Er kommt ganz leis, der Winterblues

Es dauert manchmal lang, bis ich ihn bemerk. Doch dann hat er, so heimlich schleichend, ganz vorsichtig, so von hintenrum, meist ohne Warnung, schon von mir Besitz ergriffen.

HörBAR

Heute, ja, da habe ich ihn wieder bemerkt. Der unwohle Magen in den letzten Tagen, die alten, schwermütigen Schlager, das triste Wetter, das Verweilen der Seele in längst vergangenen Tagen. Keine Lust zu Nichts, das Verkriechen in mir selbst… Alles Zeichen, dass der altvertraute Gast wieder zurückgekehrt ist.

Ja, jetzt traut er sich. Jetzt kommt er vor. Im Sommer, wenn die hellen, wärmenden Sonnenstrahlen Herz und Seele erfreuen. Wenn Teenies, jung, lebenslustig, mit kurzen, wippenden Miniröckchen den Marktplatz verschönern. Oder der alte Straßenmusikant an der Ecke von Fernweh und Liebe singt. Seine verzaubernden Töne die süße Sommerluft durcheilen, sich heilend und sanft um die Seele schmiegen…

Nee, nee – da mag er nicht!
Da verkriecht er sich!
Da schmelzen seine Eiswasser im Eimer der Depressionen dahin, ist er schwach, blass, kraft- und hilflos.

Doch heute, da ist wieder so ein Tag. Da scheint der alte Gesell zu lachen, seine Eiswürfel ausschütten zu wollen. Will, das Grauen, Angst und Hilflosigkeit, erstarrt durch die Kälte der eisigen Last, von mir Besitz ergreifen. Will tanzen, herum springen auf der gepeinigten Seele, jeden guten, warmen und liebenden Eindruck zerstören. Doch halt, was ist denn das?

Da schwindet auf einmal die Schwermut der Gedanken, schmelzen die eisigen Würfel des Blues wie Gletscher in der Sonne. Da wärmen die Oldies das Herz, da ist der Regen nicht mehr trist und fad, der Riss in der aufklaffenden Seele schließt sich wie von Zauberhand. I’m singing in the rain…
Ich sch… was drauf, lach über die Schwermut, reiß die Fenster auf, lasse mir auf der Terrasse den Regen über das Gesicht laufen. Sehe die aufkommende dunkle Jahreszeit wieder in einem hellen Licht. Halloween, St. Nikolaus, die Adventszeit, das Warten auf das Fest der Feste…

Ja, alter Gesell! Das hast du nicht erwartet, oder? Hast dich verdrückt. So leise und heimlich, wie du gekommen bist. Der kleine, frisch-blutende Riss in der Seele schließt sich wie von Zauberhand, geglättet durch sanfte Gedanken, der Wärme des Herzens. Und schon kann ich wieder schreiben, fallen mir Worte ein, finden den Weg aus der Seele aufs Papier, werden hinaus getragen in die Welt.

Tja, dieses Jahr hast du früh angeklopft, alter, vertrauter Freund, verhasst und geliebt. Auf dich, alter Schwerenot, trinke ich heute Abend ein schönes Glas Rotwein, stelle leise, schmeichelnde Musik an – nehme meine Frau in den Arm.
Diese Runde ging an mich! Aber wir haben ja auch erst Ende Oktober…

Es kommt so von ganz tief unten…

Viele Lenze habe ich schon gesehen. Das Leben blickt weiter zurück, als es noch nach vorne schauen kann. Zeit, sich einfach einmal – Zeit zu nehmen. Minuten der Erinnerungen, Stunden des Rückblicks. Monumente der Momente, die sich im Kopf wieder manifestieren. Dunkle, schwarze, kalte und grausame. Momente, die man nicht mag, nicht mehr wissen will. Doch überdeckt von guten, hellen und freundlichen Augenblicken. Sekunden des Seins, die warm, strahlend und schön das Leben lebenswert machen.

„Weine nicht, kleine Eva“
Die Flippers haben bei mir soeben einen solchen Augenblick geweckt.
Oh Mann… Ende der 60er…
Kaum aus der Schule, hinein in das Abenteuer Leben, hinaus in die Welt.

Und da ist es wieder.
So von ganz tief unten…
Das Gefühl!
Wie soll ich es beschreiben?

Ein Kribbeln im Bauch. ein Stein im Magen – Wellen der Gefühle!
Wellen, die auf einmal aus dem dunklen Meer des Vergessens nach oben wogen. Alles verwirbeln, durcheinanderbringen. Gedankenflut…

Ich lächle.
Ja, das ist es… so von ganz tief unten…
Die Erinnerung an die Jugend, die erste Liebe, die Unbeschwertheit der 60er…

Meine liebe Frau, seit über einem ¼ Jahrhundert Geliebte, treue Begleiterin meines Lebens, schaut aus dem Sessel auf, blickt mich an. Ohne Worte verstehen wir uns. Auch wenn sie damals noch nicht in meinem Leben war, versteht sie wohl, was ich in diesem Augenblick empfinde.
Bei mir ist es die „kleine Eva“ der Flippers, bei ihr ein anderer Titel. Und bei den jungen Menschen von heute wieder eine andere Musik.

Ich wünsche mir, dass es noch viele Generationen von Menschen geben wird, die das „von ganz tief unten“ empfinden und fühlen werden und können. Etwas mehr Wärme in einer Zeit, wo sich das Dunkle, Kalte, Grausame auf den Weg gemacht hat, die Herzen der Menschen zu versteinern.

Dummes Geschreibsel…

„Hans Schmidt! Habe ich dir nicht vor einer viertel Stunde gesagt: Licht aus und ab ins Bett!“ Bevor Hans, vor Schreck zusammenzuckend, reagieren konnte, war seine Mutter ins Zimmer gekommen. Erwischt!
„Wir haben schon fast 10 Uhr und morgen hast du einen anstrengenden Tag vor dir. Die Klassenarbeit ist fällig.“ Er versuchte, Bleistift und Schreibheft vor den aufmerksamen Augen der Mutter zu verstecken.
„Hast du wieder geschrieben?“
„Äh, nein…“
„Und weshalb versteckst du es vor mir?“
Hans bekam rote Ohren. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er nicht ganz bei der Wahrheit war. Und keiner kannte Hans so gut, wie seine Mutter.
„Zeig her.“
„Äh.“ Er wand sich, versuchte das Heft fallen zu lassen.
„Ich muss jetzt schlafen. Gute Nacht Mama!“
Doch das zog nicht. Also gab er, einen tiefen Seufzer der Resignation ausstoßend, der Mutter das Heft.

„Dann will ich doch einmal sehen, was du den ganzen Tag da hinein schmierst. Kann ja doch nur Unsinn sein. Ich traf heute deinen Lehrer in der Stadt. Du bist nur noch halb bei der Sache. Schaust immer nur verträumt aus dem Fenster. Deine Noten verschlechtern sich. Nur Aufsätze, so sagte er, die scheinst du recht gut hinzukriegen.“
Sorgenvoll schaute sie ihren Sohn an. Sah in seine großen Augen, die sie leicht verängstigt ansahen. Sah seine blassen Wangen, die hagere Gestalt. Ihr wurde bei dem Anblick schwer ums Herz, sie musste schwer schlucken. Sie konnte nicht anders: liebevoll strich sie ihm übers Haar.
Es waren harte Zeiten, jetzt, kurz nach der Währungsreform, einige Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges. Sie arbeitete zwölf Stunden in der Weberei, versorgte dann noch den Haushalt des Arztes und so ganz nebenbei auch den eigenen. Da blieb es nicht aus, dass Hans kürzer kam, als es ihr lieb war. Doch heute, so war ihr, musste sie sich, auch wenn ihr die Augen schwer waren, die Glieder schmerzten, unbedingt Zeit für ihren Sohn nehmen.
Und so setzte sie sich auf das Bett, in das Hans zwischenzeitlich, die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen, verschwunden war, und schlug das Heft auf. Als sie die Nachttischlampe etwas zu sich hin gedreht hatte, gelang es ihr, die leicht krakelige, kindliche Schrift ihres Kindes, der eines 9-jähren Jungen, zu entziffern. Und so las sie folgende Zeilen:

Apokalypse – der Untergang

Hartmut freute sich auf den Abend.
Hatte er sich doch mit seiner Freundin verabredet. Er besaß so ein neumodisches drahtloses Telefon. Zwar war der Batteriekasten recht schwer. Doch konnte er, da er Redakteur war, so jederzeit erreicht werden. Er besaß, und das war sein ganzer Stolz, einen Volkswagen. Das Auto war für Hartmut etwas ganz Besonderes. Doch lebte er immerhin im Jahre 2009. Da war es schon etwas anderes, die Zeit und die Technik war nicht stehen geblieben. Das Auto konnte mit dem kleinen Reaktor zweimal um die Erde fahren, ohne dass es nachgefüllt werden musste.

Als Hartmut vor der Türe seiner Freundin hielt, um sie abzuholen, hatte der Regen, der den ganzen Tag schon herunter prasselte, aufgehört. Freudig erregt stieg er aus und klingelte an der Türe. Er hörte sie im Hintergrund rumoren. Die Geräusche wurden lauter, kamen näher. Sekunden später schwang die Türe auf und er konnte seine Regina in den Arm nehmen. Da sie aber noch nicht fertig war, ging er solange in das Wohnzimmer.
Dort stand das Radio. Es war recht groß und in der Lage, Sender aus weiter Entfernung zu empfangen. Er schaltete es ein, um sich die Zeit zu verkürzen. Einen Moment später, die Röhren mussten erst noch warm werden, hörte er wohl den Nachrichtensprecher:

‚Sehr geehrte Damen und…, bla, bla, bla…, wie heute mitgeteilt wurde, sollten Sie auf den Genuss von Rindfleisch verzichten, da BSE, Rinderwahnsinn, in England entdeckt wurde. Bla, bla…‘
Hartmut schluckte. Wollte er doch mit Regina ein Steak essen gehen. Aber da war ja nebenan noch die „Goldene Gans“. Dort gab es vorzügliche Brathähnchen.
‚Wie wir weiter erfuhren‘, so der Sprecher, ‚ist in Süddeutschland die Vogelgrippe auf dem Vormarsch. Für den Menschen zwar ungefährlich, jedoch sollten sie das Fleisch gut durchbraten. Bla, bla, bla…‘
Der Appetit auf leckere Brathähnchen war augenblicklich verschwunden. Was nun?
Ein schönes Schnitzel mit Bratkartoffeln! Hmmm, lecker!
Der Sprecher räusperte sich und fuhr fort: ‚Wie wir erfuhren, sind im Nordeutschen Schweine erkrankt. Es handelt sich um die für den Menschen ungefährliche Schweinepest.‘
Hartmut schluckte. Naja, Schnitzel…, wenn er so recht nachdachte: besonders lecker waren die nie!
Fisch! Hummer! Ja, das geht. Am Stadtende wusste er von einem vorzüglichen Fischrestaurant.
Doch wenn es kommt, dann Dicke!
‚Der Fischbestand ist Aufgrund der Überfischung der Nord- und Ostsee drastisch zurück gegangen. Sie sollten dieses eh meiden, da Aufgrund zu hoher Quecksilberwerte…‘
Fisch war also auch nicht. Sein Magen zog sich wie ein Kloß zusammen.
‚Meine Damen und Herren. Die Regierung hat soeben das Gesetz verabschiedet, dass Genmais und genveränderte Lebensmittel zugelassen werden. So soll der Hunger in der Welt… bla, bla, bla… Beachten Sie auch, dass die ersten Erdbeeren aus dem Süden sehr stark mit Pestiziden verseucht sein können. Sie müssen sie sehr gut waschen…‘
Hartmut hatte Schweißperlen auf der Stirn.
Was nun?
Wieso hatte er nicht davon gewusst?
Er war doch Reporter und immer nah dran an der Quelle. Bevor er sich in die absolute Krise hineinsteigern konnte, ertönte eine neue Stimme aus dem Radio:

‚Sehr geehrte Damen und Herren. Sie hörten soeben das Hörspiel von Sir Charles Blackwood *Die Menschheit, die sich selber umbringt*. Wir bringen nun Tanzmusik.

Hartmut stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Wie konnte er nur so etwas glauben. Solch einen unwahrscheinlichen Schwachsinn. Aber gut gemacht war es schon, das musste er zugeben.

Während Frau Schmidt verwirrt und irritiert das Heft schloss, schaute sie ihren Sohn an, der inzwischen eingeschlafen war. Ich muss einmal mit dem Doktor darüber sprechen. Das ist doch krank, was der Bub sich da so ausdenkt. Unmögliches, das nie passieren wird. Das kann doch nur ein kranker Geist sein. Bin ich da Schuld dran?
Nehme ich mir zuwenig Zeit für das Kind? Für seine Gedanken und Sorgen? Leise stand sie auf, strich ihrem Hans noch einmal liebevoll übers Haar. Sie zog die Decke noch etwas höher, löschte das Licht und verließ leise das Zimmer…

Das Monster – aus dem Tagebuch eines kontrollierten Selbstmordes

Es starrt mich an. Erschreckt schaue ich in den Spiegel.
Totenschädel!
Er scheint mich verhöhnen zu wollen.

Schau nur! Ja, sieh richtig hin, Melody!
So wirst auch du in Kürze aussehen!
Ist es nicht schön, so schlank zu sein?
Eine Idealfigur zu haben?
Nicht so fett zu sein, wie die anderen Menschen?

Ich wische mir übers Gesicht. Schweißperlen stehen auf meiner Stirn. Zu anstrengend für den Körper,  ausgezehrt und von der Bullemie gezeichnet.
Soeben habe ich wieder das Frühstück auf den Weg gebracht.
Sind das erste Halluzinationen?
Was will mein Körper? Ich bring ihn doch nicht um. Ich nehme ihm nur die überflüssigen Fettpölsterchen, mache ihn gesund, fühle mich fit!
Gerade noch rechtzeitig schaffe ich es, meinen Kopf über die Schüssel zu beugen. So, der letzte Rest ist auch draußen – besser!
Ich öffne den Wasserhahn, halte den Kopf ins Waschbecken, schüttle mich. Mein Blick findet wieder den Spiegel.

Erschrecken!

Jetzt sehe ich den Totenschädel am steinigen Ufer eines Flusses.
Doch ist es ein Menschenschädel?
Er kommt mir irgendwie tierisch vor.
Langsam wird mein Hirn klarer.
Sicher habe ich mich überfressen, meinen Körper vergiftet.
All das ungesunde Zeugs in mich hinein gefressen. Ich schleppe mich zurück aufs Bett, lege mich hin. Mir wird schwindelig. Sicher nur die Reaktion auf das opulente Mahl zum Frühstück.
Ich schaue in den Spiegel am Kleiderschrank.

Er scheint mich verhöhnen zu wollen.
Wieder ist der Skelettschädel da.
Will mir sagen: Mädchen, überfresse dich nicht. Mache deinen Körper nicht kaputt.

Doch gleichzeitig befällt mich eine innere Unruhe. Ich habe ihn noch nie gesehen. Und heute verfolgt er mich regelrecht.

Ahhh!

In der Fensterscheibe ist er auch zu sehen.
Ich werde noch wahnsinnig, raufe mir die Haare.
Panik befällt mich.
Ich nehme die schwere Statue und werfe sie in die Scheibe. Klirrend geht sie zu Bruch. Tausende Splitter spritzen ins Zimmer.

Ich stehe auf, taumele, falle…

Ich merke nicht, wie das scharfe Glas in meine Arme sticht, die Schlagader erwischt, das Blut aus meinen Körper pulsieren lässt.
Ich liege einfach nur da.
Irgendwann weicht der Dämon von mir, zieht sich der Totenschädel zurück, verschwimmt im Nichts.
Es wird dunkel um mich.

Ruhe, endlich Ruhe. Ich bin schlank, gesund, zufrieden – – – tot.

Das Monster – aus dem Tagebuch eines kontrollierten Selbstmordes
von wurde von mir unter dem Pseudonym Melody Swan veröffentlicht.

Seife mit Haltbarkeitsdatum

Die Tage, irgendwann in diesem Monat, meinte meine Frau, ich solle ihr doch vom Einkauf eine bestimmte Seife mitbringen. Wo ich sie kriege, wo sie im Laden zu finden ist: also, all diese kleinen, aber wichtigen und unwichtigen Nebensächlichkeiten aus Sicht eines Mannes, merkte ich mir beim Frühstück zwischen zwei Brötchenhälften, die es zu vertilgen galt. Da es nicht ihre gewohnte Toilettenseife war, fragte ich sie, wofür sie diese, mir doch recht rudimentär erscheinende, Seife benötigt.
Naja, was soll‘s… ich schnappte mir, nach dem letzten Schluck erkaltenden Kaffees meinen Autoschlüssel, vergewisserte mich, ob ich auch Einkaufszettel und Geld eingesteckt hatte und machte mich auf den Weg.
An diesem Samstag meinte es nicht nur der Wettergott gut mit mir, wir hatten am frühen Vormittag immerhin schon 22°C und wolkenlosen Himmel, sondern auch der Straßenverkehr. Um diese Zeit bei uns in der City einen Parkplatz zu finden, ist fast so einfach, wie sechs Richtige im Lotto. Doch heute hatte ich Glück.
Im Nu hatte ich kurz darauf meine Besorgungen gemacht, als mir siedendheiss die Seife einfiel, die meine Frau noch haben wollte. In Gedanken wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Uff – nochmal gut gegangen!
Somit wechselte ich schlagartig meine Laufrichtung und fand kurz darauf im Schilderwald der Leuchtreklamen den „Türkischen Market“.
Ich also hinein, Einkaufskorb geschnappt und in Richtung Seife gelatscht. Laut der Beschreibung, die ich noch im Kopf hatte, musste das Regal gleich nach dem Waschpulver kommen. Aha! Da war das Waschpulver. Ich siegessicher um die Ecke – nix! Blumenvasen und allerlei Gerempel – nur keine Seife. Augen rechts, Augen links. Nix!
Hmmm…, was nun? Ich kratzte mir mit der rechten Hand gedankenverloren am Kopf, zog Dackelfalten – und erwischte den Inhaber. Ob ich denn etwas suche, fragte er, auf mich zukommend. Schlaues Kerlchen, dachte ich so bei mir, und nannte ihm den Wusch meiner Begehrlichkeit.
Wir haben umgeräumt, meinte er zuvorkommend lächelnd. Die „gute“ Seife ist jetzt bei den Drogerieartikeln im übernächsten Gang links. Er wuselte, freundlich lächelnd mir den Weg zeigend, vor mir her. In der Servicewüste Deutschland sicher keine Selbstverständlichkeit, ging es mir durch den Kopf. Alle schimpfen über Türken und Ausländer, aber Lob hält sich in Grenzen. Muss ich demnächst einmal etwas drüber schreiben, notierte ich mir in Gedanken in meinem imaginären Storyboard.
„Hier, mein Herr!“ Seine Worte rissen mich aus meinen Überlegungen. Nachdem ich mich bei ihm für die Hilfe gedankt hatte, schaute ich genauer hin. HACI SAKIR – da hatten wir sie ja schon. Vier verschiedene Duftnoten lagen dort. Flieder, da war sie. Ich packte mir vier Stücke in den Einkaufskorb und machte mich auf den Weg zur Kasse.

Zuhause angekommen, empfing mich zwischen Tür und Angel die Frage meiner Frau, ob ich denn auch an die Seife gedacht hätte. Na klar! so meine Antwort. Ist bei dir gar nicht so selbstverständlich, war nur ihr knapper Kommentar, während sie schon wieder im unteren Teil des Hauses verschwand. Ich verstaute die Grillsachen im Kühlschrank und packte den Rest auf den Tisch.
Alleine mit mir und meinem Durst im leeren Haus, schnappte ich mir einen Kaffeebecher, füllte den schwarzen Muntermacher hinein und setzte mich an den Tisch. Erst einmal einen Schluck trinken. Mein Blick fiel auf die Seifenstücke.
Ich nahm eines zur Hand, drehte es in alle Richtungen, hielt es an meine Nase und roch daran. Als alter Rosenfreund und Gartenliebhaber war mir der Duft sogar recht angenehm, wenn auch etwas einfach, fast wie Kernseife. Ich drehte das Seifenstück und las den Text auf allen Seiten. Aha, 200 Gramm schwer ist sie. In der Türkei hergestellt. Höllisch interessant. Aha, sogar eine richtige Badeseife ist das. Kann ich mir zwar nicht vorstellen, dass ich mich damit abseifen soll. Braucht meine Frau sicher, um die Gartenhosen abzuseifen, oder was auch immer. Doch dann wurde ich mit einem Schlag munter und aufmerksam. Da stand doch tatsächlich ein Satz, den ich dreimal lesen musste…

Es wird empfohlen nach Öffnung der Verpackung innerhalb von 3 Jahren aufzubrauchen.

Seife

Das musste ich erst einmal verdauen und wirken lassen. Nicht nur, dass ein Stück Seife bei uns im Haushalt, kaum ausgepackt, auch schon wieder aufgebraucht ist. Nein, da sollte man aufpassen, dass man so ein Stück Seife innerhalb von 3 Jahren aufbraucht. Heißt das, es gibt auch Leute, die diese 200 g Seife noch länger in Benutzung haben? Jedenfalls stieg meine Hochachtung vor dem Türkischen Hersteller ins Unermessliche. Ist er doch in der Lage, eine Seife für schlappe 79 Cent das Stück (Verkaufspreis inkl. 19 % Mehrwertsteuer) herzustellen, welche nach Anbruch 3 Jahre ihren Dienst erfüllt, ihren Duft abgibt und Menschen das Gefühl höchster Reinlichkeit vermittelt.
Aber abgesichert hat es sich ja wohl doch: mehr als 36 Monate Nutzungsdauer – davon rät er ab. Da sollte sich die Deutsche Seifenindustrie einmal eine Scheibe von abschneiden. Solch einen Haltbarkeitshinweis habe ich jedenfalls noch auf keinem Stück deutscher Seife gefunden. Und am Abend, so halb am Einschlafen, da ging mir noch ein weiterer Gedanke durch den Kopf:

Welche Ferkel waren eigentlich der Anlass für diesen Sicherheitshinweis??? Wer kommt so lange mit einem Stück Seife aus? Oder ist sie so schlecht, dass man sie, nachdem man sich einmal damit abgeseift hat, sie ehrfurchtsvoll in die Ecke legt? Jedenfalls ging mir die Seife mit dem Fliederduft in der Nacht nicht mehr aus dem Kopf.

Ein ganz normaler Nachmittag

Der noch viel zu heiße Kaffee steht schon dampfend auf dem Tisch. Duft frisch gebackener Plätzchen liegt in der Luft, lässt mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ich höre meine Frau in der Küche klappern. Sie ist dabei, die restlichen Utensilien für unsere kleine Kaffeetafel am Nachmittag zusammentragen. Ein, ich möchte schon sagen – festes Ritual, Bestandteil unseres Lebens.
Während ich in meinem Lieblingssessel sitze, schaue ich hinaus aus dem Fenster, hinein in den tief verschneiten Garten. Jetzt, Ende März 2009 ein nicht alltägliches Bild. Ich weiß noch, fast zur gleichen Zeit vor zwei Jahren… 32°C im Schatten. Ich saß auf der Terrasse, trank Eistee, und schwitzte vor mich hin. Verkehrte Welt…
Mein Blick gleitet zurück in die Stube, bleibt auf dem Zifferblatt meiner alten Wanduhr hängen. Jahrzehnte hat sie mich, Generationen meine Vorfahren, durchs Leben begleitet. Gleich Drei. Wenige Augenblicke noch, dann wird der Glockenschlag der Uhr, seinen dunklen, warmen Ton durchs Haus schicken. Ach, wie ich ihn liebe, diesen Klang. Er verbreitet Ruhe und Gemütlichkeit vergangener Tage in unserem Haus, in meinem Herz – lässt mich träumen.
Mit dem Daumen drücke ich den süßlich-schweren Grobschnitt-Tabak, den mir ein lieber Freund immer aus Dänemark mitbringt, in die Pfeife. Leise Schritte. Meine Frau betritt, dass gefüllte Tablett in Händen, die Stube. Als würde sie nur darauf gewartet haben, setzt sich die schwere Mechanik der Uhr, knisternd und knarrend Bewegung. Satt schlägt sie die mir so vertrauten Melodie, wartet dann einige Sekunden, um anschließend dreimal den Stundenschlag erklingen zu lassen. Ewigkeiten, so scheint es, hallen die Töne in mir nach.

Und da ist er wieder, der Schlüsselreiz! Jener Teil im Gehirn, der mir Erinnerungen, Bilder, Träume und Gefühle, an vor langer Zeit Erlebtes, wieder hervorholt in die Jetztzeit – die aktuelle Gegenwart. Langsam manifestieren sich erste Bilder vor meinem Auge, wollen Besitz von mir ergreifen, mich entführen durch Zeit und Raum. Noch gelingt es ihnen nicht.
Noch bin ich im aktuellen Geschehen. Registriere, wie ich den schweren Tabak in der Pfeife in Brand setze. Wie sich der würzige Tabakduft mit den Gebäckaromen verbindet. Wie der aromatische Kaffee seinen Teil beisteuert, um diese einzigartige Komposition der Düfte abzurunden. All das registriere ich fast unterbewusst. Das Signal, mit der kleinen Kaffeetafel, deren einzige Teilnehmer heute meine Frau und ich sind, zu beginnen.
Meine Frau hat zwischenzeitlich das alte Dampfradio angeschaltet. Wir genießen diese Stunde der Zweisamkeit, des Alleinseins. Genießen die Oldies im Radio. Haben wir doch vieles auf unserem Lebensweg gemeinsam erlebt. Verbindet uns, nach einem halben Menschenleben in der Gemeinsamkeit des Lebens und der Gefühle, doch eine Vielzahl an Hochs und Tiefs miteinander. Und so wissen wir bei fast jedem Oldie zu sagen: „Ach, weißt du noch…?“

Und es gibt viele „Ach, weißt du noch“ auf unserem Lebensweg. Während Elfi Graf „Am schönsten ist es zu Hause“ singt, schwelgen wir in Erinnerungen. Lang, lang ist‘s her. Weißt du noch? Damals die Deutsche Mark? Als alles noch billiger war. Brauchte ich einen Job, eine neue Arbeit… klopfte ich einfach an ein Firmentor und ich konnte arbeiten. Alles war billiger, nicht so hektisch. Nicht soviel Mobbing, Stress im Leben. Keine Sorgen, wie und ob ich meine Familie ernähren, meine Rechnungen zahlen konnte.

Ja, denke ich so bei mir. Das war es wirklich. Doch heute gibt es Internet, eine multikulturelle Menschheit, eine EU, die den Kriegsfall bei uns auf ein Minimal beschränkt. Eine Medizin, die viel weiter ist. Weniger Vorurteile anderer Lebensweisen gegenüber. Wenn ich das miteinander abwäge, so resümiere ich, sind wir doch heute gar nicht so schlecht dran.

Doch mein Entschluss steht fest: meine Rente, den Herbst meines Lebens, meine ruhigen, gefühlvollen Nachmittage… die möchte ich nicht eintauschen! Nein, mit nichts auf der Welt! Während ich einen letzten Zug aus der langsam erkaltenden Pfeife nehme, schaue ich meine Frau lange an. Und ihr Blick sagt mir, dass sie weiß, was ich gerade denke.

Ich schaue auf die Uhr. Fast vier. Gleich wird meine Frau wieder beim ersten Schlag der Uhr. zusammenzucken. Ich muss schmunzeln. In all den Jahrzehnten hat sie sich nicht daran gewöhnt. Oder weiß sie, dass ich mich heimlich über sie amüsiere? Hat vielleicht auch sie ihren Spaß dabei, wie ich darauf reagiere? Ich muss sie da demnächst einmal fragen.
Ich stehe auf, räume alles aufs Tablett, schleppe es in die Küche. Niemand soll sagen, ich beteilige mich nicht an der Hausarbeit. Ich bringe immerhin sonntags sogar meiner Frau den Kaffee ans Bett. Gut, sie muss ihn dann halt nur noch mahlen und aufgießen…
Wie auch immer. Es war heute nur ein ganz normaler Nachmittag in unserem Hause…

Das Radio – Eine Hommage an das gute, alte Dampfradio

Gebannt, oder soll ich sagen, verzückt, blieb mein Blick auf dem NORDMENDE TRAVIATA hängen. Traurig schien es, halb unter all dem anderen Trödel begraben, sich einem gnädigen Käufer offenbaren zu wollen. Der „Lack war ab“, wie man so schön sagt. Der Besucherstrom wälzte sich träge, zähflüssig über den Flohmarkt. Niemand nahm Notiz von ihm, dem ehrwürdigen Zeugnis vergangener Tage.

HörBAR

Meine Gedanken wanderten ab in meine Kindheit, zurück in die 50er-Jahre. Damals hatten meine Eltern ein ähnliches Dampfradio besessen. Stundenlang konnte ich davor sitzen und gebannt den Stimmen aus der fernen, weiten Welt zuhören. In meinen Tagträumen malte ich mir dann aus, wie es wäre, aus dem kleinen, verschlafenen Dorf hinaus zu kommen. Die Geschichten, die der Empfänger mit einigem Knistern und Knacken von sich gab, hautnah mitzuerleben. Und jetzt stand es vor mir. Es war über ein halbes Jahrhundert alt, fast mein Alter. Beim Nachrechnen wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich auch nicht mehr der Jüngste war.

Wollte ich solch ein Radio nicht schon immer besitzen? Viel zu oft hatte ich mir schon vorgenommen, bei günstiger Gelegenheit ein Solches zu kaufen. Und heute, ja heute stand der Traum meiner Kindheit, halb versteckt unter Trödel, alten, gebrauchten Pullis, verdreckt und traurig ausschauend, vor mir.
Was war es, das meinen Blick immer wieder dort verweilen ließ? Meine Frau war mittlerweile weiter gegangen: sie kannte mich. Wenn ich einmal verweilte, etwas begutachtete, konnte es dauern. Und einen Treffpunkt hatten wir ja, wie immer bei einem Flohmarktbesuch, vorsorglich ausgemacht.

Leicht desinteressiert, als alter Flohmarktsammler weis man ja, wie man vorgehen muss, fragte ich so eher nebensächlich den Verkäufer, was denn das alte Stück, was wohl sicher nicht mehr funktionieren dürfte, denn kosten solle.
Naja, meinte er, ob es klappt, wüsste er auch nicht. Er habe es auf dem Dachboden seiner kürzlich verstorbenen Großmutter gefunden. Und jetzt muss alles weg, da das Haus modernisiert und umgebaut würde.
„Ja, was soll es denn dann kosten?“ wiederholte ich meine Frage noch einmal und verdeutlichte ihm somit mein ehrliches Kaufinteresse.
„Ich bin ja froh, wenn es überhaupt weg geht. Wieder nach Hause schleppen, diese sperrige Kiste… ne, dann lieber stehen lassen.“
„10 Euro?“ Mein Herz schlug höher. Jetzt oder nie. „Aber nur, wenn ich es noch stehen lassen kann. Ich will noch weiter und hole es nachher ab.“
„Aber vorher zahlen, damit Sie es auch wirklich abholen.“
„OK.“ Ich zog meine Brieftasche und gab ihm mit klopfendem Herzen das Geld. Ich konnte es selber nicht glauben, wie billig dieser Schatz mein werden konnte. Ich verabschiedete mich von ihm. Allerdings, nicht ohne dem Verkäufer ans Herz zu legen, das Radio nicht noch einmal zu verkaufen. Ich hole es auf jeden Fall ab.
Kurze Zeit später fand ich meine Frau an einem Bücherstand. Ich erzählte ihr von meinem Kauf. Naja, meinte sie, wolltest es ja immer haben. Damit war für sie das Thema erledigt und sie stöberte weiter in dem Antiquariat.

Gegen Abend, wir waren mittlerweile zuhause eingetroffen, packte ich das Radio in meinem Hobbyzimmer aus. Der Verkäufer hatte es sogar noch in Packpapier eingepackt, während ich mit meiner Frau unterwegs war. Beim genauen Hinsehen in vollem Licht schwand meine Euphorie allerdings schnell. Der Lack, stumpf, verschrammt, rissig und verdreckt. Die Tasten klemmten und als ich innen hineinschaute, sah ich 2 Röhren lose herumliegen. Das läuft so nie und nimmer, dachte ich bei mir. Traurig gestimmt ließ ich es auf dem Tisch zurück, machte das Licht aus, schloss leise die Türe und ging schleppenden Schrittes langsam zurück ins Wohnzimmer.
„Wie, nicht bei deinem neuen Schatz?“ Einen leicht scherzenden Unterton vernahm ich in der Stimme meiner Frau. Als sie mein Gesicht sah, fragte sie besorgt, ob alles in Ordnung sei.
Ich winkte ab. War wohl ein überstürzter Kauf, das Radio. Ob ich das überhaupt ans Laufen kriege, wissen die Götter? Ich zog eine bedröppelte Miene.
„Waren ja nur 10 Euro. Und wenn du nur einen Monat daran rumbastelst, war es ein billiger Zeitvertreib.“ Die Worte sollten mich wohl trösten. Sie verrieten aber auch ihr Desinteresse an diesem Teil vergangener Tage. Meine Depression wandelte sich in Trotz. Jetzt erst recht! Ich nahm mir fest vor, es allen zu zeigen. Das Radio wird wieder laufen, das schwor ich mir in diesem Augenblick. Ohne auf den Kommentar weiter einzugehen, mixte ich mir einen doppelten Martini, setzte mich in meinen Sessel und versank in Gedanken.

In den nächsten zwei Tagen war ich beruflich so eingespannt, dass ich weder Gedanken, noch Zeit an dem Radio verschwenden konnte. Dann kam das Wochenende: Samstagmorgen. Am Frühstückstisch fiel mir siedendheiss das Radio wieder ein. Und auf die Frage meiner Frau, ob ich mit in die Stadt fahren wolle, verneinte ich. Ich wolle mir das Radio heute etwas näher anschauen.
„Na, dann kann ich auch gleich zu Liane gehen und mit ihr einen Wellnesstag einlegen. Wenn du beschäftigt bist, sehe ich dich eh erst zum Abend wieder.“ Ich begrüßte die Entscheidung meiner Frau, gab ihr einen Kuss und verschwand mit der halbvollen Kaffeetasse in meinem Hobbyzimmer.

Ich machte das Licht an, ging ins Zimmer, setzte mich an den Tisch und besah mir das Radio noch einmal ganz genau. Jetzt, auf dem zweiten Blick, sah es wohl doch nicht so arg aus. Ich entschloss mich, es erst einmal innen und außen gründlich zu reinigen und dann weiter zu sehen. Gesagt, getan. Die Stunden zogen sich dahin und am frühen Abend erkannte ich das Radio nicht mehr wieder.
Aus einem hässlichen Entlein – war ein stolzer Schwan geworden. Als hätte all der Staub und Dreck nur als Schutz für die wahre, echte Erscheinung gedient. Während der Reinigung hatte ich auch das Typenschild entdeckt und konnte ihm entnehmen, dass mein Radio im Jahre 1958 gebaut worden war.
1958, da war ich selber erst 5 Jahre alt. Meine Güte, wo ist die Zeit geblieben.
Voller Erwartung, erregt, und wie ein Pennäler mit hochroten Ohren, wollte ich es jetzt wagen. Doch zu allem Leidwesen passte der alte Stecker nicht in die heute gültigen, geerdeten Steckdosen.
Du meine Güte: da war ja Alles noch Original dran.
Ich verschwand in der Garage und kramte im Werkzeugschrank. Irgendwo muss doch so ein verflixter Schukostecker sein. Immer, wenn man etwas braucht, grollte ich in Gedanken. In der Küchenschublade wurde ich schließlich fündig. Schnell war der Stecker gewechselt und im zweiten Anlauf startete ich den ersten Wiederbelebungsversuch.

Stecker rein, Einschalter gedrückt. Ist die Antenne angeschlossen?
Antenne ist gut, schmunzelte ich.
Drei Meter Kupferlitze baumelten in der Luft, provisorisch mit Tesafilm am Schrank befestigt. Ich schaute gespannt auf die Scala des Radios. Ein Birnchen der Beleuchtung brannte nicht. „Muss ich demnächst auch auswechseln“, murmelte ich vor mir hin. Der Lautsprecher brummte nach einiger Zeit leise vor sich hin. Die Röhren waren jetzt wohl warm und bereit, ihren Zweck zu erfüllen. Doch zu meinem Leidwesen war dem Radio kein einziger Ton zu entlocken. Als ich die Rückwand öffnete, sah ich, dass eine Röhre dunkel und kalt war. Oh Schreck – was nun?

Da fiel mir ein, dass im Ort, irgendwo am Stadtrand, ein kleiner, uralter Rundfunkladen war. Ich nahm die defekte Röhre aus dem Radio und machte mich auf den Weg. Als ich den Laden endlich fand, war es nicht nur schon dunkel, der Laden war auch zu. Doch aufgeben wollte ich so schnell nicht. Ein Blick auf die Klingel der Haustüre sagte mir, dass der Ladenbesitzer auch hier wohnte. Ich drückte entschlossen die Klingel und kurz darauf erschien ein alter Mann, schlurfend an der Tür.
Nachdem ich ihm mein Problem geschildert, dauerte es nicht lange und ich hielt nicht nur 2 Ersatzröhren in Händen, sondern auch gleich eine neue für das MAGISCHE AUGE. Die solle ich auch wechseln, hatte er mir gesagt. Erleichtert und glücklich, passenden Ersatz gefunden zu haben, zog ich von dannen.

Kurze Zeit später waren die Röhren ausgewechselt und ich schloss die Rückwand erleichtert. Ich startete den zweiten Versuch, mein Dampfradio zum Leben zu erwecken.
Nach knapp einer Minute tat sich etwas. Ich drehte langsam den Abstimmknopf. Gespannt, was sich jetzt tut, lauschte ich dem knisternden Brummen des Lautsprechers.

Es war mir, als würde das Radio langsam, zögernd, ja unwillig aus einem Jahrzehnte dauernden Dornröschenschlaf erwachen.
Noch wehrte es sich dagegen, zu wach zu werden.
Es wollte weiterschlafen, nicht heiter und fröhlich sein.

Ich drehte den Abstimmknopf noch langsamer, ja streichelte ihn. Wollte ihm sagen: komm, wach auf, trau dich. Ich warte auf dich!

Gebannt schaute ich auf das MAGISCHE AUGE. Aber da zuckte noch nichts, kein Ausschlag. Als ich am Ende der Scala angelangt war, drehte ich wieder in die Gegenrichtung. Enttäuschung machte sich breit, als ich wieder am Anfang war und außer statischem Rauschen nichts zu hören war.
Ich schaltete das Radio aus und schaute es nachdenklich an.
Was konnte es sein?
Woran mochte es liegen, dass sich nichts tat, außer statischem Rauschen und Brummen?

Ich stand auf und wollte die Rückwand wieder abschrauben. Mein Blick glitt hin zum Antennenanschluss.
Wo war das Kabel?
Da fiel es mir siedendheiss ein, dass ich ja vorhin das Radio etwas umgestellt hatte. Da muss die provisorische Antenne, die noch keinen richtigen Stecker hatte, abgefallen sein. Und siehe da, da lag sie auch. Ich hob das Ende meiner Wurfantenne auf und steckte die Kupferlitze wieder in den Anschluss der Antenne. Meine Enttäuschung wandelte sich wieder in Hoffnung.
Doch bevor es losgehen sollte, sauste ich mit meinem Kaffeepott noch einmal in die Küche und füllte den Wachmacher nach. Auch wenn ich ihn durch den neuerlichen Adrenalinkick nicht brauchte, so wollte ich nicht auf mein Lieblingsgetränk verzichten.
Wenige Augenblicke später saß ich wieder am Tisch. Vor mir stand das auf Hochglanz geputzte Radio. Es schien nur darauf zu warten, dass ich es endlich zum Leben erweckte. Ein letzter Blick auf die Antenne, ein tiefes Luftholen und schon drückte ich den Einschalter mit Nachdruck hinunter. Mit einem satten Klacken rastete er ein.

Es dauerte rund eine Minute, eine kleine Ewigkeit für mich, bis das MAGISCHE AUGE etwas glühte, der Lautsprecher leise brummte. Das Zeichen für mich, dass mein Dampfradio bereit war für einen weiteren Test.
Ich wischte meine feuchte Hände an meiner Hose ab, berührte dann langsam, zögerlich den Abstimmknopf. Meine Finger fingen an, ihn vorsichtig und bedächtig vom linken Rand der Scala weg, seinen Weg in die weite Welt der sphärischen Unendlichkeiten finden zu lassen.
Gut 5 cm war er schon gewandert, als ich auf einmal etwas Neues hörte. Das Knistern und statische Brummen wurde unterbrochen von einem zarten Wispern. Ich horchte auf! Da war was. Noch vorsichtiger und langsamer drehte ich das Rad und aus dem Wispern wurde eine verständliche Nachrichtensprecherstimme. Das MAGISCHE AUGE zuckte auf und aus dem dünnen Strich wurde langsam ein breiter werdendes Leuchten.

Hurra!
Ich wäre fast vom Stuhl aufgesprungen.
Freude und Glückseligkeit wollte mich übermannen.
Es lebte!
Das über 50 Jahre alte Dampfradio war wieder erwacht! Ich kann es nicht ausdrücken, welche Freude mich packte.

Kein digitaler Klang! Keine reine Stimme!

Nur ein leichtes Knistern und Knacken, aber auch ein einzigartiger, warmer Ton: entstanden aus dem soliden Lautsprecher, der Resonanz des Wurzelholzes, der Seele eines 50 Jahre alten Radios, sowie der Glückseligkeit eines Menschen, der ein kleines Stück Himmel auf Erden wiedergefunden hatte.

Der Abend wurde noch lang. Und es folgten noch viele solcher Abende. Und so Gott will, werden auch noch viele weitere folgen. Zwar gibt es nicht mehr so viele Sender zu empfangen, wie in vergangener Zeit. Doch das Dampfradio bekam bald einen Ehrenplatz in unserer Guten Stube.
Meiner Frau ist es zwischenzeitlich auch ans Herz gewachsen. Und ich sage nichts dazu, schmunzele innerlich, wenn sie ihren Freundinnen gegenüber behauptet, sie hätte es auf dem Flohmarkt entdeckt.
Denn dieses Dampfradio machte mich, nein uns beide, glücklich. Glücklich, in einer Zeit voller negativer Meldungen, Preissteigerungen, Arbeitslosigkeit, e-commerce…

Der krächzende Klang der Vergangenheit bringt uns viele Erinnerungen wieder. Erinnerungen aus der Kindheit. Erinnerungen aus einer Zeit, wo die Wälder noch grün, die Wiesen noch saftig und die Bäche noch sauber waren…

Danke, vielen Dank, liebes Dampfradio!

Diese Geschichte ist nicht erfunden, sondern wurde von mir selber erlebt und nieder geschrieben.

Heimat, deine Sterne…

Februar 2009. Ich bin wieder einmal in Deutschland, meiner zweiten Heimat, sitze am PC und schaue hinaus in den Garten. Tief verschneit zeigt sich die Landschaft. Die Zweige der Sträucher biegen sich unter der Schnee- und Eislast.  Dankbar nehmen die Vögel das Futterangebot auf der Terrasse an und füllen ihre leeren Energiespeicher, um den kalten Tag und die noch kältere, lebensfeindliche Nacht zu überleben. Steinhart gefroren ist der Boden – halt Winter in Old Germany.

In Australien ist jetzt Sommer. Gedanken an alte Zeiten werden wach. Obwohl meine Cousine in Melbourne zwar recht sicher von den dort zurzeit wütenden Buschfeuern ist, mache ich mir doch sorgenvoll so meine Gedanken. Ob ich wieder einmal runterfliegen soll? Wie lange war ich nicht mehr da? Den kurzen Trip vor einigen Jahren will ich nicht mitrechnen. Ebenso wenig die kleinen Stippvisiten während meiner Reisen nach Südostasien. Ich rechne nach. Es sind fast 35 Jahre. Damals war ich für einige Monate in Down Under, besuchte meinen Freund Karl-Hubert, der für eineinhalb Jahre bei seiner Cousine wohnte, die Gegend unsicher machte und erkundete mit ihm den mir so  fremden Kontinent. Ich erinnere mich noch, als wäre es erst gestern gewesen…

Australia Outback
Irgendwann im Februar, Anfang der 70er-Jahre.

Ich sitze mit meinem langjährigen Freund, Fahrensmann und Globetrotter Karl-Hubert am Lagerfeuer. Das Feuer knistert, am Spieß ein saftiger Braten, den unsere Führer heute Nachmittag erlegt haben. Die Funken fliegen, der verführerische Duft des bratenden Fleisches zieht mir in die Nase. Ich merke erst jetzt, was ich für einen Hunger habe. Wie das Tier heißt, das da am Spieß hängt – ich will es gar nicht wissen. Lecker duftet es auf jeden Fall.

Nebenan sitzen die sechs Eingeborenen, die wir als Führer und Träger mitgenommen haben. Wir hören das Geschnatter und Geschnalze ihrer Sprache, die mir bis heute nicht sehr geläufig ist. Sie haben ein eigenes Feuer etwas abseits von dem unsrigen gemacht. Viel kleiner, leiser, rauchfrei. Was sie dort verzehren, ist für den europäischen Gaumen sicher recht gewöhnungsbedürftig. Hin und wieder sehe ich, wie sie einen Blick zu uns hinüberwerfen und sich über irgendwas köstlich amüsieren.

So manchen Weg sind Karl-Hubert und ich schon zusammen gegangen. So manches  Abenteuer haben wir im Laufe der Jahrzehnte erlebt. Neben uns sitzt sein Schwager Bill, der mit uns die Reise ins Innere des geheimnisvollen Kontinentes gemacht hat. So war es für uns auch sehr praktisch und zeitsparend, dass wir die größte Strecke mit seiner Cessna 172 die Strecke bis nach Alice Springs fliegen konnten, auch wenn dies mit mehreren Tankstopps verbunden war, um anschließend die letzten 500 Kilometer nach Yulara mit dem Jeep zurückzulegen. Und jetzt sitzen wir vor unseren Zelten, lassen den letzten Tag, die letzte Etappe vor dem Ziel, noch einmal Revue passieren.
Das Ziel, der Uluru, wie der Ayers Rock in der einheimischen Sprache heißt, liegt nur noch rund 20 Kilometer von uns entfernt. Morgen werden wir das Ziel angehen. Die Eisenoxidverbindungen im Gestein dieses riesigen Felsens lassen ihn je nach Sonnenstand orange, flammend rot, purpurrot, violett oder braun aufleuchten. Ein Naturschauspiel, das ich mir nicht entgehen lassen will. Weltberühmt ist er ja dadurch geworden. Und so überprüfe ich, da der Braten noch nicht ganz gar ist, noch einmal meine Kameraausrüstung. Hoffentlich haben die empfindlichen Filme keinen Schaden genommen. Die Temperaturen sind hier oftmals mörderisch. Auch auf die rund 30 000 Jahre alte Höhlenmalerei bin ich gespannt. Allerlei Gedanken gehen mir so durch den Kopf, während ich die Fotoausrüstung inspiziere, die Batterien teste.
Eine Stunde später, wir haben zwischenzeitlich unsere Mägen mit dem köstlichen Braten gefüllt, sitzen wir bei einem zwar lauwarmen und leicht schalem Bier, am Feuer und betrachten den Himmel.

Sternenklar ist es heute. Die Kühle der Nacht kommt langsam, stetig und schleichend, doch unaufhaltsam angekrochen, kriecht in unsere Kleider.  Während ich mich zurücklehne, um den mir immer noch so fremden Sternenhimmel zu betrachten, gehen mir so mancherlei Gedanken durch den Kopf. Heimweh, für mich ein Fremdwort. Fernweh, nun das packte mich schon eher, wenn ich eine zeit lang in heimatlichen Gefilden war. Dann musste ich wieder hinaus in die Ferne, in die weite, mir so fremde, aufregende Welt.

Doch erst hier, im Australischen Outback, weit südlich des Äquators, dort, wo die Welt auf dem Kopf steht, wird mir so richtig bewusst, dass wir am anderen Ende der Welt sind. Kein bekannter Fixstern, kein vertrautes Sternbild ist am Firmament zu sehen. Selbst das Wasser, das aus dem Waschbecken des Hotels läuft, dieser kleine unauffällige Strudel, er läuft entgegengesetzt. Eine Sache, die erst bei direkter Betrachtung auffällt, ist sie an sich doch so nebensächlich und selbstverständlich, befasst man sich erst einmal mit den Naturgesetzen. Alles ist verkehrt herum.

Erst jetzt, wo ich nicht nur die fremden Geräusche, Gerüche, Menschen um mich herum habe, zusammen mit dem unbekannten Firmament, jeden vertrauten Halt verlierend, da wird mir bewusst, dass ich fernab der Heimat weile. Und da, ja da fühle ich etwas, dass ich so noch nie gekannt habe. Ein leiser Schmerz in der Seele, ein leichter Druck auf der Brust, ein kleines Gefühl der Einsamkeit, das Fehlen eines nicht Beschreibbaren. Ein kleines Gefühl der Leere, das mich von hier fortziehen möchte.

Und da wird mir bewusst, dass ich schon viel zu lange nicht daheim war. Das mir das dunkle Grün der Wälder, das satte und fette Gras der Wiesen, das Tosen der Wasserwehre fehlt. Das ich all zu lang nicht mehr vom leisen Säuseln des Windes, der die Halme der heimischen Gräser leicht hin und her bewegt, in den Schlaf gewiegt wurde. Der fehlende Duft des Heues, das durch das geöffnete Fenster ins Zimmer hineinschleicht, um sich betörend auf Mensch und Zimmer niederzulegen.

„Charles, träumst du? Ich hatte dich etwas gefragt“ Die Worte von Bill rufen mich in die Wirklichkeit zurück. Einen kleinen Seufzer ausstoßend, richte ich mich lächelnd auf.

„Ja, Bill, ich träumte tatsächlich. Ich glaube, nach dieser Expedition werde ich euch erst einmal verlassen. Ich habe, so glaube ich, erst einmal etwas in der Heimat zu regeln.“

„Heimweh?“
„Nö.“
„Was dann?“
„Sterne zählen.“
„Hä?“
Während ich mich wieder zurücklehnte, eine Zigarette anzündete, tief inhalierte: „Ja Bill, einfach nur einmal daheim die Sterne nachzählen – und dann wiederkommen.“

Als ich vier Wochen später in Frankfurt landete, heimatliche Luft schnupperte, fuhr ich nach Hause. Dort, wo die Wiesen noch grün und fett sind…
Und drei Monate später stand ich wieder in Melbourne vor Bills Türe und klingelte. Als er die Türe öffnete, meinte er nur: „Na, alle noch da?“

„Ja Bill. Ich habe sie dreimal nachgezählt. Das reicht vorerst.“
„Na, dann ist’s ja gut.“
Ich ging hinein ins Haus.
„Noch was Charles.“
Ich drehte mich um: „Ja Bill?“
„Ich habe schon einen neuen Trip gebucht. Nach Queensland rauf. Zur Kaffeeplantage. Echten Skybury trinken! Wir fahren in drei Tagen los.“
„Aber, woher wusstet du…“
Er schmunzelte. „Das ist mein kleines Geheimnis. Aber etwas musst du mir versprechen, dann verrate ich es dir irgendwann einmal – vielleicht.“
„Was?“
„Danach möchte ich auch einmal die Sterne in deiner Heimat zählen.“
„Ja, das Gefühl kenne ich, Bill.“

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich einen zweiten Kameraden und treuen Fahrensmann gefunden hatte. Fortan reisten wir zu dritt zu manchen Punkt unserer wunderschönen Erde und betrachteten das Firmament.
Doch jeder von uns musste in all den Jahren hin und wieder nach Hause – Sterne zählen…