Das Lumpengesindel

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Das Lumpengesindel
Ein Märchen der Brüder Grimm

Hähnchen sprach zu Hühnchen: „Jetzt ist die Zeit, wo die Nüsse reif werden, da wollen wir zusammen auf den Berg gehen und uns einmal recht satt essen, ehe sie das Eichhorn alle wegholt.“ – „Ja,“ antwortete das Hühnchen, „komm, wir wollen uns eine Lust miteinander machen.“ Da gingen sie zusammen fort auf den Berg, und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend. Nun weiß ich nicht, ob sie sich so dick gegessen hatten, oder ob sie übermütig geworden waren, kurz, sie wollten nicht zu Fuß nach Haus gehen, und das Hähnchen mußte einen kleinen Wagen von Nußschalen bauen. Als er fertig war, setzte sich Hühnchen hinein und sagte zum Hähnchen: „Du kannst dich nur immer vorspannen.“ – „Du kommst mir recht,“ sagte das Hähnchen, „lieber geh ich zu Fuß nach Haus, als daß ich mich vorspannen lasse. Nein, so haben wir nicht gewettet. Kutscher will ich wohl sein und auf dem Bock sitzen, aber selbst ziehen, das tu ich nicht.“

Wie sie so stritten, schnatterte eine Ente daher: „Ihr Diebesvolk, wer hat euch geheißen, in meinen Nußberg gehen? Wartet, das soll euch schlecht bekommen!“ Ging also mit aufgesperrtem Schnabel auf das Hähnchen los. Aber Hähnchen war auch nicht faul und stieg der Ente tüchtig zu Leib, endlich hackte es mit seinen Sporn so gewaltig auf sie los, daß sie um Gnade bat und sich gern zur Strafe vor den Wagen spannen ließ. Hähnchen setzte sich nun auf den Bock und war Kutscher, und darauf ging es in einem Jagen: „Ente, lauf zu, was du kannst!“ Als sie ein Stück Weges gefahren waren, begegneten sie zwei Fußgängern, einer Stecknadel und einer Nähnadel. Sie riefen: „Halt halt!“ und sagten, es würde gleich stichdunkel werden, da könnten sie keinen Schritt weiter, auch wäre es so schmutzig auf der Straße, ob sie nicht ein wenig einsitzen könnten, sie wären auf der Schneiderherberge vor dem Tore gewesen und hätten sich beim Bier verspätet. Hähnchen, da es magere Leute waren, die nicht viel Platz einnahmen, ließ sie beide einsteigen, doch mussten sie versprechen, ihm und seinem Hühnchen nicht auf die Füße zu treten. Spät abends kamen sie zu einem Wirtshaus, und weil sie die Nacht nicht weiterfahren wollten, die Ente auch nicht gut zu Fuß war und von einer Seite auf die andere fiel, so kehrten sie ein. Der Wirt machte anfangs viel Einwendungen, sein Haus wäre schon voll, gedachte auch wohl, es möchte keine vornehme Herrschaft sein, endlich aber, da sie süße Reden führten, er solle das Ei haben, welches das Hühnchen unterwegs gelegt hatte, auch die Ente behalten, die alle Tage eins legte, so sagte er endlich, sie möchten die Nacht über bleiben. Nun ließen sie wieder frisch auftragen und lebten in Saus und Braus. Frühmorgens, als es dämmerte und noch alles schlief, weckte Hähnchen das Hühnchen, holte das Ei, pickte es auf, und sie verzehrten es zusammen; die Schalen aber warfen sie auf den Feuerherd. Dann gingen sie zu der Nähnadel, die noch schlief, packten sie beim Kopf und steckten sie in das Sesselkissen des Wirts, die Stecknadel aber in sein Handtuch, endlich flogen sie, mir nichts, dir nichts, über die Heide voran. Die Ente, die gern unter freiem Himmel schlief und im Hof geblieben war, hörte sie fortschnurren, machte sich munter und fand einen Bach, auf dem sie hinabschwamm; und das ging geschwinder als vor dem Wagen. Ein paar Stunden später machte sich erst der Wirt aus den Federn, wusch sich und wollte sich am Handtuch abtrocknen, da fuhr ihm die Stecknadel über das Gesicht und machte ihm einen roten Strich von einem Ohr zum Andern. Dann ging er in die Küche und wollte sich eine Pfeife anstecken. Wie er aber an den Herd kam, sprangen ihm die Eierschalen in die Augen. „Heute morgen will mir alles an meinen Kopf,“ sagte er, und ließ sich verdrießlich auf seinen Großvaterstuhl nieder; aber geschwind fuhr er wieder in die Höhe und schrie: „Auweh!“ Denn die Nähnadel hatte ihn noch schlimmer und nicht in den Kopf gestochen. Nun war er vollends böse und hatte Verdacht auf die Gäste, die so spät gestern Aabend gekommen waren. Und wie er ging und sich nach ihnen umsah, waren sie fort. Da tat er einen Schwur, kein Lumpengesindel mehr in sein Haus zu nehmen, das viel verzehrt, nichts bezahlt und zum Dank noch obendrein Schabernack treibt.

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Vom Hühnchen und Hähnchen

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Vom Hühnchen und Hähnchen
Ein Märchen von Ludwig Bechstein,

Es war einmal ein Hühnchen und ein Hähnchen, die gingen miteinander auf den Nussberg und suchten sich Nüsschen. Das Hähnchen sprach zum Hühnchen: „Wenn Du ein Nüsschen findest, iss es ja nicht allein, gib mir die Hälfte davon, sonst erwürgst du.“ Aber das Hühnchen hatte ein Nüsschen gefunden und es allein gegessen, und der Kern ist in seinem Hälschen stecken geblieben, dass es im Erwürgen war, und ängstlich rief: „Hähnchen, Hähnchen, hol‘ mir geschwind ein wenig Brunnen, ich erwürge sonst!“

Da lief das Hähnchen flugs zum Brunnen, und sprach: „Brunn‘, Brunn‘, gib mir Brunn‘, dass ich den Brunn‘ meinem Hühnchen geb‘. Es liegt oben auf dem Nussberg und will ersticken.“ Und der Brunnen sprach: „Erst geh hin zur Braut, und hole mir den Kranz!“ Da lief das Hähnchen hin zur Braut und sprach: „Braut, Braut, gib mir den Kranz, dass ich den Kranz zum Brunnen geb‘, dass mir der Brunnen Brunnen gibt, dass ich den Brunnen meinem Hühnchen geb‘, es liegt oben auf dem Nussberge und will erwürgen.“ Aber die Braut sprach: „Erst geh hin zum Schuster und hole mir Schuhe.“ Und wie das Hähnchen zum Schuster kam, sprach dieser: „Erst geh hin zur Sau und hole mir Schmeer.“ Und die Sau sprach: „Erst geh hin zur Kuh und hole mir Milch.“ Und die Kuh sprach: „Erst geh hin zur Wiese und hole mir Gras!“

Wie nun das Hähnchen zur Wiese kam und sie um Gras bat, war diese gütig und gab ihm viele Blumen und Gras. Dieses gab geschwinde das Hähnchen der Kuh, und erhielt Milch dafür, und für die Milch tat auch das Schwein von seinem Fette her, und damit schmierte der Schuster sein Leder, und machte flugs die Schuhe der Braut, und gegen die Schuhe tat freundlich die Braut den Kranz her, und das Hähnchen reichte denselben dem Brunnen, und dieser sprudelte sogleich sein klares Wasser heraus in das Gefäßchen, welches das Hähnchen unterhielt: Im schnellen Lauf kehrte nun das Hähnchen zurück zum Nussberg; aber wie es zum Hühnchen kam, war dasselbe unterdessen erwürgt.

Da kikirikite das Hähnchen vor Schmerz hell auf. Das hörten alle Tiere in der Nachbarschaft, die liefen herbei und weinten um das Hühnchen. Und da bauten sechs Mäuselein einen Trauerwagen, darauf legten sie das tote Hühnchen und spannten sich davor und zogen den Wagen fort. Wie sie nun, das Hähnchen, das tote Hühnchen, die Mäuselein und der Trauerwagen, so auf dem Wege waren, da kam der Fuchs hinterdrein und fragte: „Wo willst du hin, Hähnchen?“
„Ich will mein Hühnchen begraben!“
„Das will ich tun, Du Narr!“ rief der Fuchs, fraß das Hühnchen, weil es noch nicht lange tot war, und begrub es in seinem Magen.

Da trauerte das Hähnchen und rief: „So wünsch ich mir den Tod, um bei meinem Hühnchen zu sein.“
„Soll so sein!“ sprach der Fuchs, und fraß das Hähnchen, dass es zu seinem Hühnchen kam. Da weinten die Mäuslein um das Hähnchen. Da dachte der Fuchs, sie wollten auch tot sein, und schlang sie hinter. Weil aber die Mäuslein an den Wagen gespannt waren, so schlang er auch den Wagen mit hinunter. Und da stieß ihm die Deichsel das Herz ab, dass er Länge lang hinfiel und alle Viere von sich streckte. Da flog ein Vöglein auf einen Lindenzweig und sang: Der Fuchs ist mausetot! Der Fuchs ist mausetot.

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Der Fuchs und die Katze

Gebrüder Grimm
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Der Fuchs und die Katze
Ein Märchen der Gebrüder Grimm

Es trug sich zu, dass die Katze in einem Walde dem Herrn Fuchs
begegnete und weil sie dachte, er ist gescheit und wohlerfahren und gilt viel in der Welt, so sprach sie ihm freundlich zu:
„Guten Tag, lieber Herr Fuchs, wie steht’s? Wie geht’s? Wie schlagt Ihr Euch durch in dieser teuren Zeit?“
Der Fuchs, voller Hochmut, sah sie an von Kopf bis Fuß und wusste lang nicht, ob er etwas antworten sollte. Endlich sprach er:
„O, du Hungerleider und Mäusejäger, was kommt dir in den Sinn! Fragst, ob mir’s wohlgehe und bin Herr über hundert Künste!“

Die Katze wollte ihm bescheidentlich antworten, aber in dem Augenblick kam ein Dachshund dahergelaufen. Wie der Fuchs ihn sah, machte er, dass er in seine Höhle kam, die Katze aber sprang behänd‘ auf eine Buche und setzte sich in den Gipfel, wo Äste und Laubwerk sie ganz verbargen.
Bald kam der Jäger und der Dachshund spürte den Fuchs und packte ihn. Wie die Katze das sah, rief sie hinab:
„Ei, Herr Fuchs, seid Ihr doch mit Euern hundert Künsten
steckengeblieben. Hättet Ihr heraufkriechen können wie ich, so wär’s nicht um Euer Leben geschehen.“

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Der süße Brei

Gebrüder Grimm
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Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: „Töpfchen, koche,“ so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: „Töpfchen, steh,“ so hörte es wieder auf zu kochen.

Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, sooft sie wollten.

Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter: „Töpfchen, koche,“ da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie, daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt’s die ganze Welt satt machen, und ist die größte Not, und kein Mensch weiß sich da zu helfen. Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: „Töpfchen, steh,“ da steht es und hört auf zu kochen, und wer wieder in die Stadt wollte, der mußte sich durchessen.

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Die drei Schlangenblätter

Gebrüder Grimm

Die drei Schlangenblätter
Ein Märchen der Gebrüder Grimm

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Es war einmal ein armer Mann, der konnte seinen einzigen Sohn nicht mehr ernähren. Da sprach der Sohn ‚lieber Vater, es geht Euch so kümmerlich, ich falle Euch zur Last, lieber will ich selbst fortgehen und sehen, wie ich mein Brot verdiene.‘ Da gab ihm der Vater seinen Segen und nahm mit großer Trauer von ihm Abschied. Zu dieser Zeit führte der König eines mächtigen Reichs Krieg, der Jüngling nahm Dienste bei ihm und zog mit ins Feld. Und als er vor den Feind kam, so ward eine Schlacht geliefert, und es war große Gefahr und regnete blaue Bohnen, daß seine Kameraden von allen Seiten niederfielen. Und als auch der Anführer blieb, so wollten die übrigen die Flucht ergreifen, aber der Jüngling trat heraus, sprach ihnen Mut zu und rief ‚wir wollen unser Vaterland nicht zugrunde gehen lassen.‘ Da folgten ihm die andern, und er drang ein und schlug den Feind. Der König, als er hörte, daß er ihm allein den Sieg zu danken habe, erhob ihn über alle andern, gab ihm große Schätze und machte ihn zum Ersten in seinem Reich.

Der König hatte eine Tochter, die war sehr schön, aber sie war auch sehr wunderlich. Sie hatte das Gelübde getan, keinen zum Herrn und Gemahl zu nehmen, der nicht verspräche, wenn sie zuerst stürbe, sich lebendig mit ihr begraben zu lassen. ‚Hat er mich von Herzen lieb,‘ sagte sie, ‚wozu dient ihm dann noch das Leben?‘ Dagegen wollte sie ein Gleiches tun, und wenn er zuerst stürbe, mit ihm in das Grab steigen. Dieses seltsame Gelübde hatte bis jetzt alle Freier abgeschreckt, aber der Jüngling wurde von ihrer Schönheit so eingenommen, daß er auf nichts achtete, sondern bei ihrem Vater um sie anhielt. ‚Weißt du auch,‘ sprach der König, ‚was du versprechen mußt?‘ ‚Ich muß mit ihr in das Grab gehen,‘ antwortete er, ‚wenn ich sie überlebe, aber meine Liebe ist so groß, daß ich der Gefahr nicht achte.‘ Da willigte der König ein, und die Hochzeit ward mit großer Pracht gefeiert.

Nun lebten sie eine Zeitlang glücklich und vergnügt miteinander, da geschah es, daß die junge Königin in eine schwere Krankheit fiel, und kein Arzt konnte ihr helfen. Und als sie tot dalag, da erinnerte sich der junge König, was er hatte versprechen müssen, und es grauste ihm davor, sich lebendig in das Grab zu legen, aber es war kein Ausweg: der König hatte alle Tore mit Wachen besetzen lassen, und es war nicht möglich, dem Schicksal zu entgehen. Als der Tag kam, wo die Leiche in das königliche Gewölbe beigesetzt wurde, da ward er mit hinabgeführt, und dann das Tor verriegelt und verschlossen.

Neben dem Sarg stand ein Tisch, darauf vier Lichter, vier Laibe Brot und vier Flaschen Wein. Sobald dieser Vorrat zu Ende ging, mußte er verschmachten. Nun saß er da voll Schmerz und Trauer, aß jeden Tag nur ein Bißlein Brot, trank nur einen Schluck Wein, und sah doch, wie der Tod immer näher rückte. Indem er so vor sich hinstarrte, sah er aus der Ecke des Gewölbes eine Schlange hervorkriechen, die sich der Leiche näherte. Und weil er dachte, sie käme, um daran zu nagen, zog er sein Schwert und sprach ’solange ich lebe, sollst du sie nicht anrühren,‘ und hieb sie in drei Stücke. Über ein Weilchen kroch eine zweite Schlange aus der Ecke hervor, als sie aber die andere tot und zerstückt liegen sah, ging sie zurück, kam bald wieder und hatte drei grüne Blätter im Munde. Dann nahm sie die drei Stücke von der Schlange, legte sie, wie sie zusammengehörten, und tat auf jede Wunde eins von den Blättern. Alsbald fügte sich das Getrennte aneinander, die Schlange regte sich und ward wieder lebendig, und beide eilten miteinander fort. Die Blätter blieben auf der Erde liegen, und dem Unglücklichen, der alles mit angesehen hatte, kam es in die Gedanken, ob nicht die wunderbare Kraft der Blätter, welche die Schlange wieder lebendig gemacht hatte, auch einem Menschen helfen könnte. Er hob also die Blätter auf und legte eins davon auf den Mund der Toten, die beiden andern auf ihre Augen. Und kaum war es geschehen, so bewegte sich das Blut in den Adern, stieg in das bleiche Angesicht und rötete es wieder. Da zog sie Atem, schlug die Augen auf und sprach ‚ach, Gott, wo bin ich?‘ ‚Du bist bei mir, liebe Frau,‘ antwortete er, und erzählte ihr, wie alles gekommen war und er sie wieder ins Leben erweckt hatte. Dann reichte er ihr etwas Wein und Brot, und als sie wieder zu Kräften gekommen war, erhob sie sich, und sie gingen zu der Türe, und klopften und riefen so laut, daß es die Wa chen hörten und dem König meldeten. Der König kam selbst herab und öffnete die Türe, da fand er beide frisch und gesund und freute sich mit ihnen, daß nun alle Not überstanden war. Die drei Schlangenblätter aber nahm der junge König mit, gab sie einem Diener und sprach ‚verwahr sie mir sorgfältig, und trag sie zu jeder Zeit bei dir, wer weiß, in welcher Not sie uns noch helfen können.‘

Es war aber in der Frau, nachdem sie wieder ins Leben war erweckt worden, eine Veränderung vorgegangen: es war, als ob alle Liebe zu ihrem Manne aus ihrem Herzen gewichen wäre. Als er nach einiger Zeit eine Fahrt zu seinem alten Vater über das Meer machen wollte, und sie auf ein Schiff gestiegen waren, so vergaß sie die große Liebe und Treue, die er ihr bewiesen, und womit er sie vom Tode gerettet hatte, und faßte eine böse Neigung zu dem Schiffer. Und als der junge König einmal dalag und schlief, rief sie den Schiffer herbei, und faßte den Schlafenden am Kopfe, und der Schiffer mußte ihn an den Füßen fassen, und so warfen sie ihn hinab ins Meer. Als die Schandtat vollbracht war, sprach sie zu ihm ’nun laß uns heimkehren und sagen, er sei unterwegs gestorben. Ich will dich schon bei meinem Vater so herausstreichen und rühmen, daß er mich mit dir vermählt und dich zum Erben seiner Krone einsetzt.‘ Aber der treue Diener, der alles mit angesehen hatte, machte unbemerkt ein kleines Schifflein von dem großen los, setzte sich hinein, schiffte seinem Herrn nach, und ließ die Verräter fortfahren. Er fischte den Toten wieder auf, und mit Hilfe der drei Schlangenblätter, die er bei sich trug und auf die Augen und den Mund legte, brachte er ihn glücklich wieder ins Leben.

Sie ruderten beide aus allen Kräften Tag und Nacht, und ihr kleines Schiff flog so schnell dahin, daß sie früher als das andere bei dem alten König anlangten. Er verwunderte sich, als er sie allein kommen sah, und fragte, was ihnen begegnet wäre. Als er die Bosheit seiner Tochter vernahm, sprach er ‚ich kanns nicht glauben, daß sie so schlecht gehandelt hat, aber die Wahrheit wird bald an den Tag kommen,‘ und hieß beide in eine verborgene Kammer gehen und sich vor jedermann heimlich halten. Bald hernach kam das große Schiff herangefahren, und die gottlose Frau erschien vor ihrem Vater mit einer betrübten Miene. Er sprach ‚warum kehrst du allein zurück? wo ist dein Mann?‘ ‚Ach, lieber Vater,‘ antwortete sie, ‚ich komme in großer Trauer wieder heim, mein Mann ist während der Fahrt plötzlich erkrankt und gestorben, und wenn der gute Schiffer mir nicht Beistand geleistet hätte, so wäre es mir schlimm ergangen; er ist bei seinem Tode zugegen gewesen und kann Euch alles erzählen.‘ Der König sprach ‚ich will den Toten wieder lebendig machen,‘ und öffnete die Kammer, und hieß die beiden herausgehen. Die Frau, als sie ihren Mann erblickte, war wie vom Donner gerührt, sank auf die Knie und bat um Gnade. Der König sprach ‚da ist keine Gnade, er war bereit, mit dir zu sterben, und hat dir dein Leben wiedergegeben, du aber hast ihn im Schlaf umgebracht, und sollst deinen verdienten Lohn empfangen.‘ Da ward sie mit ihrem Helfershelfer in ein durchlöchertes Schiff gesetzt und hinaus ins Meer getrieben, wo sie bald in den Wellen versanken.

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Die 7 Speckschwarzen

Gebrüder Grimm
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Die 7 Speckschwarten
Es war einmal eine alte Bettlerin, welche mit der Kunkel in der Hand von Tür zu Tür ging und Almosen bettelte und weil man „durch List und Betrug ein halbes Jahr lebt“, so machte sie einigen mitleidigen und leichtgläubigen Frauen weiß, dass sie für eine magere Tochter ich weiß nicht was für eine fette Suppe machen wolle und erbettelte sich von ihnen sieben Speckschwarten.
Diese trug sie nach Hause, gab sie mit einer Schürze voll Holzspäne, die sie unterwegs von der Erde aufklaubte, ihrer Tochter und befahl ihr dieselben zu kochen, während sie selbst wieder ausging, von einigen Gemüsehändlerinnen etwas Grünzeug zu betteln, um aus Allem eine schmackhafte Suppe zu bereiten.
Die Tochter nahm die Schwarten, sengte die Haare ab, steckte sie in einen Topf und setzte sie ans Feuer. Doch sie wollten nicht sowohl in den Topf, als ihr in den Hals. Denn der emporsteigende Geruch reizte ihren Appetit so heftig, dass sie nach langem Widerstreben endlich, von dem Duft des Topfes angetrieben, von natürlicher Begierde und heftigem Hunger überwältigt, anfing ein wenig zu kosten, was ihr so gut schmeckte, dass sie bei sich sagte: „Wer die Gelegenheit hat, muss sie benutzen; ich bin einmal dabei, ich will darauf losessen, mag da werden was wolle; es ist ja nicht mehr als eine Schwarte!“
Und mit diesen Worten aß sie fürs erste die eine und nachdem sie auf den Geschmack gekommen, fasste sie die zweite, biss dann die dritte an, und so nach und nach aß sie alle sieben auf.

Nachdem sie jedoch ihrer Mutter diesen schlimmen Streich gespielt hatte und nun. darüber nachdachte, was für Unheil daraus für sie selbst entstehen könne, wollte sie der Mutter ein X für ein U machen, nahm einen alten Schuh, schnitt die Sohle in sieben Stücke und steckte sie in den Topf.

Inzwischen kam die Mutter mit einem Bündel Kohl zurück, zerschnitt ihn, so wie er war, ohne irgend etwas davon wegzuwerfen, und als sie das Wasser im Topf in vollem Sieden sah, warf sie die Blätter hinein nebst ein wenig Fett, das ihr ein Kutscher als Almosen gegeben hatte, tat dazu noch einige alte Brotkrusten und schüttete das Ganze auf einen hölzernen Teller. Sodann fing sie mit großem Appetit an zu essen.

Sehr bald jedoch nahm sie wahr, dass ihre Zähne nicht die Fähigkeit einer spitzigen Schuhmacherahle besäßen, und dass die Schweinschwarten durch einen ganz besonderen Zufall sich in das zäheste Büffelfell verwandelt hätten.

Sie wendete sich hierauf zu ihrer Tochter und sagte: „Ich sehe wohl, du hast mir einen bösen Streich gespielt, du verwünschtes Mädchen: was hast du denn hier in die Suppe hineingesteckt? Glaubst du denn, mein Bauch ist ein alter Schuh, dass du ihn mit solchen Lederflicken ausbessern willst? Sogleich gesteh‘ mir, was du getan hast, oder vielmehr, es ist gar keine Entschuldigung, und du verdienst, dass ich dir keinen Knochen im Leibe ganz lasse.“

Saporita, dies war der Name der Tochter, leugnete zwar anfänglich, sah sich aber dennoch endlich zum Geständnis genötigt und gab die Schuld dem Dunste des Topfes, der ihr in die Nase gestiegen sei und sie diesen schlimmen Streich hätte begehen lassen.

Die alte Frau, die ihr Essen so übel zugerichtet sah, packte darauf einen Besen und fing an ihre Tochter dergestalt zu bearbeiten, dass sie siebenmal aufhörte und eben so oft wieder von Neuem anfing.
Bei dem Geschrei des Mädchens trat ein Kaufmann, der zufällig vorüberging, ins Haus und als er die üble Behandlung sah, welche jenes erduldete, nahm er der alten Frau den Besen aus der Hand und sagte zu ihr:

„Was hat dir denn das arme Mädchen getan, dass du sie tot schlagen willst? Heißt das züchtigen und nicht vielmehr umbringen? Schämst du dich nicht, dass du auf diese Weise ein junges Mädchen behandelst?“
„Du weißt nicht“, antwortete die Frau, „was für einen Streich sie mir gespielt hat, das unverschämte Ding! Seht nur, wie arm ich bin, und dennoch will sie mich durch Arzt und Apotheker noch zu Grunde richten! Denn obgleich ich ihr befohlen habe, jetzt bei der großen Hitze nicht so viel zu arbeiten, um nicht krank zu werden, weil ich kein Geld habe, sie kurieren zu lassen: so hat mir doch das ungehorsame Ding recht zum Trotz heute früh sieben Spindeln vollgesponnen, ans die Gefahr hin, vor Schwäche niederzufallen und ein paar Monate lang krank und mir zur Last dazuliegen.“ Als der Kaufmann dies hörte, bedachte er, welch ein großes Glück die Arbeitsamkeit dieses Mädchens für sein Haus sein könnte, und sagte zu der alten Frau: „Lass ab von deinem Zorn, denn ich will dich von dieser Gefahr befreien, deine Tochter heiraten und sie in mein Haus führen, wo sie wie eine Fürstin leben soll. Denn durch Gottes Gnade hab‘ ich ein paar Hühner in meinem Hause, mäste mir mein Schwein, hab‘ meine eigenen Tauben — mit einem Wort, ich kann, mich nicht in meinem Hause umdrehen, so voll ist es. Möge der Himmel mich segnen und ein böser Blick mir nichts antun, denn meine Scheuern sind voll Getreide, meine Kisten voll Mehl, die Krüge voll Oel, die Töpfe voll Schmalz, die Haken voll Speckseiten, die Böden voll Holz. Ich habe herrliche Betten und die köstlichste Wäsche, genug, es geht mir an nichts ab.“

Die alte Frau, da sie ein so unverhofftes Glück mit einmal vor sich sah, fasste Saporita an der Hand und übergab sie dem Kaufmanne nach altneapolitanischer herkömmlicher Sitte, indem sie zu ihm sagte: „Hier hast du sie; sie sei dein auf tausend Jahre mit Gesundheit und Wohlergehen!“

Der Kaufmann umarmte seine Braut, führte sie hierauf nach Hause und konnte vor Ungeduld die Stunde gar nicht erwarten, wo er anfangen könnte sie zu beschäftigen.

Mit Anbruch der Woche nun stand er sehr zeitig auf, ging auf den Markt, kaufte zwanzig Bund Flachs, brachte sie der Saporita und sagte zu ihr: „Jetzt spinn‘ nur immer, so viel du willst; du brauchst dich jetzt nicht mehr zu fürchten, dass eine Närrin, wie deine Mutter, dir die Knochen entzweibreche, weil du zu viel arbeitest, denn für jede zehn Spindeln werde ich dir zehn Küsse geben; arbeite also immer darauf los und wenn ich in drei Wochen von der Messe nach Hanse komme, so lass mich diese zwanzig Bund Flachs gesponnen finden und du sollst auch dafür einen schönen Rock aus rotem Tuch, mit grünem Sammet besetzt, erhalten.“

„Ja, geh nur immer“, murmelte Saporita ganz leise für sich, „du sollst dich wundern! Denkst du denn, ich kann hexen, dass ich in drei Wochen zwanzig Bund Flachs spinnen soll? Geh nur hin, denn es hat lange Zeit und du wirst diesen Flachs dann gesponnen finden, wenn die Leber Haare hat.“

Indessen reiste der Mann ab, und sie, die eben so leckerhaft als faul war, tat weiter nichts, als Kuchen backen und aß vom frühen Morgen bis spät in die Nacht ohne Unterlass. Als aber die Zeit herannahte, dass ihr Mann zurückkehren sollte, fing sie an zu sich zu kommen und zu überlegen, was es für Lärm und Geschrei geben würde, wenn der Kaufmann den Flachs unberührt, die Mehlkisten und Öltöpfe dagegen leer fände.

Sie nahm daher eine lange Stange, wickelte um dieselbe zehn Bund Flachs mitsamt dem Werg, richtete diese Großmutter aller Spindeln in dem Hofe auf, so dass sie bis über das Dach reichte, ging dann auf dasselbe hinauf, indem sie eine große Schüssel mit Makkaronibrühe als Wassernäpfchen bei sich hatte und spann Faden so dünn und so fein wie zu Schiffstauen, und jedes Mal, wenn sie die Finger nass machte, spielte sie mit den Vorübergehenden Karneval, indem sie ihnen Makkaroni zuwarf.

Es kamen nun gerade einige Zauberer vorüber, denen das, was sie da sahen, so viel Spaß machte, dass sie fast vor Lachen hätten bersten mögen, und sie wünschten ihr daher, dass aller Flachs, den sie im Hause habe, sich auf der Stelle nicht nur in Gespinst, sondern in Leinwand und zwar in gebleichte verwandeln möge, was auch alsbald in Erfüllung ging, so dass Saporita in einem Meer von Freude schwamm, als sie dies Glück sich wie vom Himmel herabgeregnet sah.
Damit ihr jedoch ihr Mann nicht wiederum etwas der Art zumuten solle, so legte sie sich zu Bette und schüttete ein Maß Nüsse neben sich hin.

Als nun der Kaufmann nach Hanse kam, fing sie an zu wimmern und sich nach allen Seiten hinzuwerfen, knackte dabei die Nüsse, dass es schien, als krachten ihr alle Knochen im Leibe, und als der Mann sie fragte, wie sie sich befände, antwortete sie mit ganz schwacher Stimme:

„Ich kann mich, lieber Mann, gar nicht schlechter befinden, als eben jetzt; denn scheint es dir etwa eine Kleinigkeit, in drei Wochen zwanzig Gebund Flachs zu spinnen und oben ein noch Leinwand daraus zu machen? Geh nur, geh, denn du hast mir zuviel aufgebürdet, du sollst mich nimmer wieder mit so schwerer Arbeit belasten, denn ich will nicht, um dir deine Spindel voll zu machen, meine Lebensspindel abspinnen.“
Der Mann suchte sie zu besänftigen und sagte zu ihr: „Werde du nur gesund, liebe Frau, jetzt sehe ich ein, wie recht deine Mutter hatte, dich zu züchtigen, dass du so viel arbeitetest und darüber deine Gesundheit verlorst. Sei nur gutes Muts, und sollt‘ es mich selbst ein Auge kosten, gern gab‘ ich es hin, dich wieder gesund zu machen.“ Und sogleich lief er, um den Meister Catruppolo zu holen.

Unterdessen aß Saporita die Nüsse auf und warf die Schalen zum Fenster hinaus. Als nun der Arzt kam, ihr an den Puls fühlte und das Gesicht betrachtete, so folgerte er mit Hippokrates und Galenus, dass ihr Übel von zu vielem Blut und zu weniger Arbeit herkäme.

Der Kaufmann, der da eine große Albernheit zu hören glaubte, jagte ihn mit Schimpf und Schande zum Hause hinaus und wollte sogleich nach einem andern Doktor gehen: Saporita jedoch hielt ihn zurück und sagte, es sei nicht mehr Notwendig, denn der bloße Anblick des ersten hätte sie schon gesund gemacht.

Ihr Mann umarmte sie hierauf herzlichst und sprach zu ihr, von Stund‘ an solle sie nicht mehr arbeiten, sondern sich auf das Beste pflegen, denn was helfe es, Geld erwerben und den Leib verderben.

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Das Mädchen ohne Hände

Gebrüder Grimm

Das Märchen vorlesen lassen

Ein Müller war nach und nach in Armut geraten und hatte nichts mehr als seine Mühle und einen großen Apfelbaum dahinter. Einmal war er in den Wald gegangen, Holz zu holen, da trat ein alter Mann zu ihm, den er noch niemals gesehen hatte, und sprach ‚was quälst du dich mit Holzhacken, ich will dich reich machen, wenn du mir versprichst, was hinter deiner Mühle steht.‘ ‚Was kann das anders sein als mein Apfelbaum?‘ dachte der Müller, sagte ‚ja,‘ und verschrieb es dem fremden Manne. Der aber lachte höhnisch und sagte ’nach drei Jahren will ich kommen und abholen, was mir gehört,‘ und ging fort. Als der Müller nach Haus kam, trat ihm seine Frau entgegen und sprach ’sage mir, Müller, woher kommt der plötzliche Reichtum in unser Haus? auf einmal sind alle Kisten und Kasten voll, kein Mensch hats hereingebracht, und ich weiß nicht, wie es zugegangen ist.‘ Er antwortete ‚das kommt von einem fremden Manne, der mir im Walde begegnet ist und mir große Schätze verheißen hat; ich habe ihm dagegen verschrieben, was hinter der Mühle steht: den großen Apfelbaum können wir wohl dafür geben.‘ ‚Ach, Mann,‘ sagte die Frau erschrocken, ‚das ist der Teufel gewesen: den Apfelbaum hat er nicht gemeint, sondern unsere Tochter, die stand hinter der Mühle und kehrte den Hof.‘

Die Müllerstochter war ein schönes und frommes Mädchen und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun die Zeit herum war, und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte, da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz frühe, aber er konnte ihr nicht nahekommen. Zornig sprach er zum Müller ‚tu ihr alles Wasser weg, damit sie sich nicht mehr waschen kann, denn sonst habe ich keine Gewalt über sie.‘ Der Müller fürchtete sich und tat es. Am andern Morgen kam der Teufel wieder, aber sie hatte auf ihre Hände geweint, und sie waren ganz rein. Da konnte er ihr wiederum nicht nahen und sprach wütend zu dem Müller ‚hau ihr die Hände ab, sonst kann ich ihr nichts anhaben.‘ Der Müller entsetzte sich und antwortete ‚wie könnt ich meinem eigenen Kinde die Hände abhauen!‘ Da drohte ihm der Böse und sprach ‚wo du es nicht tust, so bist du mein, und ich hole dich selber.‘ Dem Vater ward angst, und er versprach, ihm zu gehorchen. Da ging er zu dem Mädchen und sagte ‚mein Kind, wenn ich dir nicht beide Hände abhaue, so führt mich der Teufel fort, und in der Angst hab ich es ihm versprochen. Hilf mir doch in meiner Not und verzeihe mir, was ich Böses an dir tue.‘ Sie antwortete ‚lieber Vater, macht mit mir, was Ihr wollt, ich bin Euer Kind.‘ Darauf legte sie beide Hände hin und ließ sie sich abhauen. Der Teufel kam zum drittenmal, aber sie hatte so lange und so viel auf die Stümpfe geweint, daß sie doch ganz rein waren. Da mußte er weichen und hatte alles Recht auf sie verloren.

Der Müller sprach zu ihr ‚ich habe so großes Gut durch dich gewonnen, ich will dich zeitlebens aufs köstlichste halten.‘ Sie antwortete aber ‚hier kann ich nicht bleiben: ich will fortgehen: mitleidige Menschen werden mir schon so viel geben, als ich brauche.‘ Darauf ließ sie sich die verstümmelten Arme auf den Rücken binden, und mit Sonnenaufgang machte sie sich auf den Weg und ging den ganzen Tag, bis es Nacht ward. Da kam sie zu einem königlichen Garten, und beim Mondschimmer sah sie, daß Bäume voll schöner Früchte darin standen; aber sie konnte nicht hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag gegangen war und keinen Bissen genossen hatte, und der Hunger sie quälte, so dachte sie ‚ach, wäre ich darin, damit ich etwas von den Früchten äße, sonst muß ich verschmachten.‘ Da kniete sie nieder, rief Gott den Herrn an und betete. Auf einmal kam ein Engel daher, der machte eine Schleuse in dem Wasser zu, so daß der Graben trocken ward und sie hindurchgehen konnte. Nun ging sie in den Garten, und der Engel ging mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schöne Birnen, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie hinzu und aß eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu stillen, aber nicht mehr. Der Gärtner sah es mit an, weil aber der Engel dabeistand, fürchtete er sich und meinte, das Mädchen wäre ein Geist, schwieg still und getraute nicht zu rufen oder den Geist anzureden. Als sie die Birne gegessen hatte, war sie gesättigt, und ging und versteckte sich in das Gebüsch. Der König, dem der Garten gehörte, kam am andern Morgen herab, da zählte er und sah, daß eine der Birnen fehlte, und fragte den Gärtner, wo sie hingekommen wäre: sie läge nicht unter dem Baume und wäre doch weg. Da antwortete der Gärtner ‚vorige Nacht kam ein Geist herein, der hatte keine Hände und aß eine mit dem Munde ab.‘ D er König sprach ‚wie ist der Geist über das Wasser hereingekommen? und wo ist er hingegangen, nachdem er die Birne gegessen hatte?‘ Der Gärtner antwortete ‚es kam jemand in schneeweißem Kleide vom Himmel, der hat die Schleuse zugemacht und das Wasser gehemmt, damit der Geist durch den Graben gehen konnte. Und weil es ein Engel muß gewesen sein, so habe ich mich gefürchtet, nicht gefragt und nicht gerufen. Als der Geist die Birne gegessen hatte, ist er wieder zurückgegangen.‘ Der König sprach ‚verhält es sich, wie du sagst, so will ich diese Nacht bei dir wachen.‘

Als es dunkel ward, kam der König in den Garten, und brachte einen Priester mit, der sollte den Geist anreden. Alle drei setzten sich unter den Baum und gaben acht. Um Mitternacht kam das Mädchen aus dem Gebüsch gekrochen, trat zu dem Baum, und aß wieder mit dem Munde eine Birne ab; neben ihr aber stand der Engel im weißen Kleide. Da ging der Priester hervor und sprach ‚bist du von Gott gekommen oder von der Welt? bist du ein Geist oder ein Mensch?‘ Sie antwortete ‚ich bin kein Geist, sondern ein armer Mensch, von allen verlassen, nur von Gott nicht.‘ Der König sprach ‚wenn du von aller Welt verlassen bist, so will ich dich nicht verlassen.‘ Er nahm sie mit sich in sein königliches Schloß, und weil sie so schön und fromm war, liebte er sie von Herzen, ließ ihr silberne Hände machen und nahm sie zu seiner Gemahlin.

Nach einem Jahre mußte der König über Feld ziehen, da befahl er die junge Königin seiner Mutter und sprach ‚wenn sie ins Kindbett kommt, so haltet und verpflegt sie wohl und schreibt mirs gleich in einem Briefe.‘ Nun gebar sie einen schönen Sohn. Da schrieb es die alte Mutter eilig und meldete ihm die frohe Nachricht. Der Bote aber ruhte unterwegs an einem Bache, und da er von dem langen Wege ermüdet war, schlief er ein. Da kam der Teufel, welcher der frommen Königin immer zu schaden trachtete, und vertauschte den Brief mit einem andern, darin stand, daß die Königin einen Wechselbalg zur Welt gebracht hätte. Als der König den Brief las, erschrak er und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie sollten die Königin wohl halten und pflegen bis zu seiner Ankunft. Der Bote ging mit dem Brief zurück, ruhte an der nämlichen Stelle und schlief wieder ein. Da kam der Teufel abermals und legte ihm einen andern Brief in die Tasche, darin stand, sie sollten die Königin mit ihrem Kinde töten. Die alte Mutter erschrak heftig, als sie den Brief erhielt, konnte es nicht glauben und schrieb dem Könige noch einmal, aber sie bekam keine andere Antwort, weil der Teufel dem Boten jedesmal einen falschen Brief unterschob: und in dem letzten Briefe stand noch, sie sollten zum Wahrzeichen Zunge und Augen der Königin aufheben.

Aber die alte Mutter weinte, daß so unschuldiges Blut sollte vergossen werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge und Augen aus und hob sie auf. Dann sprach sie zu der Königin ‚ich kann dich nicht töten lassen, wie der König befiehlt, aber länger darfst du nicht hier bleiben: geh mit deinem Kinde in die weite Welt hinein und komm nie wieder zurück.‘ Sie band ihr das Kind auf den Rücken, und die arme Frau ging mit weiniglichen Augen fort. Sie kam in einen großen wilden Wald, da setzte sie sich auf ihre Knie und betete zu Gott, und der Engel des Herrn erschien ihr und führte sie zu einem kleinen Haus, daran war ein Schildchen mit den Worten ‚hier wohnt ein jeder frei.‘ Aus dem Häuschen kam eine schneeweiße Jungfrau, die sprach ‚willkommen, Frau Königin,‘ und führte sie hinein. Da band sie ihr den kleinen Knaben von dem Rücken und hielt ihn an ihre Brust, damit er trank, und legte ihn dann auf ein schönes gemachtes Bettchen. Da sprach die arme Frau ‚woher weißt du, daß ich eine Königin war?‘ Die weiße Jungfrau antwortete ‚ich bin ein Engel, von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen.‘ Da blieb sie in dem Hause sieben Jahre, und war wohl verpflegt, und durch Gottes Gnade wegen ihrer Frömmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen Hände wieder.

Der König kam endlich aus dem Felde wieder nach Haus, und sein erstes war, daß er seine Frau mit dem Kinde sehen wollte. Da fing die alte Mutter an zu weinen und sprach ‚du böser Mann, was hast du mir geschrieben, daß ich zwei unschuldige Seelen ums Leben bringen sollte!‘ und zeigte ihm die beiden Briefe, die der Böse verfälscht hatte, und sprach weiter ‚ich habe getan, wie du befohlen hast,‘ und wies ihm die Wahrzeichen, Zunge und Augen. Da fing der König an noch viel bitterlicher zu weinen über seine arme Frau und sein Söhnlein, daß es die alte Mutter erbarmte und sie zu ihm sprach ‚gib dich zufrieden, sie lebt noch. Ich habe eine Hirschkuh heimlich schlachten lassen und von dieser die Wahrzeichen genommen, deiner Frau aber habe ich ihr Kind auf den Rücken gebunden, und sie geheißen, in die weite Welt zu gehen, und sie hat versprechen müssen, nie wieder hierher zu kommen, weil du so zornig über sie wärst.‘ Da sprach der König ‚ich will gehen, so weit der Himmel blau ist, und nicht essen und nicht trinken, bis ich meine liebe Frau und mein Kind wiedergefunden habe, wenn sie nicht in der Zeit umgekommen oder Hungers gestorben sind.‘

Darauf zog der König umher, an die sieben Jahre lang, und suchte sie in allen Steinklippen und Felsenhöhlen, aber er fand sie nicht und dachte, sie wäre verschmachtet. Er aß nicht und trank nicht während dieser ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn. Endlich kam er in einen großen Wald und fand darin das kleine Häuschen, daran das Schildchen war mit den Worten ‚hier wohnt jeder frei.‘ Da kam die weiße Jungfrau heraus, nahm ihn bei der Hand, führte ihn hinein und sprach ’seid willkommen, Herr König,‘ und fragte ihn, wo er herkäme. Er antwortete ‚ich bin bald sieben Jahre umhergezogen, und suche meine Frau mit ihrem Kinde, ich kann sie aber nicht finden.‘ Der Engel bot ihm Essen und Trinken an, er nahm es aber nicht, und wollte nur ein wenig ruhen. Da legte er sich schlafen, und deckte ein Tuch über sein Gesicht.

Darauf ging der Engel in die Kammer, wo die Königin mit ihrem Sohne saß, den sie gewöhnlich Schmerzenreich nannte, und sprach zu ihr ‚geh heraus mitsamt deinem Kinde, dein Gemahl ist gekommen.‘ Da ging sie hin, wo er lag, und das Tuch fiel ihm vom Angesicht. Da sprach sie ‚Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch auf und decke ihm sein Gesicht wieder zu.‘ Das Kind hob es auf und deckte es wieder über sein Gesicht. Das hörte der König im Schlummer und ließ das Tuch noch einmal gerne fallen. Da ward das Knäbchen ungeduldig und sagte ‚liebe Mutter, wie kann ich meinem Vater das Gesicht zudecken, ich habe ja keinen Vater auf der Welt. Ich habe das Beten gelernt, unser Vater, der du bist im Himmel; da hast du gesagt, mein Vater wär im Himmel und wäre der liebe Gott: wie soll ich einen so wilden Mann kennen? der ist mein Vater nicht.‘ Wie der König das hörte, richtete er sich auf und fragte, wer sie wäre. Da sagte sie ‚ich bin deine Frau, und das ist dein Sohn Schmerzenreich.‘ Und er sah ihre lebendigen Hände und sprach ‚meine Frau hatte silberne Hände.‘ Sie antwortete ‚die natürlichen Hände hat mir der gnädige Gott wieder wachsen lassen;‘ und der Engel ging in die Kammer, holte die silbernen Hände und zeigte sie ihm. Da sah er erst gewiß, daß es seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und küßte sie und war froh, und sagte ‚ein schwerer Stein ist von meinem Herzen gefallen.‘ Da speiste sie der Engel Gottes noch einmal zusammen, und dann gingen sie nach Haus zu seiner alten Mutter. Da war große Freude überall, und der König und die Königin hielten noch einmal Hochzeit, und sie lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende.

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Der wunderliche Spielmann

Gebrüder Grimm

Der wunderliche Spielmann
Ein Märchen der Brüder Grimm

Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der ging durch einen Wald mutterseelenallein und dachte hin und her. Und als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst: „Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen herbeiholen.“ Da nahm er die Geige vom Rücken und fiedelte eins, daß es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht daher getrabt. „Ach, ein Wolf kommt! Nach dem trage ich kein Verlangen,“ sagte der Spielmann. Aber der Wolf schritt näher und sprach zu ihm: „Ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! Das möchte ich auch lernen.“ – „Das ist bald gelernt,“ antwortete der Spielmann, „du mußt nur alles tun, was ich dir heiße.“ – „O Spielmann,“ sprach der Wolf, „ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.“ Der Spielmann hieß ihn mitgehen, und als sie ein Stück Wegs zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war. „Sieh her,“ sprach der Spielmann, „willst du fiedeln lernen, so lege die Vorderpfoten in diesen Spalt.“ Der Wolf gehorchte, aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die beiden Pfoten mit einem Schlag so fest, daß er wie ein Gefangener da liegenbleiben mußte. „Warte da so lange, bis ich wiederkomme,“ sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Über eine Weile sprach er abermals zu sich selber: „Mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen anderen Gesellen herbeiholen,“ nahm seine Geige und fiedelte wieder in den Wald hinein. Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume dahergeschlichen. „Ach, ein Fuchs kommt,“ sagte der Spielmann, „nach dem trage ich kein Verlangen.“ Der Fuchs kam zu ihm heran und sprach: „Ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! Das möchte ich auch lernen.“ – „Das ist bald gelernt,“ sprach der Spielmann, „du mußt nur alles tun, was ich dir heiße.“ – „O Spielmann,“ antwortete der Fuchs, „ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.“ – „Folge mir,“ sagte der Spielmann, und als sie ein Stück Wegs gegangen waren, kamen sie auf einen Fußweg, zu dessen beiden Seiten hohe Sträucher standen. Da hielt der Spielmann still, bog von der einen Seite ein Haselnußbäumchen zur Erde herab und trat mit dem Fuß auf die Spitze, dann bog er von der andern Seite noch ein Bäumchen herab und sprach: „Wohlan, Füchslein, wenn du etwas lernen willst, so reich mir deine linke Vorderpfote.“ Der Fuchs gehorchte, und der Spielmann band ihm die Pfote an den linken Stamm. „Füchslein,“ sprach er, „nun reich mir die rechte.“ Die band er ihm an den rechten Stamm. Und als er nachgesehen hatte, ob die Knoten der Stricke auch fest genug waren, ließ er los, und die Bäumchen fuhren in die Höhe und schnellten das Füchslein hinauf, daß es in der Luft schwebte und zappelte. „Warte da so lange, bis ich wiederkomme,“ sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Wiederum sprach er zu sich: „Zeit und Weile wird mir hier im Walde lang; ich will einen andern Gesellen herbeiholen,“ nahm seine Geige und der Klang erschallte durch den Wald. Da kam ein Häschen dahergesprungen. „Ach, ein Hase kommt!“ sagte der Spielmann, „den wollte ich nicht haben.“ – „Ei, du lieber Spielmann,“ sagte das Häschen, „was fiedelst du so schön, das möchte ich auch lernen.“ – „Das ist bald gelernt,“ sprach der Spielmann, „du mußt nur alles tun, was ich dir heiße.“ – „O Spielmann,“ antwortete das Häslein, „ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.“ Sie gingen ein Stück Wegs zusammen, bis sie zu einer lichten Stelle im Walde kamen, wo ein Espenbaum stand. Der Spielmann band dem Häschen einen langen Bindfaden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knüpfte. „Munter, Häschen, jetzt spring mir zwanzigmal um den Baum herum!“ rief der Spielmann, und das Häschen gehorchte. Und wie es zwanzigmal herumgelaufen war, so hatte sich der Bindfaden zwanzigmal um den Stamm gewickelt, und das Häschen war gefangen, und es mochte ziehen und zerren, wie es wollte, es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals. „Warte da so lange, bis ich wiederkomme,“ sprach der Spielmann und ging weiter.

Der Wolf indessen hatte gerückt, gezogen, an dem Stein gebissen, und so lange gearbeitet, bis er die Pfoten freigemacht und wieder aus der Spalte gezogen hatte. Voll Zorn und Wut eilte er hinter dem Spielmann her und wollte ihn zerreißen. Als ihn der Fuchs laufen sah, fing er an zu jammern, und schrie aus Leibeskräften: „Bruder Wolf, komm mir zu Hilfe, der Spielmann hat mich betrogen!“ Der Wolf zog die Bäumchen herab, biß die Schnur entzwei und machte den Fuchs frei, der mit ihm ging und an dem Spielmann Rache nehmen wollte. Sie fanden das gebundene Häschen, das sie ebenfalls erlösten, und dann suchten alle zusammen ihren Feind auf.

Der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fiedel erklingen lassen, und diesmal war er glücklicher gewesen. Die Töne drangen zu den Ohren eines armen Holzhauers, der alsbald, er mochte wollen oder nicht, von der Arbeit abließ und mit dem Beil unter dem Arme herankam, die Musik zu hören. „Endlich kommt doch der rechte Geselle,“ sagte der Spielmann, „denn einen Menschen suchte ich und keine wilden Tiere.“ Und fing an und spielte so schön und lieblich, daß der arme Mann wie bezaubert dastand, und ihm das Herz vor Freude aufging. Und wie er so stand, kamen der Wolf, der Fuchs und das Häslein heran, und er merkte wohl, daß sie etwas Böses im Schilde führten. Da erhob er seine blinkende Axt und stellte sich vor den Spielmann, als wollte er sagen: „Wer an ihn will, der hüte sich, der hat es mit mir zu tun.“ Da ward den Tieren angst und sie liefen in den Wald zurück; der Spielmann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank und zog dann weiter.

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Die kluge Else

Gebrüder Grimm

Es war ein Mann, der hatte eine Tochter, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater: „Wir wollen sie heiraten lassen.“ – „Ja,“ sagte die Mutter, „wenn nur einer käme, der sie haben wollte!“ Endlich kam von weither einer, der hieß Hans und hielt um sie an; er machte aber die Bedingung, daß die kluge Else auch recht gescheit wäre. „O,“ sprach der Vater, „die hat Zwirn im Kopf,“ und die Mutter sagte: „Ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten.“ – „Ja,“ sprach der Hans, „wenn sie nicht recht gescheit ist, so nehme ich sie nicht.“ Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter: „Else, geh in den Keller und hol Bier!“ Da nahm die kluge Else den Krug von der Wand, ging in den Keller und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen und stellte es vors Faß, damit sie sich nicht zu bücken brauchte und ihrem Rücken etwa nicht wehe täte und unverhofften Schaden nähme. Dann stellte sie die Kanne vor sich und drehte den Hahn auf, und während der Zeit, daß das Bier hineinlief, wollte sie doch ihre Augen nicht müßig lassen, sah oben an die Wand hinauf und erblickte nach vielem Hin- und Herschauen eine Kreuzhacke gerade über sich, welche die Maurer da aus Versehen hatten stecken lassen. Da fing die kluge Else an zu weinen und sprach: „Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den Keller, daß es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt’s tot.“ Da saß sie und weinte und schrie aus Leibeskräften über das bevorstehende Unglück. Die oben warteten auf den Trank, aber die kluge Else kam immer nicht. Da sprach die Frau zur Magd: „Geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else bleibt!“ Die Magd ging und fand sie vor dem Fasse sitzend und laut schreiend. „Else, was weinst du?“ fragte die Magd. „Ach,“ antwortete sie, „soll ich nicht weinen? Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm vielleicht die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt es tot.“ Da sprach die Magd: „Was haben wir für eine kluge Else!“ setzte sich zu ihr und fing auch an, über das Unglück zu weinen. Über eine Weile, als die Magd nicht wiederkam, und die droben durstig nach dem Trank waren, sprach der Mann zum Knecht: „Geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else und die Magd bleibt!“ Der Knecht ging hinab, da saß die kluge Else und die Magd, und weinten beide zusammen. Da fragte er: „Was weint ihr denn?“ -„Ach,“ sprach die Else, „soll ich nicht weinen? Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt’s tot.“ Da sprach der Knecht: „Was haben wir für eine kluge Else!“ setzte sich zu ihr und fing auch an laut zu heulen. Oben warteten sie auf den Knecht, als er aber immer nicht kam, sprach der Mann zur Frau: „Geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else bleibt!“ Die Frau ging hinab und fand alle drei in Wehklagen und fragte nach der Ursache; da erzählte ihr die Else auch, daß ihr zukünftiges Kind wohl würde von der Kreuzhacke totgeschlagen werden, wenn es erst groß wäre und Bier zapfen sollte und die Kreuzhacke fiele herab. Da sprach die Mutter gleichfalls: „Ach, was haben wir für eine kluge Else!“ setzte sich hin und weinte mit. Der Mann oben wartete noch ein Weilchen, als aber seine Frau nicht wiederkam und sein Durst immer stärker ward, sprach er: „Ich muß nun selber in den Keller gehn und sehen, wo die Else bleibt.“ Als er aber in den Keller kam und alle da beieinander saßen und weinten und er die Ursache hörte, daß das Kind der Else schuldig wäre, das sie vielleicht einmal zur Welt brächte und von der Kreuzhacke könnte totgeschlagen werden, wenn es gerade zur Zeit, wo sie herabfiele, darunter säße, Bier zu zapfen, da rief er: „Was für eine kluge Else!“ setzte sich und weinte auch mit. Der Bräutigam blieb lange oben allein, da niemand wiederkommen wollte, dachte er: „Sie werden unten auf dich warten, du mußt auch hingehen und sehen, was sie vorhaben.“ Als er hinabkam, saßen da fünfe und schrien und jammerten ganz erbärmlich, einer immer besser als der andere. „Was für ein Unglück ist denn geschehen?“ fragte er. „Ach, lieber Hans,“ sprach die Else, „wenn wir einander heiraten und haben ein Kind, und es ist groß, und wir schicken’s vielleicht hierher, Trinken zu zapfen, da kann ihm ja die Kreuzhacke, die da oben ist stecken geblieben, wenn sie herabfallen sollte, den Kopf zerschlagen, daß es liegen bleibt; sollen wir da nicht weinen?“ – „Nun,“ sprach Hans, „mehr Verstand ist für meinen Haushalt nicht nötig; weil du so eine kluge Else bist, so will ich dich haben,“ packte sie bei der Hand und nahm sie mit hinauf und hielt Hochzeit mit ihr.

Als sie den Hans eine Weile hatte, sprach er: „Frau, ich will ausgehen, arbeiten und uns Geld verdienen, geh du ins Feld, und schneid das Korn, daß wir Brot haben.“ – „Ja, mein lieber Hans, das will ich tun.“ Nachdem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei und nahm ihn mit ins Feld. Als sie vor den Acker kam, sprach sie zu sich selbst: „Was tu ich? Schneid ich ehr, oder eß ich ehr? Hei, ich will erst essen.“ Nun aß sie ihren Topf mit Brei aus, und als sie dick satt war, sprach sie wieder: „Was tu ich? Schneid ich ehr, oder schlaf ich ehr? Hei, ich will erst schlafen.“ Da legte sie sich ins Korn und schlief ein. Der Hans war längst zu Haus, aber die Else wollte nicht kommen, da sprach er: „Was hab ich für eine kluge Else, die ist so fleißig, daß sie nicht einmal nach Haus kommt und ißt.“ Als sie aber noch immer ausblieb und es Abend ward, ging der Hans hinaus und wollte sehen, was sie geschnitten hätte. Aber es war nichts geschnitten, sondern sie lag im Korn und schlief. Da eilte Hans geschwind heim und holte ein Vogelgarn mit kleinen Schellen und hängte es um sie herum; und sie schlief noch immer fort. Dann lief er heim, schloß die Haustüre zu und setzte sich auf seinen Stuhl und arbeitete. Endlich, als es schon ganz dunkel war, erwachte die kluge Else, und als sie aufstand, rappelte es um sie herum, und die Schellen klingelten bei jedem Schritte, den sie tat. Da erschrak sie, ward irre, ob sie auch wirklich die kluge Else wäre und sprach: „Bin ich’s oder bin ich’s nicht?“ Sie wußte aber nicht, was sie darauf antworten sollte und stand eine Zeitlang zweifelhaft. Endlich dachte sie: Ich will nach Hause gehen und fragen, ob ich’s bin, oder ob ich’s nicht bin, die werden’s ja wissen. Sie lief vor ihre Haustüre, aber die war verschlossen. Da klopfte sie an das Fenster und rief: „Hans, ist die Else drinnen?“ – „Ja,“ antwortete der Hans, „sie ist drinnen.“ Da erschrak sie und sprach: „Ach Gott, dann bin ich’s nicht,“ und ging vor eine andere Tür; als aber die Leute das Klingeln der Schellen hörten, wollten sie nicht aufmachen, und sie konnte nirgends unterkommen. Da lief sie fort zum Dorf hinaus, und niemand hat sie wieder gesehen.

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Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst

Gebrüder Grimm

HörBAR

Es waren einmal ein Mäuschen, ein Vögelchen und eine Bratwurst in Gesellschaft geraten, hatten einen Haushalt geführt, lange wohl und köstlich im Frieden gelebt, und trefflich an Gütern zugenommen. Des Vögelchens Arbeit war, daß es täglich im Wald fliegen und Holz beibringen müßte. Die Maus sollte Wasser tragen, Feuer anmachen und den Tisch decken, die Bratwurst aber sollte kochen.

Wem zu wohl ist, den gelüstet immer nach neuen Dingen! Also eines Tages stieß dem Vöglein unterwegs ein anderer Vogel auf, dem es seine treffliche Gelegenheit erzählte und rühmte. Derselbe andere Vogel schalt es aber einen armen Tropf, der große Arbeit, die beiden zu Haus aber gute Tage hätten. Denn, wenn die Maus ihr Feuer angemacht und Wasser getragen hatte, so begab sie sich in ihr Kämmerlein zur Ruhe, bis man sie hieß den Tisch decken. Das Würstlein blieb beim Hafen (Topf), sah zu, daß die Speise wohl kochte, und wenn es bald Essenszeit war, schlingte es sich ein mal viere durch den Brei oder das Gemüs, so war es geschmalzen, gesalzen und bereitet. Kam dann das Vöglein heim und legte seine Bürde ab, so saßen sie zu Tisch, und nach gehabtem Mahl schliefen sie sich die Haut voll bis an den andern Morgen; und das war ein herrlich Leben.

Das Vöglein anderen Tages wollte aus Anstiftung nicht mehr ins Holz, sprechend, es wäre lang genug Knecht gewesen, und hätte gleichsam ihr Narr sein müssen, sie sollten einmal umwechseln und es auf eine andere Weise auch versuchen. Und wiewohl die Maus und auch die Bratwurst heftig dafür bat, so war der Vogel doch Meister: es mußte gewagt sein, spieleten derowegen, und kam das Los auf die Bratwurst, die mußte Holz tragen, die Maus ward Koch, und der Vogel sollte Wasser holen.

Was geschieht? das Bratwürstchen zog fort gen Holz, das Vöglein machte Feuer an, die Maus stellte den Topf zu, und erwarteten allein, bis Bratwürstchen heim käme und Holz für den andern Tag brächte. Es blieb aber das Würstlein so lang unterwegs, daß ihnen beiden nichts Gutes vorkam, und das Vöglein ein Stück Luft hinaus entgegenflog. Unfern aber findet es einen Hund am Weg, der das arme Bratwürstlein als freie Beut angetroffen, angepackt und niedergemacht. Das Vöglein beschwerte sich auch dessen als eines offenbaren Raubes sehr gegen den Hund, aber es half kein Wort, denn, sprach der Hund, er hätte falsche Briefe bei der Bratwurst gefunden, deswegen wäre sie ihm des Lebens verfallen gewesen.

Das Vöglein, traurig, nahm das Holz auf sich, flog heim und erzählte, was es gesehen und gehöret. Sie waren sehr betrübt, verglichen sich aber, das Beste zu tun und beisammen zu bleiben. Derowegen so deckte das Vöglein den Tisch und die Maus rüstete das Essen und wollte anrichten, und in den Hafen, wie zuvor das Würstlein, durch das Gemüs schlingen und schlupfen, dasselbe zu schmälzen: aber ehe sie in die Mitte kam, ward sie angehalten und mußte Haut und Haar und dabei das Leben lassen.

Als das Vöglein kam und wollte das Essen auftragen, da war kein Koch vorhanden. Das Vöglein warf bestürzt das Holz hin und her, rufte und suchte, konnte aber seinen Koch nicht mehr finden. Aus Unachtsamkeit kam das Feuer in das Holz, also daß eine Brunst entstand; das Vöglein eilte, Wasser zu langen, da entfiel ihm der Eimer in den Brunnen, und es mit hinab, daß es sich nicht mehr erholen konnte und da ersaufen mußte.

Ein Märchen der Brüder Grimm

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