Mal wieder Muttertag

Ich

Tja, denke ich so bei mir, als ich heute Morgen in der Früh aufwache, da haben wir ihn wieder – den alljährlichen, so beliebten und geliebten Muttertag.
Stop!
Kommen Sie mir jetzt nicht mit den Argumenten, dass dieser ebenfalls, wie die Mythe vom Valentinstag, von den Floristen erfunden wurde. Auch wenn die sich die Idee sicher gerne einheimsen würden.
Muttertag… ich sehe schon den Parkplatz des benachbarten Seniorenheims aus den Nähten platzen. Jeder mal schnell die Mutter besuchen. Ach weißt du Mutter, die viele Arbeit und die Kinder… Angie ist ja jetzt auch halbtags am arbeiten… Aber schön hast du es hier – oder? Bloß keine Antwort erwarten…
Ja natürlich, mein Sohn! Und gemütlich ist es auch. Viel zu schnell kommt die Antwort der Mutter, um ehrlich zu sein…
Die Blumen sehen nach einer halben Stunde endlich das Licht des Tages, nachdem die Mutter sie dem Sohn aus der Hand nimmt und in der Enge des Zimmers eine Vase vor holt, um sie hineinzustellen. Erleichterung ist im Gesicht des Sohnes zu sehen, ganz warm waren die Stiele schon in der schwitzigen Hand.
„Wie schön die Rosen sind.“ Leise Worte verlassen den Mund der Mutter. So mächtig, wie leise… . Bedeuten sie doch etwas ganz anderes, als sie flüstern. „Und so schön rot…“
Sie stellt die Vase mit den prächtigen Rosen auf den Tisch, glättet sorgfältig das Papier, um es anschließend klein und korrekt gefaltet, in die Schublade zu legen. Hinauf auf die anderen vierzehn Blumenpapiere der letzten vierzehn Muttertage…

Ja Mutter, wir würden ja öfters kommen, aber du weißt ja… Wieder eine nichtssagende, pragmatisch ausgesprochene Floskel.
Aber, das macht doch nichts. Ich verstehe das doch. Die Kinder und die Arbeit sind doch wichtiger. Gerade in der heutigen Zeit. Dankbar nickt die ganze Schar im Chor. Dankbar der Eselsbrücke, die ihnen die Mutter hinwirft, um den Schein einer intakten Familie zu wahren.
Erste, vorsichtige Blicke auf die Uhr: das Kino, das Date, die Freunde im Club warten schon. Fast fünf ist es mittlerweile. Auf die Frage der Mutter, ob sie denn nicht noch einen Kaffee trinken wollen, winken alle ab. Mach dir keine Mühe, der Magen… dabei wird ein verzweifelter Blick gen Decke geworfen. Ach, ist das eine schäbige Lampe…
Doch nein, schön ist sie. Die hatte ich ihr doch vor drei Jahren selber mitgebracht. Oder war es doch Schwager Fritz? Ob die Jungs im Club schon lange warten? Schon fast zwei Stunden hier in dem engen Zimmer. Der Hemdknopf wird geöffnet, die Luft wird langsam schlecht…
Wie voll der Parkplatz heute ist. Mutter macht darauf aufmerksam, als sie einen Blick aus dem Fenster wirft. Endlich ist es da! Das Stichwort, auf das alle gewartet haben. Man müsse dann wohl langsam los. Da wollen ja auch noch andere einen Parkplatz. Die Mutter besuchen, du verstehst? Ach, wie war es doch heute schön. Ne, was für ein toller Muttertag.
Ja, sehr gefreut hat es die Mutter. Ob sie denn noch mit runter an den Wagen darf…
Bloß nicht! Viel zuviel Hektik und zu gefährlich. Alle winken ab, sind schon halb aus dem Zimmer. Ein letzter Blick auf die Uhr: wenn wir uns eilen, sind wir gerade zum ersten Drink im Club…
Ja, dann Tschüs auch, liebe Mutter. War das wieder einmal schön. Ja, und wir kommen jetzt wieder öfters – versprochen. Die letzten Worte fliegen nur noch leise ins Zimmer. Alle sind schon draußen, die Zugluft knallt die Tür ins Schloss – aus! Eine leise Träne verlässt das Auge der Mutter, lässt ihren Blick auf der glatten, weißen Türe verharren. Sie kann nicht sagen, ob sie ihn lieben oder hassen soll – den verdammten Muttertag.

Doch eines ist jedenfalls klar: heute Abend beim Rommé, da wird jede ihrer Freundinnen aus dem Seniorenheim ähnliches erzählen. Und dann wird so richtig gezockt, so bis elf oder halb zwölf…, egal, ob da zwei oder drei Euro drauf gehen… man feiert ja schließlich Muttertag!

Ja, so stelle ich mir den Tag heute, nebenan im Seniorenheim vor. Wehmut will mich gefangen nehmen. Doch dann schaue ich nebenan ins linke Bett, wo meine Frau noch feste schläft. Mein Herz wird wieder froh und leicht. Ich stehe auf, um ihr den Kaffee ans Bett zu bringen. Man weiß ja schließlich, was sich am Muttertag gehört, oder? Sie muss ihn dann halt nur noch mahlen und aufgießen…

Ach, da wäre noch etwas, bevor ich zum Schluss komme…
Ich finde, es ist an jedem der 365 Tage im Jahr Muttertag. Wer der Meinung ist, ihn nur einmal im Jahr mit allen zur Schau gestellten Scheinheiligkeiten, begehen zu müssen, der sollte es lieber gleich ganz lassen. Dann tut er seiner Mutter wenigstens nicht noch an diesem Tage weh. Auch wenn sie dabei leise lächelt…

Vor mir geschrieben und veröffentlicht unter dem Pseudonym Sir Charles Blackwood

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