Die irre Vogelspinne in der Yucca Palme

Mythos

Sollte es noch jemanden unter euch geben, der diese Geschichte noch nicht gehört hat? Nun, dann will ich hier eine der unzähligen Varianten, die es weltweit gibt, einmal erzählen. Lehnt euch zurück, gießt einen schönen Kaffee ein oder schließt doch lieber die Türe zu und verkriecht euch unter die Bettdecke.

Es war so um den Soundsovielten vor etlichen Jahren, an den genauen Tag kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Ich kann nur sagen, dass Wolf Hannsen, seines Zeichen Schauermann im Hamburger Hafen, endlich froh war, dass seine Schicht zu Ende war. Sein Rücken schmerzte von den schweren Kaffeesäcken und seine Erkältung machte ihn jetzt im feuchten Herbstwetter auch schwer zu schaffen. Doch krank machen, das war nicht drin. Obwohl er mächtig viele Stunden abriss, war der Monat immer viel zu lang für den mageren Lohn. Und daheim warteten seine Frau und drei hungrige Mäuler, die es zu stopfen galt.
Wolf Hannsen packte seine Tasche mit der, inzwischen leeren, Thermosflasche und der Brotdose und machte sich auf den Weg. Sein Weg führte vorbei an anderen Frachtern. Schiffe, die aus aller Welt Gewürze, Kaffee, Getreide und allerlei exotischen Dinge nach Deutschland brachten. Wie auch die Yucca Palme. Eine zu dieser Zeit noch recht unbekannte und exotische Pflanze.
Und genau vor ihm senkte sich eine Palette mit rund 30 dieser neumodischen Pflanzen hernieder. Hervorgeholt aus dem Bauch der „Alexandra“, ein Frachter aus Übersee, der seine besten Tage schon hinter sich hatte. Fast hätte er die warnenden Rufe seiner Kollegen überhört, als sich die Palette bedrohlich nah vor ihm herab senkte. Er zuckte zusammen und blieb stehen. Während er noch die exotische Pracht bewunderte, in Gedanken sich vorstellte, wie schön sich eine dieser Pflanzen in der Sonnenecke seiner Wohnstube wohl machen würde, passierte das Unglück.
Der Stapler, der die Palette auf den LKW laden wollte, hatte diese nicht richtig gepackt und drei Pflanzen fielen von der ungesicherten, bedrohlich wackelnden Palette herunter auf den Kai.
„Hoppla“, dachte er bei sich, wenn da wohl nichts kaputt gegangen ist.
„Willst’e eine haben, Wolf?“
Wolf zuckte zusammen. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass Christian Schmidt, sein alter Freund aus dem Schrebergarten und ebenfalls Schauermann im Hafen, herangetreten war und sich das Malheur ansah.
„Tja, mein Jung… schön wär es schon.“ Er wiegte den Kopf hin und her, seine Pfeife qualmte aufgeregt, wie eine übernervöse Dampflock.
„Da, nimm sie! Ist eh Transportschaden.“ Mit diesen Worten hielt er Wolf Hannsen eine riesige Yucca Palme hin. „Und der Topf ist auch gesprungen!“
„Wo?“
„Na, siehste nicht den kleinen Riß? Oder ist es Dreck? Meine Brille ist auch beschlagen:“ Grinsend hielt er im immer noch die Pflanze hin.
Ohne groß nachzudenken, griff Wolf zu, bedankte sich und sah zu, dass er auf schnellstem Wege nach Hause kam. Dort angekommen, war das Hallo groß, die Freude riesig. Und als er die Yucca Palme in die Sonnenecke des Erkers stellte, schien sie aufzublühen, das Zimmer in neuem Licht erstrahlen zu lassen. Seine Frau und die Kinder waren begeistert.
Und schon am nächsten Tag erschien seine Schwiegermutter, um das Prachtstück zu begutachten. Sie konnte sich gar nicht genug dran satt sehen, drückte hier ein Blatt beiseite, richtete dort eine Kleinigkeit.
„Was ist denn das für ein Gefussel in der Mitte?“ Sie hatte wohl etwas in der Pflanze entdeckt, was dort nicht hingehört. Wolf trat näher, als seine Schwiegermutter einen spitzen Schrei ausstieß und ohnmächtig zu Boden sank. Schnell griff er zu und legte sie auf die Couch. Als er vorsichtig an die Pflanze herantrat, sah er auf den zweiten Blick auch das, was die Mutter gemeint hatte. Er griff in die Mitte der Palme, um das Gespinnst herauszunehmen. Doch als er es berührte, bewegte es sich, schien ihn angreifen zu wollen. Mit einem Satz war er drei Schritte zurück gewichen. Sein Gesicht war leichenblass. Was war denn das? Und da sah er es auch schon. Ganz langsam bewegte sich etwas aus der Mitte der Pflanze heraus. Schweiß stand auf seiner Stirn. Was sollte er machen? Was geht da vor?
Und da sah Wolf Schmidt auch schon, was da langsam, vorsichtig um sich tastend aus der Yucca Palme hervorkroch – eine riesige, wohl über 10 cm große Spinne. Ein Tier, wie er es noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Was war das da? Ein Monster? Ein Urwelttier? Da sah er seine Schwiegermutter liegen. Immer noch nicht ganz bei Sinnen, doch wohl auf dem Weg zurück ins Leben, wie Zuckungen in ihrem Gesicht bewiesen.
Schnell trat er an die Couch, schnappte sich die Frau und zog und schliff sie mehr, als dass sie gehen konnte, aus dem Zimmer. Schnell die Türe geschlossen, bevor das Untier, was auch immer er sich da in der Palme mit ins Haus geschleppt hatte, das Zimmer verlassen konnte.
Wolf Hannsens Gedanken kreisten wirre. Er war nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Gut, dass die Kinder in der Schule, seine Frau auf Arbeit war. Wenn die auch noch im Zimmer gewesen wären…
Was sollte er tun? Den Notruf wählen? Seine Hand zuckte schon vor, um den Telefonhörer zu greifen, dann überlegte er es sich noch einmal. Besser bei Hagenbeck anrufen. Im Zoo würden sie besser damit umgehen können, als wenn die Polizei womöglich noch eine Schießerei in der Wohnung anfangen würde.
Er rief die Auskunft an und lies sich die Nummer des Zoos geben. Aufgeregt wählte er die Nummer und es dauerte einige Erklärungen und Verbindungen, bis er endlich den Direktor am Telefon hatte. Er erzählte ihm den Sachverhalt und von der riesigen Monsterspinne, die jetzt schon in seiner Erinnerung wohl eher zwanzig Zentimeter groß war. Aber, so genau wollte er sich da auch nicht festlegen. Man versprach ihm, dass in einer halben Stunde zwei Fachleute bei ihm sind, um das Tier einzufangen. Er solle aber auf gar keinen Fall das Zimmer öffnen, damit das Tier nicht entweichen könne.

Und so geschah es dann auch. Kurze Zeit später, seine Schwiegermutter war inzwischen wieder voll bei Sinnen, hatte sich von ihm alles erklären lassen, klingelte es bei ihm. Zwei Mitarbeiter von Hagenbeck, erkennbar an ihrer Arbeitskleidung, traten mit Fangnetz und einer Transportbox bewaffnet, ein.
Es dauerte nur einen Augenblick, da kamen sie schon wieder aus der Wohnstube heraus und zeigten Wolf Hannsen den Übeltäter. Eine Vogelspinne! Diese musste dann wohl aus Versehen mit in den Frachter eingeladen worden sein. Wie und weshalb sie die Überfahrt überlebt haben soll, grenzte an ein Wunder.

Nun! Das war die Geschichte bis dahin. Doch es sollte noch toller kommen. Es war Sommer, das Wetter in Hamburg ausnahmsweise warm, drückend und heiß, goß Frau Hannsen die Palme. Wolf saß in der Küche und ließ sich den Teller Erbsensuppe schmecken. Da hörte er einen Schrei aus der Stube, der ihn sofort aufspringen und hinübereilen ließ.
Er sah seine Frau vor der Yucca Palme stehen, die Gießkanne lag, eine Wasserlache verursachend auf dem Linoleum. Unfähig, ein Wort zu sagen, zeigte sie nur auf die Erde im Blumenkübel. Wolf Hannsen konnte nicht glauben, was er da sah. Es mussten Hunderte sein. Lauter winzige Vogelspinnen krabbelten daher. Er nahm seine Frau an der Hand, verließ das Zimmer und die ganze Prozedur, noch gut in seinem Gedächtnis, wiederholte sich.

Wie sich im nachhinein herausstellte, musste die Spinne ihre Eier dort abgelegt haben. Eine Sache, die man vor einigen Wochen gar nicht angedacht und dem entsprechend auch nicht danach gesucht hatte. Als die Spinnen eingefangen, die Wohnung gesäubert und desinfiziert war, schaute Wolf seine Frau an und beide nickten sich zu. Und da dauerte es, exotische Pflanze hin oder her, nur zwei Minuten und sie war im Hof in der Mülltonne verschwunden.
„Ob ich im Hafen wohl auch einen Gummibaum bekomme?“, ging es Wolf beim Zurückgehen in die Wohnung durch den Kopf. „Besser nicht! Da ist dann wohl eine Schlange drin…“

So, und jetzt entscheiden Sie: Ist die Geschichte wahr oder gelogen. Oder ist sie eine Mythe, die sich nur hartnäckig hält. Aber, ist nicht auch immer ein Fünkchen Wahrheit bei der Sache?
Schreiben Sie hier Ihren Kommentar. Und irgendwann in naher Zukunft… ja dann werde ich Ihnen die Wahrheit erzählen!

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