Das Radio – Eine Hommage an das gute, alte Dampfradio

Ich

Gebannt, oder soll ich sagen, verzückt, blieb mein Blick auf dem NORDMENDE TRAVIATA hängen. Traurig schien es, halb unter all dem anderen Trödel begraben, sich einem gnädigen Käufer offenbaren zu wollen. Der „Lack war ab“, wie man so schön sagt. Der Besucherstrom wälzte sich träge, zähflüssig über den Flohmarkt. Niemand nahm Notiz von ihm, dem ehrwürdigen Zeugnis vergangener Tage.

HörBAR

Meine Gedanken wanderten ab in meine Kindheit, zurück in die 50er-Jahre. Damals hatten meine Eltern ein ähnliches Dampfradio besessen. Stundenlang konnte ich davor sitzen und gebannt den Stimmen aus der fernen, weiten Welt zuhören. In meinen Tagträumen malte ich mir dann aus, wie es wäre, aus dem kleinen, verschlafenen Dorf hinaus zu kommen. Die Geschichten, die der Empfänger mit einigem Knistern und Knacken von sich gab, hautnah mitzuerleben. Und jetzt stand es vor mir. Es war über ein halbes Jahrhundert alt, fast mein Alter. Beim Nachrechnen wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich auch nicht mehr der Jüngste war.

Wollte ich solch ein Radio nicht schon immer besitzen? Viel zu oft hatte ich mir schon vorgenommen, bei günstiger Gelegenheit ein Solches zu kaufen. Und heute, ja heute stand der Traum meiner Kindheit, halb versteckt unter Trödel, alten, gebrauchten Pullis, verdreckt und traurig ausschauend, vor mir.
Was war es, das meinen Blick immer wieder dort verweilen ließ? Meine Frau war mittlerweile weiter gegangen: sie kannte mich. Wenn ich einmal verweilte, etwas begutachtete, konnte es dauern. Und einen Treffpunkt hatten wir ja, wie immer bei einem Flohmarktbesuch, vorsorglich ausgemacht.

Leicht desinteressiert, als alter Flohmarktsammler weis man ja, wie man vorgehen muss, fragte ich so eher nebensächlich den Verkäufer, was denn das alte Stück, was wohl sicher nicht mehr funktionieren dürfte, denn kosten solle.
Naja, meinte er, ob es klappt, wüsste er auch nicht. Er habe es auf dem Dachboden seiner kürzlich verstorbenen Großmutter gefunden. Und jetzt muss alles weg, da das Haus modernisiert und umgebaut würde.
„Ja, was soll es denn dann kosten?“ wiederholte ich meine Frage noch einmal und verdeutlichte ihm somit mein ehrliches Kaufinteresse.
„Ich bin ja froh, wenn es überhaupt weg geht. Wieder nach Hause schleppen, diese sperrige Kiste… ne, dann lieber stehen lassen.“
„10 Euro?“ Mein Herz schlug höher. Jetzt oder nie. „Aber nur, wenn ich es noch stehen lassen kann. Ich will noch weiter und hole es nachher ab.“
„Aber vorher zahlen, damit Sie es auch wirklich abholen.“
„OK.“ Ich zog meine Brieftasche und gab ihm mit klopfendem Herzen das Geld. Ich konnte es selber nicht glauben, wie billig dieser Schatz mein werden konnte. Ich verabschiedete mich von ihm. Allerdings, nicht ohne dem Verkäufer ans Herz zu legen, das Radio nicht noch einmal zu verkaufen. Ich hole es auf jeden Fall ab.
Kurze Zeit später fand ich meine Frau an einem Bücherstand. Ich erzählte ihr von meinem Kauf. Naja, meinte sie, wolltest es ja immer haben. Damit war für sie das Thema erledigt und sie stöberte weiter in dem Antiquariat.

Gegen Abend, wir waren mittlerweile zuhause eingetroffen, packte ich das Radio in meinem Hobbyzimmer aus. Der Verkäufer hatte es sogar noch in Packpapier eingepackt, während ich mit meiner Frau unterwegs war. Beim genauen Hinsehen in vollem Licht schwand meine Euphorie allerdings schnell. Der Lack, stumpf, verschrammt, rissig und verdreckt. Die Tasten klemmten und als ich innen hineinschaute, sah ich 2 Röhren lose herumliegen. Das läuft so nie und nimmer, dachte ich bei mir. Traurig gestimmt ließ ich es auf dem Tisch zurück, machte das Licht aus, schloss leise die Türe und ging schleppenden Schrittes langsam zurück ins Wohnzimmer.
„Wie, nicht bei deinem neuen Schatz?“ Einen leicht scherzenden Unterton vernahm ich in der Stimme meiner Frau. Als sie mein Gesicht sah, fragte sie besorgt, ob alles in Ordnung sei.
Ich winkte ab. War wohl ein überstürzter Kauf, das Radio. Ob ich das überhaupt ans Laufen kriege, wissen die Götter? Ich zog eine bedröppelte Miene.
„Waren ja nur 10 Euro. Und wenn du nur einen Monat daran rumbastelst, war es ein billiger Zeitvertreib.“ Die Worte sollten mich wohl trösten. Sie verrieten aber auch ihr Desinteresse an diesem Teil vergangener Tage. Meine Depression wandelte sich in Trotz. Jetzt erst recht! Ich nahm mir fest vor, es allen zu zeigen. Das Radio wird wieder laufen, das schwor ich mir in diesem Augenblick. Ohne auf den Kommentar weiter einzugehen, mixte ich mir einen doppelten Martini, setzte mich in meinen Sessel und versank in Gedanken.

In den nächsten zwei Tagen war ich beruflich so eingespannt, dass ich weder Gedanken, noch Zeit an dem Radio verschwenden konnte. Dann kam das Wochenende: Samstagmorgen. Am Frühstückstisch fiel mir siedendheiss das Radio wieder ein. Und auf die Frage meiner Frau, ob ich mit in die Stadt fahren wolle, verneinte ich. Ich wolle mir das Radio heute etwas näher anschauen.
„Na, dann kann ich auch gleich zu Liane gehen und mit ihr einen Wellnesstag einlegen. Wenn du beschäftigt bist, sehe ich dich eh erst zum Abend wieder.“ Ich begrüßte die Entscheidung meiner Frau, gab ihr einen Kuss und verschwand mit der halbvollen Kaffeetasse in meinem Hobbyzimmer.

Ich machte das Licht an, ging ins Zimmer, setzte mich an den Tisch und besah mir das Radio noch einmal ganz genau. Jetzt, auf dem zweiten Blick, sah es wohl doch nicht so arg aus. Ich entschloss mich, es erst einmal innen und außen gründlich zu reinigen und dann weiter zu sehen. Gesagt, getan. Die Stunden zogen sich dahin und am frühen Abend erkannte ich das Radio nicht mehr wieder.
Aus einem hässlichen Entlein – war ein stolzer Schwan geworden. Als hätte all der Staub und Dreck nur als Schutz für die wahre, echte Erscheinung gedient. Während der Reinigung hatte ich auch das Typenschild entdeckt und konnte ihm entnehmen, dass mein Radio im Jahre 1958 gebaut worden war.
1958, da war ich selber erst 5 Jahre alt. Meine Güte, wo ist die Zeit geblieben.
Voller Erwartung, erregt, und wie ein Pennäler mit hochroten Ohren, wollte ich es jetzt wagen. Doch zu allem Leidwesen passte der alte Stecker nicht in die heute gültigen, geerdeten Steckdosen.
Du meine Güte: da war ja Alles noch Original dran.
Ich verschwand in der Garage und kramte im Werkzeugschrank. Irgendwo muss doch so ein verflixter Schukostecker sein. Immer, wenn man etwas braucht, grollte ich in Gedanken. In der Küchenschublade wurde ich schließlich fündig. Schnell war der Stecker gewechselt und im zweiten Anlauf startete ich den ersten Wiederbelebungsversuch.

Stecker rein, Einschalter gedrückt. Ist die Antenne angeschlossen?
Antenne ist gut, schmunzelte ich.
Drei Meter Kupferlitze baumelten in der Luft, provisorisch mit Tesafilm am Schrank befestigt. Ich schaute gespannt auf die Scala des Radios. Ein Birnchen der Beleuchtung brannte nicht. „Muss ich demnächst auch auswechseln“, murmelte ich vor mir hin. Der Lautsprecher brummte nach einiger Zeit leise vor sich hin. Die Röhren waren jetzt wohl warm und bereit, ihren Zweck zu erfüllen. Doch zu meinem Leidwesen war dem Radio kein einziger Ton zu entlocken. Als ich die Rückwand öffnete, sah ich, dass eine Röhre dunkel und kalt war. Oh Schreck – was nun?

Da fiel mir ein, dass im Ort, irgendwo am Stadtrand, ein kleiner, uralter Rundfunkladen war. Ich nahm die defekte Röhre aus dem Radio und machte mich auf den Weg. Als ich den Laden endlich fand, war es nicht nur schon dunkel, der Laden war auch zu. Doch aufgeben wollte ich so schnell nicht. Ein Blick auf die Klingel der Haustüre sagte mir, dass der Ladenbesitzer auch hier wohnte. Ich drückte entschlossen die Klingel und kurz darauf erschien ein alter Mann, schlurfend an der Tür.
Nachdem ich ihm mein Problem geschildert, dauerte es nicht lange und ich hielt nicht nur 2 Ersatzröhren in Händen, sondern auch gleich eine neue für das MAGISCHE AUGE. Die solle ich auch wechseln, hatte er mir gesagt. Erleichtert und glücklich, passenden Ersatz gefunden zu haben, zog ich von dannen.

Kurze Zeit später waren die Röhren ausgewechselt und ich schloss die Rückwand erleichtert. Ich startete den zweiten Versuch, mein Dampfradio zum Leben zu erwecken.
Nach knapp einer Minute tat sich etwas. Ich drehte langsam den Abstimmknopf. Gespannt, was sich jetzt tut, lauschte ich dem knisternden Brummen des Lautsprechers.

Es war mir, als würde das Radio langsam, zögernd, ja unwillig aus einem Jahrzehnte dauernden Dornröschenschlaf erwachen.
Noch wehrte es sich dagegen, zu wach zu werden.
Es wollte weiterschlafen, nicht heiter und fröhlich sein.

Ich drehte den Abstimmknopf noch langsamer, ja streichelte ihn. Wollte ihm sagen: komm, wach auf, trau dich. Ich warte auf dich!

Gebannt schaute ich auf das MAGISCHE AUGE. Aber da zuckte noch nichts, kein Ausschlag. Als ich am Ende der Scala angelangt war, drehte ich wieder in die Gegenrichtung. Enttäuschung machte sich breit, als ich wieder am Anfang war und außer statischem Rauschen nichts zu hören war.
Ich schaltete das Radio aus und schaute es nachdenklich an.
Was konnte es sein?
Woran mochte es liegen, dass sich nichts tat, außer statischem Rauschen und Brummen?

Ich stand auf und wollte die Rückwand wieder abschrauben. Mein Blick glitt hin zum Antennenanschluss.
Wo war das Kabel?
Da fiel es mir siedendheiss ein, dass ich ja vorhin das Radio etwas umgestellt hatte. Da muss die provisorische Antenne, die noch keinen richtigen Stecker hatte, abgefallen sein. Und siehe da, da lag sie auch. Ich hob das Ende meiner Wurfantenne auf und steckte die Kupferlitze wieder in den Anschluss der Antenne. Meine Enttäuschung wandelte sich wieder in Hoffnung.
Doch bevor es losgehen sollte, sauste ich mit meinem Kaffeepott noch einmal in die Küche und füllte den Wachmacher nach. Auch wenn ich ihn durch den neuerlichen Adrenalinkick nicht brauchte, so wollte ich nicht auf mein Lieblingsgetränk verzichten.
Wenige Augenblicke später saß ich wieder am Tisch. Vor mir stand das auf Hochglanz geputzte Radio. Es schien nur darauf zu warten, dass ich es endlich zum Leben erweckte. Ein letzter Blick auf die Antenne, ein tiefes Luftholen und schon drückte ich den Einschalter mit Nachdruck hinunter. Mit einem satten Klacken rastete er ein.

Es dauerte rund eine Minute, eine kleine Ewigkeit für mich, bis das MAGISCHE AUGE etwas glühte, der Lautsprecher leise brummte. Das Zeichen für mich, dass mein Dampfradio bereit war für einen weiteren Test.
Ich wischte meine feuchte Hände an meiner Hose ab, berührte dann langsam, zögerlich den Abstimmknopf. Meine Finger fingen an, ihn vorsichtig und bedächtig vom linken Rand der Scala weg, seinen Weg in die weite Welt der sphärischen Unendlichkeiten finden zu lassen.
Gut 5 cm war er schon gewandert, als ich auf einmal etwas Neues hörte. Das Knistern und statische Brummen wurde unterbrochen von einem zarten Wispern. Ich horchte auf! Da war was. Noch vorsichtiger und langsamer drehte ich das Rad und aus dem Wispern wurde eine verständliche Nachrichtensprecherstimme. Das MAGISCHE AUGE zuckte auf und aus dem dünnen Strich wurde langsam ein breiter werdendes Leuchten.

Hurra!
Ich wäre fast vom Stuhl aufgesprungen.
Freude und Glückseligkeit wollte mich übermannen.
Es lebte!
Das über 50 Jahre alte Dampfradio war wieder erwacht! Ich kann es nicht ausdrücken, welche Freude mich packte.

Kein digitaler Klang! Keine reine Stimme!

Nur ein leichtes Knistern und Knacken, aber auch ein einzigartiger, warmer Ton: entstanden aus dem soliden Lautsprecher, der Resonanz des Wurzelholzes, der Seele eines 50 Jahre alten Radios, sowie der Glückseligkeit eines Menschen, der ein kleines Stück Himmel auf Erden wiedergefunden hatte.

Der Abend wurde noch lang. Und es folgten noch viele solcher Abende. Und so Gott will, werden auch noch viele weitere folgen. Zwar gibt es nicht mehr so viele Sender zu empfangen, wie in vergangener Zeit. Doch das Dampfradio bekam bald einen Ehrenplatz in unserer Guten Stube.
Meiner Frau ist es zwischenzeitlich auch ans Herz gewachsen. Und ich sage nichts dazu, schmunzele innerlich, wenn sie ihren Freundinnen gegenüber behauptet, sie hätte es auf dem Flohmarkt entdeckt.
Denn dieses Dampfradio machte mich, nein uns beide, glücklich. Glücklich, in einer Zeit voller negativer Meldungen, Preissteigerungen, Arbeitslosigkeit, e-commerce…

Der krächzende Klang der Vergangenheit bringt uns viele Erinnerungen wieder. Erinnerungen aus der Kindheit. Erinnerungen aus einer Zeit, wo die Wälder noch grün, die Wiesen noch saftig und die Bäche noch sauber waren…

Danke, vielen Dank, liebes Dampfradio!

Diese Geschichte ist nicht erfunden, sondern wurde von mir selber erlebt und nieder geschrieben.

Ein Gedanke zu „Das Radio – Eine Hommage an das gute, alte Dampfradio“

  1. Moin,

    wie kann man über ein Röhrenradio berichten und kein einziges Foto hinzufügen?

    Also bitte Sammler gerecht:
    – Frontfoto (gesamte Pracht)
    – Detailfoto magisches Auge
    – Rückwand (da stehen alle Daten drauf, die Anschlussmöglichkeiten sind erkennbar)
    – {unter Bastlern} Innenansicht (die verbauten Treiber erkennbar, Blick auf die nackten Röhren, wie wurde bei diesem Modell versucht, einen räumlichen Monoklang zu verbreiten)

    Übrigens: ein Adapter dran und Du kannst CD-Player, MP3 Player oder Tapedeck anschließen – versprochen: auch ein Jazzstückchen (z. B. Diana Krall, Temptation oder Max Raabe) von einer digitalen Quelle wird dich umhauen, wenn es aus dem geliebten Röhrenschätzchen kommt und die Frage aufwerfen „so kann mono klingen?“…

    In diesem Sinne weiterhin viel Spaß mit Deinem Dampfradio

    Matt

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