Ein ganz normaler Nachmittag

Ich

Der noch viel zu heiße Kaffee steht schon dampfend auf dem Tisch. Duft frisch gebackener Plätzchen liegt in der Luft, lässt mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ich höre meine Frau in der Küche klappern. Sie ist dabei, die restlichen Utensilien für unsere kleine Kaffeetafel am Nachmittag zusammentragen. Ein, ich möchte schon sagen – festes Ritual, Bestandteil unseres Lebens.
Während ich in meinem Lieblingssessel sitze, schaue ich hinaus aus dem Fenster, hinein in den tief verschneiten Garten. Jetzt, Ende März 2009 ein nicht alltägliches Bild. Ich weiß noch, fast zur gleichen Zeit vor zwei Jahren… 32°C im Schatten. Ich saß auf der Terrasse, trank Eistee, und schwitzte vor mich hin. Verkehrte Welt…
Mein Blick gleitet zurück in die Stube, bleibt auf dem Zifferblatt meiner alten Wanduhr hängen. Jahrzehnte hat sie mich, Generationen meine Vorfahren, durchs Leben begleitet. Gleich Drei. Wenige Augenblicke noch, dann wird der Glockenschlag der Uhr, seinen dunklen, warmen Ton durchs Haus schicken. Ach, wie ich ihn liebe, diesen Klang. Er verbreitet Ruhe und Gemütlichkeit vergangener Tage in unserem Haus, in meinem Herz – lässt mich träumen.
Mit dem Daumen drücke ich den süßlich-schweren Grobschnitt-Tabak, den mir ein lieber Freund immer aus Dänemark mitbringt, in die Pfeife. Leise Schritte. Meine Frau betritt, dass gefüllte Tablett in Händen, die Stube. Als würde sie nur darauf gewartet haben, setzt sich die schwere Mechanik der Uhr, knisternd und knarrend Bewegung. Satt schlägt sie die mir so vertrauten Melodie, wartet dann einige Sekunden, um anschließend dreimal den Stundenschlag erklingen zu lassen. Ewigkeiten, so scheint es, hallen die Töne in mir nach.

Und da ist er wieder, der Schlüsselreiz! Jener Teil im Gehirn, der mir Erinnerungen, Bilder, Träume und Gefühle, an vor langer Zeit Erlebtes, wieder hervorholt in die Jetztzeit – die aktuelle Gegenwart. Langsam manifestieren sich erste Bilder vor meinem Auge, wollen Besitz von mir ergreifen, mich entführen durch Zeit und Raum. Noch gelingt es ihnen nicht.
Noch bin ich im aktuellen Geschehen. Registriere, wie ich den schweren Tabak in der Pfeife in Brand setze. Wie sich der würzige Tabakduft mit den Gebäckaromen verbindet. Wie der aromatische Kaffee seinen Teil beisteuert, um diese einzigartige Komposition der Düfte abzurunden. All das registriere ich fast unterbewusst. Das Signal, mit der kleinen Kaffeetafel, deren einzige Teilnehmer heute meine Frau und ich sind, zu beginnen.
Meine Frau hat zwischenzeitlich das alte Dampfradio angeschaltet. Wir genießen diese Stunde der Zweisamkeit, des Alleinseins. Genießen die Oldies im Radio. Haben wir doch vieles auf unserem Lebensweg gemeinsam erlebt. Verbindet uns, nach einem halben Menschenleben in der Gemeinsamkeit des Lebens und der Gefühle, doch eine Vielzahl an Hochs und Tiefs miteinander. Und so wissen wir bei fast jedem Oldie zu sagen: „Ach, weißt du noch…?“

Und es gibt viele „Ach, weißt du noch“ auf unserem Lebensweg. Während Elfi Graf „Am schönsten ist es zu Hause“ singt, schwelgen wir in Erinnerungen. Lang, lang ist‘s her. Weißt du noch? Damals die Deutsche Mark? Als alles noch billiger war. Brauchte ich einen Job, eine neue Arbeit… klopfte ich einfach an ein Firmentor und ich konnte arbeiten. Alles war billiger, nicht so hektisch. Nicht soviel Mobbing, Stress im Leben. Keine Sorgen, wie und ob ich meine Familie ernähren, meine Rechnungen zahlen konnte.

Ja, denke ich so bei mir. Das war es wirklich. Doch heute gibt es Internet, eine multikulturelle Menschheit, eine EU, die den Kriegsfall bei uns auf ein Minimal beschränkt. Eine Medizin, die viel weiter ist. Weniger Vorurteile anderer Lebensweisen gegenüber. Wenn ich das miteinander abwäge, so resümiere ich, sind wir doch heute gar nicht so schlecht dran.

Doch mein Entschluss steht fest: meine Rente, den Herbst meines Lebens, meine ruhigen, gefühlvollen Nachmittage… die möchte ich nicht eintauschen! Nein, mit nichts auf der Welt! Während ich einen letzten Zug aus der langsam erkaltenden Pfeife nehme, schaue ich meine Frau lange an. Und ihr Blick sagt mir, dass sie weiß, was ich gerade denke.

Ich schaue auf die Uhr. Fast vier. Gleich wird meine Frau wieder beim ersten Schlag der Uhr. zusammenzucken. Ich muss schmunzeln. In all den Jahrzehnten hat sie sich nicht daran gewöhnt. Oder weiß sie, dass ich mich heimlich über sie amüsiere? Hat vielleicht auch sie ihren Spaß dabei, wie ich darauf reagiere? Ich muss sie da demnächst einmal fragen.
Ich stehe auf, räume alles aufs Tablett, schleppe es in die Küche. Niemand soll sagen, ich beteilige mich nicht an der Hausarbeit. Ich bringe immerhin sonntags sogar meiner Frau den Kaffee ans Bett. Gut, sie muss ihn dann halt nur noch mahlen und aufgießen…
Wie auch immer. Es war heute nur ein ganz normaler Nachmittag in unserem Hause…

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Brexit

Ich rede Tacheles

Irgendwie geht mir das Hin und Her auf den Sack. Wir wollten die Engländer doch nicht raus haben aus der EU! Und wenn Politiker sagen: “Wir wollen raus!”, dann haben Sie auch die Folgen zu tragen.
Sicher braucht man ein Vertragswerk, um ordentlich den austreten zu können. Doch, warum hat man die Möglichkeit des Austritt aus der EU eines Mitgliedes nicht im Regelwerk der EU schon am Anfang festgelegt.

Und wenn Groß-Brittanien meint, raus zu wollen, dann geht doch. Wozu Bedingungen knüpfen? Ich werde das Thema in Kürze wieder aufgreifen und freue mich auf eure Meinungen dazu. Dies könnt Ihr in den Kommentaren kundtun.

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