Gefühle einer Rolltreppe

Ich

Mit einem Stromschock wurde, wie jeden Morgen um 8 Uhr mein System in Bewegung gesetzt. Genauso, wie ich jeden Abend um 22 Uhr abgeschaltet werde, um in die wohlverdiente Nachtruhe zu gehen.

Doch heute war es etwas anderes. Da saß einer der Sohlenpaare mir gegenüber und beobachtete mich. Das tat mir gut. Wurde und werde ich doch sonst immer nur getreten und wie ein „Nirgendwas“ benutzt.

Ja, die Sohlen…
Sohlen, die ich jeden Tag aufs Neue kennen lerne. Einige von ihnen sind mir schon bekannt. Andere sind neu und unbekannt. Was kann ich aus den Sohlen nicht alles herauslesen. Ich selber bin ja ziemlich blind. Das nächste Fenster ist fern. Der Eingang viele Schritte entfernt. Nur die Sohlen erzählen mir von dem Leben da draußen und auch Interessantes über ihre Besitzer.
Zum Beispiel sagen sie mir alles über das Wetter in der Außenwelt. Sind die Sohlen trocken und staubig, scheint die Sonne. Hält der Zustand über eine längere Zeit an, dann werden die Träger der Sohlen meist schon wieder missmutig.
Sind die Sohlen feucht, hat es leicht geregnet. Die Träger freuen sich, hier im Trockenen zu sein. Sind sie nass und machen mich schmutzig… Oha, da freut sich keiner mehr. Sie Tritte sind nicht mehr sanft auf meinen Stufen, sie sind mürrisch.
Im Winter ist es nicht anders. Da werden zum Weihnachtsfest hin die Sohlen auch noch hektisch. Manchmal streiten sich die Träger der Sohlen.

Und dann gibt es die unterschiedlichen Benutzer meiner Wenigkeit. Einige sind sanft, zögerlich, ja ängstlich und unsicher. Sie sind froh, das Ende meiner Stufen erreicht zu haben. Dann gibt es die gemütlichen Sohlen. Diesen macht es Spaß, mich zu benutzen – und mir auch. Und die hektischen Sohlen erst. Sie drängeln sich vor, stoßen und schubsen und kommen mit jedem weiteren Tritt dem Herzinfarkt einen Schritt näher.

Und wenn ich mir die Sohlen betrachte, so sagen sie mir ebenfalls viel über ihre Träger. Manche Sohlen sind neu, alles riecht und duftet nach Leder und Erfolg. Deren Besitzer zeigen gerne ihre Sohlen, schwelgen im Ruhm. Ganz im Gegensatz zu den verschwitzten und durchgetretenen Gummisohlen. Obwohl es auch hier feine Unterschiede gibt. Entweder ist es ein Juppy, ein Teenager oder ein armes Schwein. Doch, das kann ich fühlen an den Schritten, die die Sohlen machen. Während die ersten kraftvoll sind, werden die anderen oftmals kraftlos und müde, ja schleppend getragen.
Manche Absätze sind schief, andere gerade. Auch das sagt mir viel über die Besitzer. Und so geht es Tag für Tag in meinem stupiden Rhythmus des ewigen Herumlaufens.

Und da tut es mir einfach gut, diese Sohlen zu sehen, die mich da betrachten. Denn meine Sinne spüren, dass der Träger ebenso denkt, meine Seele gefunden, mein Herz entdeckt hat.
Aua! Da tritt mich ein ganzes Rudel kleiner Sohlen und läuft auf mir hoch und runter. Nicht so schnell, ihr Lieben, ich bin doch nicht mehr die Jüngste! Irgendwie tut es aber auch gut – so eine Stufenmassage…

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