Dummes Geschreibsel…

Ich

„Hans Schmidt! Habe ich dir nicht vor einer viertel Stunde gesagt: Licht aus und ab ins Bett!“ Bevor Hans, vor Schreck zusammenzuckend, reagieren konnte, war seine Mutter ins Zimmer gekommen. Erwischt!
„Wir haben schon fast 10 Uhr und morgen hast du einen anstrengenden Tag vor dir. Die Klassenarbeit ist fällig.“ Er versuchte, Bleistift und Schreibheft vor den aufmerksamen Augen der Mutter zu verstecken.
„Hast du wieder geschrieben?“
„Äh, nein…“
„Und weshalb versteckst du es vor mir?“
Hans bekam rote Ohren. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er nicht ganz bei der Wahrheit war. Und keiner kannte Hans so gut, wie seine Mutter.
„Zeig her.“
„Äh.“ Er wand sich, versuchte das Heft fallen zu lassen.
„Ich muss jetzt schlafen. Gute Nacht Mama!“
Doch das zog nicht. Also gab er, einen tiefen Seufzer der Resignation ausstoßend, der Mutter das Heft.

„Dann will ich doch einmal sehen, was du den ganzen Tag da hinein schmierst. Kann ja doch nur Unsinn sein. Ich traf heute deinen Lehrer in der Stadt. Du bist nur noch halb bei der Sache. Schaust immer nur verträumt aus dem Fenster. Deine Noten verschlechtern sich. Nur Aufsätze, so sagte er, die scheinst du recht gut hinzukriegen.“
Sorgenvoll schaute sie ihren Sohn an. Sah in seine großen Augen, die sie leicht verängstigt ansahen. Sah seine blassen Wangen, die hagere Gestalt. Ihr wurde bei dem Anblick schwer ums Herz, sie musste schwer schlucken. Sie konnte nicht anders: liebevoll strich sie ihm übers Haar.
Es waren harte Zeiten, jetzt, kurz nach der Währungsreform, einige Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges. Sie arbeitete zwölf Stunden in der Weberei, versorgte dann noch den Haushalt des Arztes und so ganz nebenbei auch den eigenen. Da blieb es nicht aus, dass Hans kürzer kam, als es ihr lieb war. Doch heute, so war ihr, musste sie sich, auch wenn ihr die Augen schwer waren, die Glieder schmerzten, unbedingt Zeit für ihren Sohn nehmen.
Und so setzte sie sich auf das Bett, in das Hans zwischenzeitlich, die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen, verschwunden war, und schlug das Heft auf. Als sie die Nachttischlampe etwas zu sich hin gedreht hatte, gelang es ihr, die leicht krakelige, kindliche Schrift ihres Kindes, der eines 9-jähren Jungen, zu entziffern. Und so las sie folgende Zeilen:

Apokalypse – der Untergang

Hartmut freute sich auf den Abend.
Hatte er sich doch mit seiner Freundin verabredet. Er besaß so ein neumodisches drahtloses Telefon. Zwar war der Batteriekasten recht schwer. Doch konnte er, da er Redakteur war, so jederzeit erreicht werden. Er besaß, und das war sein ganzer Stolz, einen Volkswagen. Das Auto war für Hartmut etwas ganz Besonderes. Doch lebte er immerhin im Jahre 2009. Da war es schon etwas anderes, die Zeit und die Technik war nicht stehen geblieben. Das Auto konnte mit dem kleinen Reaktor zweimal um die Erde fahren, ohne dass es nachgefüllt werden musste.

Als Hartmut vor der Türe seiner Freundin hielt, um sie abzuholen, hatte der Regen, der den ganzen Tag schon herunter prasselte, aufgehört. Freudig erregt stieg er aus und klingelte an der Türe. Er hörte sie im Hintergrund rumoren. Die Geräusche wurden lauter, kamen näher. Sekunden später schwang die Türe auf und er konnte seine Regina in den Arm nehmen. Da sie aber noch nicht fertig war, ging er solange in das Wohnzimmer.
Dort stand das Radio. Es war recht groß und in der Lage, Sender aus weiter Entfernung zu empfangen. Er schaltete es ein, um sich die Zeit zu verkürzen. Einen Moment später, die Röhren mussten erst noch warm werden, hörte er wohl den Nachrichtensprecher:

‚Sehr geehrte Damen und…, bla, bla, bla…, wie heute mitgeteilt wurde, sollten Sie auf den Genuss von Rindfleisch verzichten, da BSE, Rinderwahnsinn, in England entdeckt wurde. Bla, bla…‘
Hartmut schluckte. Wollte er doch mit Regina ein Steak essen gehen. Aber da war ja nebenan noch die „Goldene Gans“. Dort gab es vorzügliche Brathähnchen.
‚Wie wir weiter erfuhren‘, so der Sprecher, ‚ist in Süddeutschland die Vogelgrippe auf dem Vormarsch. Für den Menschen zwar ungefährlich, jedoch sollten sie das Fleisch gut durchbraten. Bla, bla, bla…‘
Der Appetit auf leckere Brathähnchen war augenblicklich verschwunden. Was nun?
Ein schönes Schnitzel mit Bratkartoffeln! Hmmm, lecker!
Der Sprecher räusperte sich und fuhr fort: ‚Wie wir erfuhren, sind im Nordeutschen Schweine erkrankt. Es handelt sich um die für den Menschen ungefährliche Schweinepest.‘
Hartmut schluckte. Naja, Schnitzel…, wenn er so recht nachdachte: besonders lecker waren die nie!
Fisch! Hummer! Ja, das geht. Am Stadtende wusste er von einem vorzüglichen Fischrestaurant.
Doch wenn es kommt, dann Dicke!
‚Der Fischbestand ist Aufgrund der Überfischung der Nord- und Ostsee drastisch zurück gegangen. Sie sollten dieses eh meiden, da Aufgrund zu hoher Quecksilberwerte…‘
Fisch war also auch nicht. Sein Magen zog sich wie ein Kloß zusammen.
‚Meine Damen und Herren. Die Regierung hat soeben das Gesetz verabschiedet, dass Genmais und genveränderte Lebensmittel zugelassen werden. So soll der Hunger in der Welt… bla, bla, bla… Beachten Sie auch, dass die ersten Erdbeeren aus dem Süden sehr stark mit Pestiziden verseucht sein können. Sie müssen sie sehr gut waschen…‘
Hartmut hatte Schweißperlen auf der Stirn.
Was nun?
Wieso hatte er nicht davon gewusst?
Er war doch Reporter und immer nah dran an der Quelle. Bevor er sich in die absolute Krise hineinsteigern konnte, ertönte eine neue Stimme aus dem Radio:

‚Sehr geehrte Damen und Herren. Sie hörten soeben das Hörspiel von Sir Charles Blackwood *Die Menschheit, die sich selber umbringt*. Wir bringen nun Tanzmusik.

Hartmut stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Wie konnte er nur so etwas glauben. Solch einen unwahrscheinlichen Schwachsinn. Aber gut gemacht war es schon, das musste er zugeben.

Während Frau Schmidt verwirrt und irritiert das Heft schloss, schaute sie ihren Sohn an, der inzwischen eingeschlafen war. Ich muss einmal mit dem Doktor darüber sprechen. Das ist doch krank, was der Bub sich da so ausdenkt. Unmögliches, das nie passieren wird. Das kann doch nur ein kranker Geist sein. Bin ich da Schuld dran?
Nehme ich mir zuwenig Zeit für das Kind? Für seine Gedanken und Sorgen? Leise stand sie auf, strich ihrem Hans noch einmal liebevoll übers Haar. Sie zog die Decke noch etwas höher, löschte das Licht und verließ leise das Zimmer…

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