Das Monster – aus dem Tagebuch eines kontrollierten Selbstmordes

Ich

Es starrt mich an. Erschreckt schaue ich in den Spiegel.
Totenschädel!
Er scheint mich verhöhnen zu wollen.

Schau nur! Ja, sieh richtig hin, Melody!
So wirst auch du in Kürze aussehen!
Ist es nicht schön, so schlank zu sein?
Eine Idealfigur zu haben?
Nicht so fett zu sein, wie die anderen Menschen?

Ich wische mir übers Gesicht. Schweißperlen stehen auf meiner Stirn. Zu anstrengend für den Körper,  ausgezehrt und von der Bullemie gezeichnet.
Soeben habe ich wieder das Frühstück auf den Weg gebracht.
Sind das erste Halluzinationen?
Was will mein Körper? Ich bring ihn doch nicht um. Ich nehme ihm nur die überflüssigen Fettpölsterchen, mache ihn gesund, fühle mich fit!
Gerade noch rechtzeitig schaffe ich es, meinen Kopf über die Schüssel zu beugen. So, der letzte Rest ist auch draußen – besser!
Ich öffne den Wasserhahn, halte den Kopf ins Waschbecken, schüttle mich. Mein Blick findet wieder den Spiegel.

Erschrecken!

Jetzt sehe ich den Totenschädel am steinigen Ufer eines Flusses.
Doch ist es ein Menschenschädel?
Er kommt mir irgendwie tierisch vor.
Langsam wird mein Hirn klarer.
Sicher habe ich mich überfressen, meinen Körper vergiftet.
All das ungesunde Zeugs in mich hinein gefressen. Ich schleppe mich zurück aufs Bett, lege mich hin. Mir wird schwindelig. Sicher nur die Reaktion auf das opulente Mahl zum Frühstück.
Ich schaue in den Spiegel am Kleiderschrank.

Er scheint mich verhöhnen zu wollen.
Wieder ist der Skelettschädel da.
Will mir sagen: Mädchen, überfresse dich nicht. Mache deinen Körper nicht kaputt.

Doch gleichzeitig befällt mich eine innere Unruhe. Ich habe ihn noch nie gesehen. Und heute verfolgt er mich regelrecht.

Ahhh!

In der Fensterscheibe ist er auch zu sehen.
Ich werde noch wahnsinnig, raufe mir die Haare.
Panik befällt mich.
Ich nehme die schwere Statue und werfe sie in die Scheibe. Klirrend geht sie zu Bruch. Tausende Splitter spritzen ins Zimmer.

Ich stehe auf, taumele, falle…

Ich merke nicht, wie das scharfe Glas in meine Arme sticht, die Schlagader erwischt, das Blut aus meinen Körper pulsieren lässt.
Ich liege einfach nur da.
Irgendwann weicht der Dämon von mir, zieht sich der Totenschädel zurück, verschwimmt im Nichts.
Es wird dunkel um mich.

Ruhe, endlich Ruhe. Ich bin schlank, gesund, zufrieden – – – tot.

Das Monster – aus dem Tagebuch eines kontrollierten Selbstmordes
von wurde von mir unter dem Pseudonym Melody Swan veröffentlicht.

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