nichts anderes, als eine alte antike Waffe.
Er hatte die Schatulle in eine Tasche gepackt und den Dolch in der Manteltasche verborgen. So war es möglich, ihn unter Umständen schnell zu gebrauchen.

Drei Stunden war er anschließend durch die Stadt geirrt, bis sich die passende Gelegenheit in einer dunklen Ecke des städtischen Parkhauses ergab. Eine junge Frau war zu ihrem Wagen geeilt. Alleine und mit einigen Taschen bepackt, sah sie recht hilflos ein.
Er griff in die Tasche und fühlte den Dolch kalt und glatt. Das gab ihm ein Gefühl der Sicherheit. Noch nie hatte der Dolch ihn im Stich gelassen.
Er ging leise hinter der Frau her, nicht ohne vorher die Umgebung erforscht zu haben. Niemand störte ihn. Die Gefahr einer Entdeckung war gering. Also galt es jetzt, schnell zu handeln.
Er holte den Dolch hervor. Glatt und kalt fühlte sich die Schneide an. Das kalte Licht der wenigen Leuchtstofflampen reflektierte sich in der blank polierten Klinge, so dass man die geheimnisvollen Gravuren, die ihm bis heute ein Rätsel waren, erkennen konnte. Der Griff fühlte sich warm und fest an und schien mit seiner Hand eins zu werden. Noch zwei Meter und er hatte die Frau erreicht. Doch, wie so oft im Leben: die Frau hatte eine Vorahnung und drehte sich im letzten Moment um.
Claudia! Es war seine Schwester!
Oh Gott, es gab kein zurück mehr!
Schnell und kalt fuhr der kalte Stahl mitten in ihr Herz.
Ungläubiges Erstaunen sah er in ihre brechenden Augen.
„Warum?“ schienen sie zu fragen! Warum, Thomas?

Aber kein Wort kam über ihre Lippen. Schwankend stand sie da und Dieter war starr vor Entsetzen. Da brach sie zusammen und Dieter konnte seine Schwester gerade noch auffangen. Er hielt sie in den Armen und weinte bitterlich, während seine Schwester die letzten Atemzüge tat.
Dann passierte, was immer passierte, wenn er den Dolch einsetzte. Der Rubin im Knauf glühte auf, während die Seele aus ihrem Körper wich.
Unendlich lange, es kam ihm hinterher jedenfalls so vor, saß er da und hatte den Kopf seiner toten Schwester im Arm. Dann kam ihm zu Bewusstsein, dass er erst einmal weg musste. Schnell säuberte er seine Sachen, zog den Dolch aus ihrer Brust und verschwand.
Diesmal kam es ihm vor, als wenn er sich selber den Dolch in die Brust gestoßen hätte. Er stieg die Nottreppe hinunter bis zum Ausgang und nahm die Straßenbahn bis in die Nähe von Thomas Appartement. Und so war er nun hierhin gekommen.

Grausam, wie es das Schicksal mit ihm meinte. Das er gerade seine Schwester, die er doch so liebte und wegen einer Familiensache seit fünf Jahren aus den Augen verloren hatte, opfern musste. Gerade das schien eine neue Teufelei des Tagebuchs zu sein.

Thomas sah, daß Dieter fast wahnsinnig vor Schmerz war. So drängte er, den Pakt zu erfüllen, bevor Dieter es sich noch anders überlegte.
„Wir können jetzt nichts mehr ändern,“ sagte er mit fester Stimme. „Los, hol das Tagebuch und laß uns das Schicksal ändern. Sonst wäre auch noch das Opfer umsonst gewesen.“
Er holte das Tagebuch herbei.
Warm und geheimnisvoll. Aber irgendwie auch abweisend, als wenn das Tagebuch wüsste, dass er nicht der Besitzer ist, fühlte es sich an. Als wenn die Menschenhaut, aus der das Buch geschaffen wurde, noch leben würde. Die Fratze, deren Name er nicht wusste, schien ihn zu verhöhnen. Kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er das Buch betrachtete. Er gab es Dieter.
Dieter schaute abwesend mal auf das Buch, mal auf Thomas.
„Ob sich das gelohnt hat?“,schienen seine Augen zu fragen.
Da ging ein Ruck durch seinen Körper. Er nahm die Feder und das Tintenfass mit dem Dämonenblut und legte seine rechte Hand auf das Siegel. In diesem Moment sprang das Siegel auf und er konnte das Buch öffnen.

In gleichen Moment ging ein Ruck durch seinen Körper und er öffnete das Tintenfass. Nachdem er die Feder kontrolliert hatte, las er der Eintrag seines Lebens für den morgigen Tag durch. Thomas schaute ihm über den Rücken und las mit.
„Dieter, hier musst du ändern und dort trage einfach ein, dass du mir das Buch mit allen Rechten und Pflichten unwiderruflich überträgst. Schreibe rein, dass ich unwiderruflich den Pakt übernehme und niemand diesen mehr ändern kann. Nachdem sie noch die ein und anderen Einträge angepasst hatten, überflogen sie diese noch einmal.

„So passt es, Dieter! Jetzt bist du erlöst von dem Fluch. Lass uns die kommenden 24 Stunden abwarten und dann werde ich dich abgelöst haben.“
„Und du willst wirklich?“
Dieter schaute ihn fragend an. In seinen Augen sah man Verzweiflung und Hoffnung gleichermaßen verteilt.
„Ja, auf jeden Fall!“
Bestimmt hatte Thomas gesprochen.
„Dann soll es so sein.“
Er nahm das Löschpapier und trocknete die Tinte. Er klappte das Buch zu und versiegelte es wie es die Prozedur vorschrieb.
Danach verschweißte sich das Buch automatisch und niemand konnte das eben Eingetragene rückgängig machen.

Thomas stand auf und ging ans Fenster. In seinen Augen war ein diabolisches Leuchten zu finden. Aber nur ganz hinten und auch nur, wenn man genau hinsah. Er konnte nicht mehr klar denken, wenn er an den morgigen Tag dachte. Spätestens um Mitternacht mußte es sich entscheiden, ob seine Rechnung aufging. Und bis dahin war es noch einige Stunden hin.
Dieter kam ans Fenster.
„Hoffentlich klappt es. Ich kann einfach nicht mehr morden. Und jetzt habe ich auch noch meine Schwester umgebracht. Ich kann so nicht eines Tages vor Gott treten.“
„Das kannst du auch so nicht. Oder glaubst du, daß nach alledem was geschehen ist, du in den Himmel kommst?“
Thomas sah ihn an.
„Einmal die Seite gewechselt – immer die Seite gewechselt! Aber laß uns abwarten. Es dauert noch fast neuen Stunden bis Mitternacht und dann zeigt es sich…!“
Er sprach den Satz nicht weiter. War es Angst um das, was kommen mochte, oder einfach nur, um Dieter nicht sagen zu müssen, was er vermutete. Es blieb sich gleich.
Der Nachmittag und der Abend gingen langsam vorüber. Immer wieder schauten die zwei auf die Uhr. Auch das Abendessen schmeckte ihnen nicht so recht. Irgendeine Bedrohung lag in der Luft. Thomas hatte da so ein ungutes Gefühl. Immer wieder ging sein Blick auf das Buch. Doch das lag auf dem Schreibtisch. Kalt und unbeteiligt sah es aus.
Dann schlug die Uhr elf mal den Stundenschlag und drei mal die viertel Stunde. Thomas schrak aus seinen Gedanken auf. 23:45 h – nur noch wenige Minuten blieben ihnen. Aber es war ja unabwendbar, was jetzt kommen mag. Ein letztes Mal ging er in Gedanken seinen Plan durch. Aber er fand keine Schwachstelle.
Nur noch drei Minuten. Dieter und Thomas sahen sich an. Beiden standen die Schweißtropfen auf der Stirn. Dieter sah besonders schlecht aus. Verständlich, wenn man bedenkt, unter welchem Druck er stand. Zum einen hatte er seine eigene Schwester umgebracht und dann die Frage: was mag jetzt passieren?
Da schlug die Uhr Mitternacht.
Der neue Tag brach an und das Schicksal erfüllte sich unvermeidlich. Doch was war das?
Wenige Sekunden nachdem die Uhr aufgehört hatte zu schlagen, verfinsterte sich der Raum und ein schwefeliger Geruch machte sich breit. Als sich die beiden umdrehten, erschraken sie zu Tode. Vor Ihnen stand der Fürst der Hölle.
„Ihr Würmer!“ donnerte er. „Wie könnt ihr es wagen, den Pakt eigenmächtig zu brechen und abzuändern!“
„Aber..“ Thomas wollte einen Einwand wagen.
„Sei still, du Wurm! Du Nichts!“
„Aber mein Fürst, ich bitte um Gnade.“
Thomas senkte devot seinen Kopf und machte eine unterwürfige Geste. Das schien den Höllenfürst etwas gnädiger zu stimmen.
„Ha, ich sehe deine Seele vor mir. Schwarz ist sie, sehr schwarz…“
Er machte eine Pause und schaute Thomas eindringlich an.
„Mein Fürst, erlaube mir zu sprechen.“
Während Thomas versuchte, den Herrn der Unterwelt gnädig zu stimmen, stand Dieter unbeweglich da und wäre am liebsten im Nichts verschwunden.
„Rede!“
„Mein Fürst. Ich werde ein besserer Diener des Buches sein. Mein Fürst, schau, Dieter hat nur Qualen gelitten und ist kein guter Diener des Buches. Ich aber weis das Buch zu nutzen.“
Er brachte noch etliche Argumente an und durch geschickte Wortführung gelang es ihm schließlich, den Fürsten gnädiger zu stimmen.
„So will ich den Pakt mit dir erneuern. Aber auch du musst mir ein Opfer bringen und unbedingte Treue mir und dem Buch gegenüber schwören. Besiegele das mit deinem Blut und… “
„Und was?“
Thomas war mittlerweile alles egal. Er sah wieder Sonne am Horizont und die Lösung all seiner Probleme. Auf eine Bedingung mehr oder weniger kam es ihm wirklich nicht drauf an. Und wenn er dafür einen Mord mehr begehen sollte – auch das sollte ihm egal sein.
Der Fürst ging zum Tisch und öffnete die Holzschatulle, in der das Tintenfass und der Dolch lag. Er nahm den Dolch heraus und gab ihn Thomas.
„Du weist, was ich meine“ sagte der Höllenfürst und schaute kurz in Richtung Dieter. Dein erster Bucheintrag wartet auf dich.
Thomas drehte sich um und schaute Dieter in die Augen.
Dieter hatte unbewusst gemerkt, was wohl auf ihn zukam.
Aber er hatte keine Angst. Endlich würde die Pein aufhören und mit dem Schuldgefühl, seine Schwester umgebracht zu haben, wollte und konnte er eh nicht mehr leben.
Es dauerte nur einen winzigen Augenblick, da war es geschehen. Dieter sank mit dem Dolch im Herzen zu Boden.
„So, jetzt ist der Pakt besiegelt. Sei mein treuer Diener und die Welt wird dir zu Füßen liegen.“
Der Höllenfürst lachte und das Lachen verklang langsam im Nichts. Thomas drehte sich um. Niemand war mehr zu sehen. Nur Dieter lag tot vor ihm und in seiner Brust steckte der Dolch.
Thomas zog ihn heraus und wischte das Blut ab. Wohin mit der Leiche? Er musste sie verschwinden lassen. Da fiel ihm der alte Steinbruch am Stadtrand ein. Es dauerte geschlagene zwei Stunden, bis er wieder nach getaner Arbeit wieder zu Hause war. Dort angekommen, ging er zum Schreibtisch und legte das Buch weg. Jetzt konnte das Leben, sein Leben, beginnen…

„Herr Förster?“
Thomas schrak aus seinen Gedanken auf. Es dauerte einen winzigen Augenblick, bis er wieder wusste, wo er war. Hinter ihm stand Kommissar Köstler von der Mordkommission.
„Ja bitte?“ Thomas drehte sich herum und ging auf den Kommissar zu. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Herr Köstler, sie haben sicher schon von dem Unglück im Hause gehört. Ich hätte da einige Fragen an Sie.“
„Nehmen Sie doch Platz. Ich stehe Ihnen zur Verfügung.“
Thomas setzte sich an seinen Schreibtisch und der Kriminalist nahm ihm gegenüber Platz. Er schaute Thomas einen Moment an und zückte dann einen Notizblock, um ihm anschließend einige Fragen zu stellen.
Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis der Kommissar seine Fragen beantwortet hatte. Thomas war erleichtert. Niemand hatte einen Verdacht. Es lief wohl alles auf Selbstmord hinaus. So hatte auch heute das Tagebuch ihm wieder hilfreiche Dienste geleistet. Er ging zur Kaffeemaschine und setzte einen starken Mokka auf. Den konnte er jetzt brauchen. Hoffentlich kam so schnell niemand in sein Büro. Erst musste er einmal klare Gedanken fassen. Wenn sich die Aufregung etwas gelegt hatte, dachte er seinen neuen Coup zu starten. Der brachte ihm dann wenigstens drei Millionen und damit konnte er sich dann absetzen. Die Spuren zu verwischen – das würde ihm wohl gelingen. Wozu hatte er denn das Buch?

Mittlerweile gingen fünf Morde auf sein Konto.
Hatte er anfangs noch vor Aufregung gezittert, so hatte sich mittlerweile eine Kaltblütigkeit breitgemacht, die seinesgleichen suchte. Und die Hemmschwelle sank von mal zu mal. Da er sich durch das Buch in Sicherheit wiegen konnte, ging er immer größere Risiken ein. Finanziell ging es ihm mittlerweile wieder recht gut und er lebte sein Leben. Langsam kam er seinem Ziel immer näher. Und was waren dagegen schon ein paar Morde. Er dachte an Dieter zurück. Ein verächtliches Grinsen legte sich auf sein Gesicht. Dieser Schwächling!
Gut, daß er ihn seinerzeit in dem Pub getroffen hatte. Wer weis, was dieser Idiot noch alles angestellt hätte und wer weis, wie es ihm dann heute gehen würde, wenn er sich nicht in den Besitz des Tagebuches gebracht hätte.
Nun, das war Schnee von gestern!
Er lebte heute und wollte das Leben heute genießen.
Die Tage vergingen und er bereitete den Online-Transfer vor, der nötig war, um an das große Geld zu kommen. Auch hier hoffte er durch die Hilfe des Buches, schnell zum Ziel zu kommen. Etwas Sorge bereitete ihm noch der Zugang. Um den Transfer durchführen zu können, musste er an das Hauptterminal. Und das war abgesichert!
Also, wieder einmal das Buch bemüht! Er bereitete sich vor, heute Abend ein neues Opfer zu suchen.
„Hallo Herr Förster. Machen Sie auch gleich Feierabend?“
Er schrak aus seinen Gedanken auf und schaut in Richtung Türe. Dort stand der Nachtwächter und schaute ihn an.
„Hallo Bernd. Es dauert noch einen Moment.“
„Wissen Sie, ich bin heute alleine hier im Haus. Mein Kumpel ist krank und so habe ich die Nachtschicht ganz allein am Hals. Und es ist schon gegen acht!“
Thomas gingen schlagartig die Gedanken durch den Kopf. Da bot sich ihm doch eine einmalige Gelegenheit.
„Es dauert nur einen Moment.“
Er stand auf und schaltete den Computer aus.
„Warten Sie hier auf mich. Ich komme mit Ihnen runter.“
Er ging in den Nebenraum, wo nicht nur sein Mantel hing, sondern auch der Schrank stand, in dem er, mochte dies nun Zufall oder Schicksal sein, heute den Dolch aufbewahrte.

Er hatte ihn heute morgen eingesteckt, in der Vorahnung, ihn heute zu brauchen. Mittlerweile hatte sich die Aufregung durch den Tod des Kollegen gelegt und es war wieder Normalität eingezogen.
Das Kommissar Köstler immer noch an dem Fall dran war, dies konnte er nicht wissen. Dem Kommissar war die ganze Sache etwas undurchsichtig. Und der Selbstmord kam ihm so vor, als wenn er jemandem ganz gut in den Plan passte.
„Können Sie kurz mit in die Tiefgarage kommen. Ich habe noch einige Akten im Kofferraum, die morgen früh gebraucht werden. Da ich etwas später komme, müssen sie heute noch in mein Büro. Dann brauche ich nicht noch einmal rauf zu fahren und Sie sind mich eher los.“
Während er diese Worte sagte, hatte er sich den Mantel angezogen und nahm den Dolch aus dem Wolltuch, in das er ihn heute morgen gewickelt hatte. Er steckte ihn griffbereit in die Manteltasche und ging wieder in sein Büro.

„Klar Chef!“ Der Nachtwächter war froh darüber. So brauchte er nur die Akten schnell ins Büro zu bringen und konnte seinen Rundgang beenden. In seinem kleinen Überwachungsbüro wartete schon der Fernseher auf ihn. In einer halber Stunde kam die Wrestlingsendung der WWF, die er nicht verpassen wollte. Heute gab es tolle Kämpfe und die musste er sehen.
Sie verließen das Büro und gingen in Richtung Aufzug.
Thomas drückte den Rufknopf.
„Na Bernd, nachher wieder Wrestling schauen?“
Thomas schaute ihn schelmisch an.
„Klar Chef! Muss man doch.“
Ihm war bewusst, dass jeder im Haus davon wusste, das dieses seine große Leidenschaft war. Man munkelte schon, dass man ihm nur eine Wrestlingsendung vorzusetzen brauchte und man konnte ihn mitsamt seinem Stuhl klauen.
Der Lift kam und sie stiegen ein. Thomas drückte den Knopf vom Parkdeck und drehte sich um.
Umdrehen, den Dolch aus der Tasche ziehen und zustechen war eins.
Es dauerte nur fünf Sekunden und der Nachtwächter sank mit brechenden Augen zu Boden. Thomas wartete, bis der Rubin im Griff aufhörte zu leuchten. Dann hatte der Dolch die Lebenskraft aufgenommen und die Seele war auf den Weg in die Hölle. Und für ihn das Wichtigste – er konnte das Tagebuch öffnen und das Schicksal der nächsten 24 Stunden nach seinen Wünschen beeinflussen.
Böse lächelte Thomas und zog den Dolch aus der Brust des Familienvaters. Das er damit wieder ein Verbrechen begangen hatte und selber der Hölle einen Schritt näher kam, das interessierte ihn nicht. Es war nur eines wichtig: er musste seinen Plan durchführen.

Der Lift hielt und die Türen glitten auf. Thomas wollte heraus, um die Leiche zu „entsorgen“. Aber vor der Türe standen zwei Putzfrauen, die ihre Arbeit aufnehmen wollten. Sie schauten wie versteinert zuerst auf Thomas und dann auf den toten Nachtwächter. Eine kleine Blutlache auf seiner Brust ließ keine Unklarheit über das, was hier passiert war.
Die Jüngere der beiden Frauen fasste sich zuerst und schrie laut auf.
„Ruhe!“ donnerte Thomas sie an.
Er riss den Dolch aus der Tasche und stieß zu. Die ältere Frau sank zu Boden. Unterdessen fasste sich die zweite Frau und drehte sich schreiend um und lief los. In der Tiefgarage schallte es noch lauter und Thomas wurde fast wahnsinnig. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war ins Unermessliche gestiegen.
Er zog den Doch aus der Brust der Frau und nahm die Verfolgung der ersten Frau auf. Ihrem Geschrei nach, war die Richtung leicht zu finden. Er lief los. Die erste Wagenreihe. Er schaute nach. Keiner da!
Gehetzt schaute er sich um. Die Frau entfernte sich immer mehr von ihm. Er rannte weiter in Richtung Ausgang. Da hörte er eine Türe knallen und es wurde schlagartig still im Gebäude.
„Scheiße! Scheiße! Scheiße!“
Thomas war wahnsinnig vor Wut. Wie konnte er denn auch ahnen, dass die Putzen gerade jetzt ins Gebäude wollten.
Gehetzt blickte er sich um und rannte zurück zum Aufzug. Da sah er, dass die Frau noch lebte und sich bis zum Notruf geschleppt hatte. Sie konnte zwar niemanden erreichen, aber die automatische Weiterleitung zur Polizei griff. Aber davon wusste Thomas nichts.
Er stach zu. Diesmal war es endgültig aus mit der Frau und der Rubin im Knauf leuchtete hell auf, als er die Lebenskraft in sich aufnahm.
Nun hatte er schon zwei Leichen am Hals. Und die Putzfrau, die fliehen konnte, dürfte wohl jetzt auch schon die Polizei gerufen haben. Er musste weg, das war klar. Nur weg!
So ein Mist, dachte er bei sich. Wie konnte das nur schiefgehen? Was sollte er machen?
Nur ruhig Blut, dachte er bei sich. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren.
Die Ruhe kam wieder und er konnte wieder klar denken.
Das die Putzfrau wusste um wen es sich handelte, als sie ihn gesehen hatte, war unwahrscheinlich. Immerhin arbeiteten hier im Hause fast fünfhundert Mitarbeiter und er hatte sie hier noch nie gesehen. Also war es auch unwahrscheinlich, dass sie ihn schon gesehen hatte.
Er wischte seine Fingerabdrücke an den Türgriffen ab und machte sich auf den Weg zu seinem Auto. Schnell stieg er ein und fuhr los. Er musste noch kurz anhalten, um das Tor zu öffnen. Leise summend setzte sich das Rolltor in Bewegung. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren, dachte er bei sich. Ruhig Blut!
Endlich war das Tor weit genug aus, so dass er mit seinem Wagen durchfahren konnte. Nachdem er durch war, schaltete er per Funk das Tor wieder auf „schließen“ und fuhr los. Er war kaum fünfhundert Meter weit gekommen, als ihm schon die ersten Polizeifahrzeuge mit Blaulicht und Martinshorn entgegen kamen.
„Uff“, kam ihm über die Lippen, „gerade noch einmal Glück gehabt.“
Er machte sich auf den Weg zu seinem Appartement, um das Tagebuch zu holen. Sicherheitshalber wollte er noch schnell eine Reisetasche packen und in ein Hotel ziehen. Wenn er dann das Tagebuch seinen Wünschen entsprechend manipuliert hatte, konnte ihm nichts mehr passieren. Heute war es gerade noch einmal gut gegangen.
Eine Stunde später befand er sich in einer Suite eines 5 Sterne Hotels. Das war natürlich nicht anders zu erwarten. Selbst in einer solchen Situation wollte und konnte er nicht auf den Luxus verzichten, den er so liebte.
Mittlerweile war es schon fast Mitternacht. Er beeilte sich, das Tagebuch hervorzuholen. Auch das Kästchen mit dem Dolch. Thomas hatte ihn mittlerweile dort wieder verstaut. Er stellte alles auf den Schreibtisch und begann seine Arbeit.
Nachdem er das Schicksal für morgen entsprechend manipuliert hatte, heute war es besonders schwierig, schloss er das Buch und versiegelte es. Als es sich wieder verschweißt hatte, atmete er tief durch und lehnte sich zurück.

„Oh Mann, das war knapp!“
Er sprach leise zu sich, schloss die Augen und ließ die letzten Stunden noch einmal vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Wie konnte er nur so unüberlegt handeln? Im nachhinein musste er sich selber für den größten Idioten halten. Er beschloss, in Zukunft vorsichtiger zu sein.
Er ging ins Bad, machte sich frisch und legte sich ins Bett. Thomas hatte zumindest erkannt, dass er morgen, bzw. heute morgen auf jeden Fall pünktlich im Büro sein musste um nicht aufzufallen. Er dauerte lange, bis er in einen unruhigen Schlaf fiel. Dafür kam es ihm um so kürzer vor, als das Telefon schellte und der hoteleigene Weckdienst sich meldete. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß es mittlerweile halb sieben war. Zeit aufzustehen.

Als Thomas Förster an diesem Morgen ins Büro fuhr, war der Eingang zur Tiefgarage abgesperrt. Einige Polizeifahrzeuge standen davor. Als er anhielt, kam ein Polizist auf ihn zu. Er kurbelte die Scheibe runter.
„Hier können Sie nicht rein!“
Der Polizist beugte sich zu ihm runter.
„Aber ich arbeite hier und das ist unsere Tiefgarage.“
Thomas schaute ihn an.
„Parken Sie hier auf dem Vorplatz und kommen Sie dann bitte mit.“
„Weshalb? Bin ich verhaftet?“
Thomas hatte diese Worte ironisch gesprochen.
„Nein“, kam nur die kalte Antwort des Polizisten. Thomas fuhr den Wagen auf den Parkstreifen, stieg aus und schloss den Wagen ab.
„Kommen Sie bitte mit.“
Er folgte dem Polizisten ins Gebäude.
„Was ist denn los?“, fragte Thomas scheinheilig. Jetzt nur cool bleiben, waren aber seine Gedanken. Was soll mir schon passieren können. Sie gingen in das Parkwärterhäuschen innerhalb der Tiefgarage. Dort saß Kommissar Köstler mit einigen Mitarbeitern und schaute ihn interessiert an.
„Guten Tag Herr Förster.“
Der Kriminalist gab ihm die Hand und deutete ihm an, Platz zu nehmen.
„Was ist denn los?“ Thomas sah ihn fragend an.
„Wo waren Sie gestern Abend? So ab 17 Uhr.“
„Soll das ein Verhör sein? Weshalb fragen Sie mich? Was ist denn überhaupt los?“ brauste Thomas auf.
„Beantworten Sie doch einfach meine Frage, Herr Förster.“
Kommissar Köstler zündete sich eine Zigarette an und trank einen Schluck Kaffee. Nicht ohne Thomas scharf zu beobachten. Irgendwie kam ihm dieser Mensch nicht ganz geheuer vor. Zum einen war er aalglatt und nicht zu fassen. Zum anderen hatte er aber immer ein Alibi. Es sah fast so aus, als ob er sich mit seinem Verdacht, obwohl Verdacht wäre zu viel gesagt, mehr so eine Intuition, unbegründet. Aber er konnte sich nicht davon lösen. Es mussten die Augen sein. Die Augen – die ihm nicht passten.
In den 25 Jahren, die er als Kriminalist zugebracht hatte, waren es fast immer die Augen, die ihm viel von der Person sagten. Die Augen sagten meist die Wahrheit. Und hier hatte er ein ungutes Gefühl. Solche Augen hatte er schon einmal gesehen. Er wusste nicht mehr genau wo. Aber es war eine schlimme und grausame Sache gewesen.
Thomas hatte das Gefühl, als wenn er einen dicken Wackerstein im Magen hätte. Er überlegte kurz und schüttelte sich innerlich. Es konnte ja nichts passieren und seine alte Selbstsicherheit kam wieder.
„Nun, Herr Kommissar. Ich bin gestern recht früh nach Hause gegangen. Es muss kurz nach 16 Uhr gewesen sein.“
„Ich wollte Sie gestern Abend sprechen. Sie waren aber nicht zu Hause. Wo waren Sie?“
„Ich bin noch etwas durch die Lokale gezogen. Aber sagen Sie mir doch endlich, was los ist.“
„Der Nachtwächter und eine Raumpflegerin sind ermordet worden!“
„Was?“
„Ja, Ihre Firma steht unter keinem günstigen Stern. Erst der Vorfall vor einigen Monaten und jetzt dieses hier.“
„Aber weshalb? Ist etwas gestohlen worden?“
„Wie es aussieht, nicht. Aber können Sie sich vorstellen, weshalb jemand den Nachtwächter im Lift umbringt und dann hier in der Tiefgarage auch noch eine Raumpflegerin?“
„Nein, da kann ich leider nicht.“
So ging die Unterhaltung noch einige Zeit und anschließend wurde Thomas entlassen.
„Kann ich wieder in mein Büro? Ich habe da einen wichtigen Termin.“
„Natürlich Herr Förster. Gehen Sie nur. Fall sich noch Fragen habe, weiß ich ja, wo ich Sie finde.“
Thomas verabschiedete sich und ging hinaus.
„Nun, Frau Hagadin? Ist das der Mann?“
Kommissar Köstler drehte sich um und schaute in Richtung Toilettentüre. Dort hatte sich die zweite Raumpflegerin, die sich hatte retten können, mit einem Kollegen verborgen gehalten, um die Mitarbeiter in Augenschein zu nehmen.
Sie hätte Thomas hundertprozentig erkennen müssen. Hatte Sie doch ihm direkt gegenüber gestanden und es war auch alles hell beleuchtet gewesen. Aber das war die Auswirkung des Tagebuchs. Sie konnte sich an Thomas nicht mehr erinnern und das Tagebuch suggestierte ihr vor, dass er es auf gar keinen Fall war. Da Sie die einzige Zeugin war, hatte der Kommissar auf sie große Hoffnung gesetzt.
„Nein, der es nix war.“
„Sind Sie sicher?“ Kommissar Köstler war enttäuscht. Er war hundertprozentig sicher gewesen, dass Thomas Förster der Täter war.
„Ja, der es nix gewesen. Der Mann ganz sicher nicht.“
Sie nickte fest und war der festen Überzeugung, das dieser Mann es nicht war.
„Nun, dann nicht. Es kommen ja noch einige Mitarbeiter. Warten wir ab.“
Doch in seiner innersten Überzeugung war dies wie ein weiterer Baustein, der ihm sagte, dass Thomas etwas damit zu tun hatte. Er würde ihn noch einmal ganz genau unter die Lupe nehmen. Aber so, das er es nicht mitbekam.

Thomas ging zum Lift und drückte den Knopf.
Leise surrend kam er runter. Was wollte der Kommissar von ihm? Er hatte das Gefühl, als wenn er es besonders auf ihn abgesehen hätte. Aber es konnte auch genauso sein, dass er sich das nur einbildete. Langsam bekamen seine Nerven einen leichten Klaps. Der Lift kam herunter und er stieg ein. Es war der zweite Lift gewesen. Der erste hatte ein Schild „außer Betrieb“. Sicher war hier die Spurensicherung noch dabei, etwa zu finden.
Thomas fuhr in die dritte Etage und verließ den Aufzug. Auf dem Gang begegnete er einer Kollegin.
„Hallo Thomas! Hast du schon gehört?“
„Ja, Birgit. Hier wimmelt ja alles nur von Bullen.“
„Schreckliche Sache mit Bernd. Wer macht denn so was. Und seine Frau bekommt jetzt das dritte Kind. Die arme Frau.“
„Ja, arm…“
Thomas ging weiter in sein Büro. Dort angekommen ging er ins Nebenzimmer und hängte seinen Mantel weg. Als er wieder zurück ins Büro ging, war Kollege Schmidt da.
„Hallo Thomas. Schreckliche Sache nicht?“
„Ja, wirklich schrecklich. Was ist denn passiert? Man bringt doch nicht einfach so mal eben einen Wächter um und geht dann wieder?“
„Es weiß noch keiner, ob und was noch passiert ist. Ich bin auch nur hier, weil doch um 11 Uhr die Besprechung mit den Leuten der Netcom ist. Du hast doch den Bericht fertig?“
„Ja, ich habe ihn als Datei. Ich spiele ihn dir eben auf CD und dann kannst du ihn dir ausdrucken.“
„Ja gut.“
„Thomas ging zum Rechner und für den lokalen PC hoch. Dieser Rechner war nicht mit dem Firmennetz verbunden. Sonst hätte er die Datei direkt überspielen können. Er legte eine CD-RW ein und brannte die Daten auf die CD. Er öffnete das Laufwerk und gab dem Kollegen die Daten-CD.
„Hier hast du alles drauf. Ich habe auch noch die passenden Grafiken dazu gepackt. Das ist dann alles. Ich habe es gestern noch fertiggemacht. Ich musste früher weg und konnte es nicht mehr ausdrucken.“
„Na ja, ist schon gut.“
Der Kollege nahm die Daten-CD entgegen und verließ das Büro.
Herr Schmidt machte die Türe zu und prallte fast mit dem Kommissar zusammen. Vor Schreck fiel ihm die CD aus der Hand und landete auf dem Boden.
„Ups, hoffentlich ist die jetzt nicht zerkratzt.“
Vorsichtig nahm er die CD wieder hoch und schaute sie an.
„Aha, das ist wohl so eine dieser Daten-CD, die man brennen kann?“
Kommissar Köstler schaute interessiert hin. Er hatte zu Hause zwar auch einen PC, aber keinen CD-Brenner. So war er daran interessiert, sich das einmal anzuschauen.
„Ja, ich habe sie gerade von Herrn Förster geholt Er hat mir die Arbeit gebrannt, die er gestern noch fertiggestellt hat. Er ist früher weg und konnte das nicht mehr ausdrucken.“
„Und die Daten sind jetzt genauso drauf, wie auf einer Diskette?“, fragte der Kriminalist interessiert. „Wissen Sie, ich habe selber einen PC und möchte mir einen Brenner zulegen. Sagen Sie, kann ich das mal sehen?“
„Ja, kommen Sie einfach mit. Ich arbeite im übernächsten Büro und da zeige ich Ihnen das. Diese CDs kann man genau wie eine Festplatte immer wieder beschreiben. Also, besonders interessant zur Datensicherung.“
Sie gingen die paar Schritte und Herr Schmidt öffnete die Bürotüre.
„Hier ist mein Reich. So setzen wir uns doch. Schnappen Sie sich den Stuhl und kommen hier hinter meinen Schreibtisch.“
Kommissar Köstler nahm das Angebot gerne an. So konnte man doch einmal etwas Privates mit dem Dienstlichen verknüpfen. Er sah, wie Herr Schmidt das Laufwerk öffnete und die Daten-CD hineinlegte.
„So, sehen Sie hier. Ich öffne den Arbeitsplatz und da ist das CD-Laufwerk mit dem Brenner.“
Kommissar Köstler sah, das dieses Laufwerk angezeigt wurde und meinte: „Und jetzt kann man es genau wie eine Festplatte verwalten?“
„Ja sicher. Schauen Sie hier. Ich öffne jetzt das Laufwerk und dann sehen Sie die Arbeit von meinem Kollegen.“
Er klickte das Laufwerk an und man sah die Dateien.
„Hier, sehen Sie. Das Dokument wurde gestern um 19:43 h abgespeichert. Da war er fertig mit der Arbeit.“
„Sagen Sie, stimmt die Zeit wirklich?“
„Ja wieso?“
„Nun, nur so eine allgemeine Frage.“
„Die Zeit ist die, die auf seinem PC als Systemzeit eingestellt ist. Weshalb sollte die abweichen von der regulären Zeit. Ein paar Minuten mal ausgenommen?“
„Ja, weshalb auch.“

Sie sprachen noch einige Zeit über verschiedene Dinge und dann hatte es Kommissar Köstler recht eilig, das Büro zu verlassen. So, mein Junge, jetzt habe ich dich, dachte er bei sich. Ich muss nur noch die Zeit deines Rechners kontrollieren und dann bist du in der Falle. Da hat mich mein Gefühl wohl doch nicht verlassen. Er ging zum Büro von Thomas Förster. Als er anklopfte, bekam er keine Antwort. Er machte die Türe auf und das Büro war leer.
„Hallo? Hallo Herr Förster?“
Niemand antwortete. Er ging hinein und machte die Türe auf. Das Büro war leer. Schnell ging er zu dem Schreibtisch und sah, dass der PC eingeschaltet war. Durch die eigene Erfahrung mit dem Betriebssystem war es ihm innerhalb weniger Sekunden möglich festzustellen, dass die Uhrzeit des Rechners genau war. Die Abweichung von 2 Minuten konnte er vernachlässigen.
Also hatte er ihn! Nicht um 16 Uhr war er nach Hause gegangen. Er war kurz vor 20 Uhr noch im Büro gewesen und hatte seine Arbeit abgespeichert. Da musste schon eine sehr gute Ausrede her, um sich rauszuwinden. Das er diese Gedanken laut gesprochen hatte, war ihm nicht zu Bewusstsein gekommen. Auch hatte er nicht mitbekommen, dass Thomas im Nebenraum war. Er hatte sich frisch gemacht und wollte schon wieder in sein Büro zurückgehen, als der Kommissar eintrat. Er hatte alles beobachtet. War es ihm erst etwas komisch vorgekommen, was der Kriminalist an seinem PC wollte, so war bei dem Gehörten nur etwas Kombinationsgabe erforderlich, bis er drauf kam, dass der Kommissar dahintergekommen war, dass an seiner Aussage etwas nicht stimmte.

Verdammt, die Uhrzeit!
Da kam er direkt drauf.
Und das hatte er auch nicht im Tagebuch abgeändert.
So, wie das Tagebuch alles nach seinen Wünschen manipulierte, so musste er selber aber auch auf die Details achten. Da war nur der gestrige Abend schuld. Alles war schief gelaufen. Und dann auch noch der Zeitdruck, unter dem er das Tagebuch fertig schreiben musste. Drei Minuten vor Mitternacht war er erst fertig geworden – in letzter Sekunde also!
Nur so konnte er sich diesen folgenschweren Fehler erklären. So musste er heute wieder morden, um das auszubügeln. Langsam verlor er die Kontrolle über die Sache. Er sah, wie der Kommissar das Büro verließ. Schnell huschte er ebenfalls aus dem Büro und verließ das Gebäude durch den Haupteingang. Egal, aber er wollte nicht in die Tiefgarage zu seinem Wagen. Er hatte das Gefühl, daß der Kommissar jetzt alles in die Wege leiten wollte, um ihn zu fassen. Er musste jetzt jede Gelegenheit nutzen, schnell unterzutauchen. Gut, dass er ins Hotel gezogen war. Zuhause warteten sicher schon die Bullen, um ihn zu verhören.
Da fuhr ein Taxi vorbei und er winkte es ran. Nachdem er dem Fahrer die Adresse gegeben hatte, wurde er wieder ruhiger. Mit jeder Minute entfernte er sich etwas weiter vom Tatort und erfühlte sich sicherer.

Im Hotel angekommen, lies er sich den Schlüssel geben und sagte, dass man ihn nicht stören sollte, da er zu tun hatte. Er fuhr hinauf in die Etage und betrat seine Suite.
Elegantes Flair und eine angenehme Ruhe empfing ihn. Nachdem er die Türe geschlossen hatte, holte er erst einmal tief Luft und setzte sich in den Sessel. Er machte die Augen zu und dachte 5 Minuten lang an nichts. Danach war er wieder ruhig und sein Verstand setzte ein. Wie kam er auf die Schnelle an ein Opfer? Sicher kam man ihm schnell auf die Schliche. Er war nicht zuhause. Er hatte das Büro fluchtartig verlassen. All das machte ihn höchst verdächtig. Und wenn der Kommissar nur halbwegs aufgeweckt war, dürfte in den Abendnachrichten sein Bild zu sehen sein. Dann dauerte es nicht mehr lange und man hatte ihn.
Also brauchte er noch heute ein neues Opfer und er war um Mitternacht wieder in Sicherheit.
Aber wie?
Er durfte jetzt das Zimmer nicht verlassen. Und das Personal war tabu. Sonst war gleich die Hölle los. Da kam ihm eine Idee. Sicher! Genau, dass war es. Und wenn der Portier schmunzelte, ihm war es egal.
Er griff zum Hörer und rief die Rezeption. Nachdem er dem Portier ein sattes Trinkgeld versprochen hatte, bekam er das Gewünschte. In spätestens einer Stunde sollte er bedient werden. Weshalb das Angenehme nicht mit dem Nützlichen verbinden…

Er ging ins Bad, machte sich frisch und genehmigte sich einen Whiskey „On the Rocks“. Die Bar war reichlich ausgerüstet. Der Whiskey tat seine Wirkung und Thomas fühlte sich schon etwas wohler. Er schaute kurz nach dem Buch und nahm den Dolch aus dem Kästchen. Er legte ihn unter das Kopfkissen. So war er griffbereit. Es dauerte auch gar nicht lange und das Telefon schellte.
Er schrak zusammen und nahm den Hörer auf.
„Hallo?“ Herr Förster, hier ist die Rezeption. Hier ist Besuch für Sie.“
„Wer ist es denn?“
„Nun, äh. Hier ist eine Dame, die einen Termin hat, wie sie sagt.“
Die Stimme verriet, dass der Angestellte an der Rezeption sicher wusste, um was für eine Dame es sich handelte.
„Ich lasse bitten und möchte heute nicht mehr gestört werden.“
„Sicher Herr Förster.“
Er legte den Hörer auf und wartete auf die Hostess, die der Chefportier ihm versprochen hatte. Wenn sie auch noch gut aussah, konnte er ja wirklich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Sie wurde sicher nicht vermisst. Zumindest nicht bis morgen mittag, denn das diese Art von Besuch über Nacht blieb, war ja normal.
Er ging kurz ins Bad und legte noch etwas Aftershave auf. Eine Kontrolle im Spiegel zeigte ihm, dass er äußerlich in Ordnung war. Da klopfte es an der Türe. Er ging rasch hin und öffnete.
Vor ihm stand eine bezaubernde Frau. Mitte zwanzig, brünett, eine Figur, dass einem der Atem still stand und die Augen sahen ihn tiefgründig an.
„Wollen Sie mich nicht hineinbitten?“
Eine Stimme voller Rauch und Wollust sagte das zu ihm. Er glaubte zu träumen.
„Ja bitte.“
Er öffnete ganz und gab ihr einen Handkuss.
„Oh, ein Kavalier der alten Schule.“
Sie machte es sich auf der Couch bequem und schaute ihn verlockend an. Thomas glaubte wie von Sinnen zu sein. Das war der Oberhammer.
Solch eine Frau ein Callgirl?
Er ging zur Bar und machte ihnen erst einmal zwei Drinks, bevor er sich zu ihr setzte. Nachdem sie kurz das Geschäftliche abgeklärt hatten, kamen sie überein, dass sie sich eine gemütliche Nacht machen wollten. Die Entlohnung war so großzügig, dass Tina auch bereit war, den kommenden Tag dran zu hängen.
Was Thomas vorhatte, wusste sie ja nicht.
Und das er ihr das Geld wieder abnehmen würde, war ihn auch nicht klar. Wozu brauchte man als Leiche auch Geld?
Da das Appartement über einen eigenen Whirlpool verfügte, begann der Abend recht interessant. Sie verbrachten eine geschlagene Stunde darin und Thomas sah, dass sie ins Schlafzimmer kamen. Dort wartete nicht nur das Vergnügen auf ihn, sondern auch noch der Tod auf Tina.
„Komm Schatz, wir wollen rüber auf die Kuschelwiese.“
„Aber nachher wieder rein in den Pool.“
„Darling, ich werde dich in Champagner baden.“
Thomas nahm sie auf den Arm und trug sie aufs Bett.
Tina kicherte.
Endlich einmal ein Freier mit Stil. Nicht nur mal die schnelle Nummer und das war’s.
Sie genoss den Liebesrausch, der sie packte. Und seit langem ging sie mit. Sie genoss den starken Hengst. Oh Gott, dass hatte sie gebraucht. Tina war glücklich.

Kommissar Köstler hatte recht schnell geschaltet. Als er wieder in das Büro von Thomas Förster ging, stellte er recht schnell fest, dass der Vogel ausgeflogen war. Das war für ihn der letzte Beweis, dass er Recht hatte.
Schnell hatte er eine Ringfahndung eingeleitet und als um 20 Uhr die Abendnachrichten liefen, wurde die gesamte Republik darüber informiert, wen er suchte.
Ein recht gutes Foto, das er in der Wohnung von Thomas gefunden hatte, half ihm zu schnellem Erfolg.
Es dauerte nur 3 Minuten und da schellte auch schon das Telefon.
„Köstler“
„Ja, hier ist Schmitz. Walter Schmitz. Ich bin Chefportier hier im Hotel. Ich habe gerade die Abendnachrichten gesehen. Und der Gesuchte ist bei uns Gast.“
„WAS?“ Kommissar Köstler war mit einem Schlag hellwach.
„Ja, er hat sich vor zwei Tagen eingemietet und ist jetzt mit einer, ähm Dame alleine im Appartement. Er wollte bis morgen früh nicht mehr gestört werden. Wenn Sie wissen, was ich meine.“
„Gut, sagen Sie niemanden etwas. Ich bin mit einigen Beamten in Zivil in einigen Minuten bei Ihnen.“
Er ließ sich die genaue Adresse geben und trommelte seine Mannschaft zusammen. Es dauerte auch nur wenige Minuten und sie waren mit großem Geleit unterwegs zum Hotel.

Von alledem ahnte Thomas nichts, als er sich von Tina löste und sich eine Zigarette anzündete.
„Du siehst so nachdenklich aus, Schatz.“
Tina schaute ihn an.
„War ich nicht gut?“
Tomas drehte sich ihr zu. In seinen Augen lag irgendwie eine gewisse Traurigkeit, die sie sich nicht erklären konnte.
„Doch, mein Schatz. Ich muss nur kurz ins Bad.“
Er machte sich frei und entschwand, bevor Tina weitersprechen konnte. Als er weg war, griff sie unter das Kopfkissen und holte den Dolch hervor. In ihren Augen trat ein höllischer Glanz. Schnell legte sie ihn wieder an seinen Platz und schaute auf die Uhr. Es war fast Mitternacht. Langsam wurde es Zeit, dass er zur Sache kam. Sie war schon gespannt!
Thomas kam gerade wieder und macht eine neue Flasche Champagner auf.
„Auf uns!“
Er gab Tina ein Glas und prostete ihr zu.
„Auf uns!“
Tina sah in durchdringend an. Irgendwie fröstelte ihm. Da hatte er sich das erste Mal richtig verliebt. Und was war? Es war erstens eine Nutte, zweitens mußte er sie gleich töten, um sein Schicksal in den Griff zu bekommen. Und drittens war es das erste Mal, das er Hemmungen hatte. Aber die Zeit drängte. Es ging nicht anders.
Thomas lenkte Tina ab, so daß er sich den Dolch greifen konnte. Er fühlte den kalten Stahl und den warmen Griff. Er packte ihn und holte ihn hervor. Gerade als sich Tina herumdrehen wollte und er den Dolch anhob, um zuzustechen, klopfte es an der Türe:
„Aufmachen! Aufmachen – Polizei! Wenn Sie nicht aufmachen, dann brechen wir die Türe auf!“
Diesen kleinen Moment der Ablenkung nutzte Tina, Thomas den Dolch zu entreißen, ihn umzudrehen und ihn Thomas selber in die Brust zu stoßen.
Thomas drehte sich wieder um zu Tina und schaute erst auf das Messer, was in seiner Brust steckte und dann auf Tina. In seinen Augen las sie Unverständnis.
Da verwandelte sich Tinas Gesicht in die Fratze, die auf dem Buch zu sehen war.
„Ja, da staunst du! Ich bin es wirklich! Lange habe ich es mit angesehen, aber es ist zuviel. Der Fürst der Hölle ist nicht mehr mit dir einverstanden. Wir sehen uns dort unten!“

Thomas schwindelte.
Wie durch Watte hatte er die Worte vernommen.
Ihm wurde schlagartig klar, dass jetzt seine letzte Stunde geschlagen hatte.
Da wurde es dunkel um ihn. Er versank ins Nichts.

Tina veränderte sich weiter. Erst löste sich ihr Körper in Rauch auf, dann zog der Rauch in Richtung des Tagebuches und – als wenn das Buch sie aufsaugte, so verschwand erst der Rauch in dem Buch und dann legte sich die Fratze wieder an die Stelle des Buchdeckels. Dort, wo sie seit Menschengedenken immer gelegen hatte.
Dem Höllenfürst war es endgültig zuviel geworden.
Thomas war zu auffällig geworden.
Seelen wollte der Fürst haben – aber er liebte halt auch die Dunkelheit und die Stille.
Nur so konnte er, ohne der guten Seite aufzufallen, wirken.

Als die Polizei, voran Kommissar Köstler, das Appartement stürmte, fanden sie nur die Leiche von Thomas. Die Untersuchung ergab, dass sich Thomas Förster selber gerichtet hat. Niemand wusste um die wahren Umstände, die zu seinem Tod führten.

Einige Wochen später in Soho…
Ein Pub, wie jeder andere.
Dieter trat ein. Unter dem Arm hatte er ein Paket. Ein in braunes Packpapier eingeschlagenes Buch.
„Danke, mein Fürst“ dachte er bei sich. „Danke, dass ich so noch eine Chance von dir bekommen habe. Ich werde einen würdigen Nachfolger für das Buch suchen…“

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