Die geteilte Suppe

Mythos

Vor einiger Zeit kam mir eine weitere „Unwahrscheinliche Geschichte“ zu Ohren. Doch wie bei der „Stillen Post“ ändert sich die Geschichte immer etwas. So habe auch ich eine Adaption der „geteilten Suppe“ parat. Ich halte sie nicht nur für erwähnenswert, sondern habe hier intensiv recherchiert und kann mich für die Echtheit verbürgen. Oder vielleicht doch nicht?…

Es war so in den 70ern. Bei Karstadt war noch die Hölle los, das Restaurant in der oberen Etage zur Mittagszeit brechend voll. Und so war Lisa Widerling (so hieß sie wirklich) erst gegen 2 Uhr zugegen, da dann erfahrungsgemäß der Hauptansturm vorbei war. Sie bestellte sich einen Teller Erbsensuppe und eine Cola. Das Essen wurde ihr schnell gebracht, der Keller noch schneller verschwunden. Was fehlte, war der Löffel. Also stand sie auf, ging durch die Tischreihen nach vorne und holte sich einen Löffel. Als sie mit dem Esswerkzeug bewaffnet, zurück an ihren Tisch kam, stellte sie verwundert fest, dass dort ein etwa 25-jähriger Farbiger saß, an ihrer Suppe löffelte und sie mit dem offenen Lächeln eines Jamaikaner, so tippte sie auf seine Herkunft, anlächelte.
„Nun, ist sicher am Verhungern. Hat wohl nicht eine Mark in der Tasche. Wird wohl aus lauter Not hier Platz genommen haben.“ So ihre Gedanken, die ihr durch den Kopf schossen. Als extrovertierter Mensch ohne Berührungsängste setzte sie sich an den Tisch, lächelte ebenfalls und fing an, mit ihrem Löffel ebenfalls aus dem Teller zu essen. Ein Lächeln hier, ein Augenzwinkern dort, einen Schluck aus dem Colaglas von ihm, ein Schlückchen von ihr…
„Scheint am Verhungern zu sein.“ Dachte sie bei sich. „Ich bestelle gleich wohl noch einen Teller Suppe. Ist schon eine oberwitzige Sache. Im Büro werden sie sich kringeln.“ Irgendwie tat er ihr leid. Muss es heute noch Menschen geben, die sich nicht einmal einen Teller Erbsensuppe mit Speck kaufen konnten? Der Gedanke machte ihr Herz schwer.
Als sie aufgegessen hatte, erhob sie sich und zog Ihre Jacke an. Doch sie passte nicht, war viel zu groß. Ein zweiter Blick verriet ihr, dass es gar nicht ihre Jacke war. Ihr suchender, verwirrter Blick streifte den Nebentisch. Wie vom Donner gerührt starrte sie dorthin. Auf dem Tisch stand unangerührt ihr Teller mit der Erbsensuppe, dem noch vollen Glas Cola und über der Stuhllehne hin ihre Jacke.

So, und jetzt entscheiden Sie selber:
Kann es sein, das diese Geschichte, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag, der reinen Wahrheit entspricht? Oder habe ich Sie einfach nur geschickt hinters Licht geführt? Vieles ist doch bei näherer Betrachtung anders, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Ist es ein moderner Mythos, der selbst Fachleute in die Irre führt?

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